Vom schärfs­ten Shit der Stadt

Men­schen-Asche brö­selt in den Jo­int. Phä­dra säuft sich um den Rest­ver­stand. Und Wa­gner wirkt im Ge­hei­men

In München - - INHALT - Ru­pert Som­mer

Das schöns­te Kom­pli­ment kam aus sehr be­ru­fe­nem Mund. Der bri­ti­sche „Guar­di­an“zähl­te den De­büt-Ro­man der US-Aus­nah­me­künst­le­rin und Fil­me­ma­che­rin Mi­ran­da Ju­ly gleich mal zu den zehn ein­dring­lichs­ten Lie­bes­ge­schich­ten der Welt­li­te­ra­tur – auf Au­gen­hö­he mit „An­na Ka­reni­na“. Man darf al­so sehr neu­gie­rig sein, was der Kam­mer­spie­le-Haus­re­gis­seur Chris­to­pher Rü­ping aus Der ers­te fie­se Typ her­aus­holt. Er­zählt wird dar­in von Che­ryl Glick­man, An­fang 40, er­folg­reich und al­lein­ste­hend. Die gu­te Frau lei­det. Sie hat fie­se Schluck­be­schwer­den. Auf An­ra­ten ih­res Kol­le­gen Phi­lips, ih­res „Lieb­ha­bers in Ge­dan­ken“, sucht sie ei­nen The­ra­peu­ten auf. Doch wie sich her­aus­stellt, ist Phi­lip, dem Che­ryl blind ver­traut, ein ziem­lich schrä­ger Kauz: Der über 60Jäh­ri­ge liebt sie gar nicht – son­dern ei­ne 16-Jäh­ri­ge. Dann zieht auch noch ein wei­te­res jun­ges Ding, die 20-jäh­ri­ge Clee, Toch­ter von Che­ryls Chef, bei ihr ein. Zu­nächst heißt es, sie wol­le nur ein paar Ta­ge blie­ben. Doch dann brei­tet sie sich ge­walt- und lust­voll im Le­ben ih­rer Zim­mer­wir­tin aus. Tra­gi­ko­mi­sche Ver­wick­lun­gen – man ahnt es – neh­men ih­ren Lauf. (Kam­mer­spie­le, ab 28.4.)

Auf­ge­schlos­sen­heit für den et­was ab­sei­ti­gen Hu­mor soll­te man dann gleich auch noch für das neue deut­sche „Mu­si­cal zum Tot­la­chen“, das sich Do­mi­nik Wa­gner und Jörn-Fe­lix Alt ein­fal­len lie­ßen, mit­brin­gen. Sarg nie­mals nie ent­zün­det ziem­lich star­ken To­bak. Schau­platz ist das her­un­ter­ge­wirt­schaf­te­te Fa­mi­li­en­un­ter­neh­men des ver­stor­be­nen Über­va­ters. Sein Sohn Da­vid be­müht sich, den na­he­zu bank­rot­ten Be­trieb am Lau­fen zu hal­ten. Und da­für ent­wi­ckelt er bi­zar­re Ide­en: Er baut Ikea-Schrän­ke zu Sär­gen um. Da­mit ver­schafft er sich Re­spekt bei der pol­ni­schen Haus­halts­hil­fe Dak­mar, in die Da­vid hoff­nungs­los, weil bis­lang heim­lich ver­liebt ist. Beim ge­mein­sa­men Kif­fen kommt man sich nä­her. Nur dum­mer­wei­se ge­rät Asche von Herrn Sch­mitt in den Jo­int. Die stärks­te Dro­ge der Welt! Be­rauscht von ih­rer Ent­de­ckung ver­kau­fen sie Sch­mitt als Shit. Doch dann kommt die Po­li­zei hin­ter die lu­kra­ti­ve Dea­le­rei. „Neue deut­sche Mu­si­cals gibt es nicht vie­le. Das wol­len wir än­dern“, ha­ben sich die Ma­cher der an­ge­schräg­ten Sau­se ge­dacht. Gran­dio­ser Plan! (Deut­sches Thea­ter, ab 10.5.)

