Mi­cky Mau­se, Mai­den, Macht­kamp­fe

7ªHREND AN­DE­RE FAUL AM STRAND LIE­GEN STELLT SICH AUF DEN "­HNEN DIE ¹BERHITZUNGSFRAGE

In München - - THEATER - Ru­pert Som­mer

Die gro­ße wei­te ele­gan­te Welt – und der knap­pe Trach­ten­jan­ker. An­geb­lich war es die kurz ge­schnit­te­ne Jop­pe ei­nes Lift­boys aus Salz­burg, der Ga­b­ri­el­le „Co­co“Cha­nel zu ih­rem iko­ni­schen Mo­de­klas­si­ker, dem welt­weit wohl be­kann­