Deut­lich ver­zwei­fel­ter steht es da schon um das Lie­bes­le­ben von Phä­dra, der an­ti­ken Lie­ben­den, die man aus den Dra­men von Eu­ri­pi­des bis Sa­rah Ka­ne kennt. Re­si-In­ten­dant Mar­tin Ku­sej und Al­bert Os­te­mai­er ha­ben ihr Schick­sal neu auf­ge­bü­gelt und ei­ne zwei­te, bri­san­te Zeit­ebe­ne ein­ge­zo­gen – den Af­gha­nis­tan-Krieg. Phädras Nacht er­zählt von ei­ner Frau, de­ren Wahn und Ver­lan­gen aus ihr ei­ne halt­los Süch­ti­ge ge­macht ha­ben. Sie säuft, sie weint um The­seus – bis der end­lich doch aus der Schlacht zu­rück­kehrt. Doch was er vor­fin­det, ist das­sel­be Grau­en wie an der Front: Hass, Ge­walt, Tod und ein frem­den­feind­li­cher Mob. Die al­te Lei­er spielt es eben nicht mehr, das ver­trau­te Lied von Frei­heit, Gleich­heit, Brü­der­lich­keit. (Re­si­denz­thea­ter, ab 7.5.)

Vor dem Grau­en ra­di­kal zu­rück­ge­zo­gen ha­ben sich fünf Ge­heim­bünd­ler: Die Wa­gner-Lieb­ha­ber rund um die Star­schau­spie­ler Char­lot­te Schwab und Man­fred Za­pat­ka müs­sen sich in ei­ner kon­spi­ra­ti­ven Woh­nung tref­fen. So gar nicht passt ihr poe­ti­scher Es­ka­pis­mus in ei­ne ro­he Zeit. Der Nach­bar darf nichts mer­ken. Ro­man­ti­sches Pa­thos gilt als schwer ver­däch­tig. Doch sie sind eben Ins­ge­heim Lo­hen­grin-ver­ses­sen. (Cu­vil­lés­thea­ter, ab 5.5.)

Noch här­ter packt das Mau­serStück von Hei­ner Mül­ler zu. Es ver­legt die Ge­wis­sens­kon­flik­te in ei­ne bar­ba­ri­sche Zeit. Im rus­si­schen Bür­ger­krieg wird dem Ge­nos­sen A von der Par­tei die Lei­tung des Re­vo­lu­ti­ons­tri­bu­nals in Wi­tebsk über­tra­gen. Pflicht­be­wusst geht er der „Ar­beit des Tö­tens“ nach – wie be­foh­len. Doch dann bren­nen die rest­li­chen Si­che­run­gen an Men­sch­lich­keit durch: Er leert das Ma­ga­zin der ti­tel­ge­ben­den Waf­fe in ei­ne Lei­che. Ein grau­sa­mer Ex­zess, der grau­sam ge­sühnt wer­den muss: Wie Kleists Prinz von Hom­burg wird der Ge­nos­se A ge­zwun­gen, in sei­ne Hin­rich­tung ein­zu­wil­li­gen. (Mar­stall, ab 27.4.)

Ei­ne nur auf der Ober­flä­che et­was ab­ge­mil­der­te Spiel­art des Grau­ens ar­bei­tet das Kam­mer­spiel Göt­ter­däm­me­rung von Mar­tin Po­li­tow­ski und Wer­ner Wink­ler her­aus. Drei äl­te­re Her­ren ha­ben dar­in ih­re Le­bens­rei­se ab­ge­bro­chen. Laut strik­ter Sat­zung des Rei­se­ver­an­stal­ters führt das not­ge­drun­gen zu ei­ner Stor­nie­rung der Buchung. Das Pro­blem da­bei: Das Trio hat kei­ne Rei­se­rück­tritts­ver­si­che­rung ab­ge­schlos­sen. Al­so müs­sen sich sie stren­gen Be­din­gun­gen beu­gen – und ih­re Rei­se fort­set­zen. Was nun folgt, ist ei­ne emo­tio­na­le Geis­ter­bahn­fahrt „zwi­schen Him­mel und Höl­le“, wie die Ma­cher des Ba­va­ri­cals „Gäm­sen­däm­me­rung“an­kün­di­gen. (Dreh­lei­er, ab 9.5.)

Auf die Kraft der Poe­sie – und der Dun­kel­heit – setzt die thea­tra­li­sche Re­cher­che Stühl­chen Him­mel­blau, die in der „blau­en St­un­de“, wenn es plötz­lich still wird im Wald, spielt. Ein Mäd­chen und ein Jun­ge wer­den wie­der wach und er­in­nern sich dar­an, dass sie ges­tern, vor­ges­tern oder viel­leicht doch schon vor­vor­ges­tern den Platz, den sie für sich in ei­ner ge­heim­nis­vol­len Welt ge­sucht ha­be, schon wie­der nicht fin­den konn­ten. Nun geht es auf ei­ne Ent­de­ckungs­rei­se – in die „Welt der

Stüh­le“. Zwei Clowns neh­men sie mit auf ei­ne Er­kun­dung, bei der All­tags­ge­gen­stän­de zum Le­ben er­weckt wer­den. (Schau­burg, ab 4.5.)

Am glei­chen Ort nimmt die Bal­lett­pro­duk­ti­on Gaut­hier Dance: Ni­jin­ski die Zu­schau­er mit auf ei­nen Trip in die Welt ei­nes der au­ßer­ge­wöhn­lichs­ten Künst­ler des vo­ri­gen Jahr­hun­derts – die Traum­sphä­ren des Tän­zers und Cho­reo­gra­phen Waslaw Ni­jin­ski. Da­bei spannt sich ein Bo­gen weit hin­aus über die bio­gra­fi­sche Spu­ren­su­che hin zur Fra­ge nach dem Stel­len­wert der Kunst – und dem Preis, den sie un­nach­gie­big ver­langt. Auch hier ver­dun­kelt sich die Rei­se zu­neh­mend – bis Kunst und Wahn nur noch kaum zu tren­nen sind. (Schau­burg, 28. bis 30.4.)

Vom Wahn­sinn zu schrei­ben fällt ge­nau­so schwer, wie Dro­gen­vi­sio­nen auf die Büh­ne zu brin­gen. Ge­org Büch­ner ge­lang das. „Hö­ren Sie denn nichts, hö­ren Sie denn nicht die ent­setz­li­che Stim­me, die um den gan­zen Ho­ri­zont schreit, und die man ge­wöhn­lich die Stil­le heißt.“Es ist kaum aus­zu­hal­ten, was sich im Kopf des jun­gen Dich­ters Ja­kob Lenz ab­spielt. Das Ge­tö­se der Au­ßen­welt wum­mert un­ge­fil­tert hin­ein, da­ge­gen an brül­len die Stim­men aus sei­nem In­ne­ren. Mai­ke Bou­schen und Caio de Aze­ve­do ha­ben Büch­ners Sprach­bil­der ge­nau ab­ge­hört und ver­set­zen sich in den Lenz-See­len­zu­stand hin­ein. (Aka­de­mie­thea­ter, 3.5. bis 6.5.)

Auch hier spricht al­les durch­ein­an­der. Und der Chor der Stim­men fügt sich nur nach und nach zu ei­nem kla­ren Klang. Die Büh­nen­pro­duk­ti­on Der klügs­te Mensch im Face­book bringt un­ter an­de­rem ein pa­läs­ti­nen­sisch-deut­sche Re­gis­seu­rin, die in Mün­chen lebt, ei­nen sy­ri­schen Au­tor, der mitt­ler­wei­le in Ber­lin wohnt, und ei­ne freie Thea­ter­grup­pe mit Fo­kus auf die ara­bi­sche Welt zu­sam­men. Es ent­steht ein Abend der Stim­men – mit bun­ten Bio­gra­fi­en und un­ge­zähl­ten Ge­schich­ten. (Ga­s­teig Black Box, 4./5.5.)

Bleibt zum Durch­at­men – und the­ra­peu­ti­schem Ab-La­chen – noch der neu­es­te Ge­nie­streich von Do­mi­nik Wil­gen­bus. Der Münch­ner Er­folgs­re­gis­seur hat sich mit Ro­sen­kranz und Gül­dens­tern sind tot die ab­surd-ko­mi­sche Ne­ben­ge­schich­te der lan­ge tra­gisch un­ter­schät­zen Ne­ben-Hel­den aus Wil­li­am Sha­ke­speares „Ham­let“vor­ge­nom­men. Und er bringt sie zum Strah­len! (Hof­spiel­haus, ab 4.5.)

Ur­nen-Ulk auf der Mu­si­cal-Büh­ne: SARG NIE­MALS NIE

Zwi­schen Wahn und Welt­gel­tung: GAUT­HIER DANCE: NI­JIN­SKI

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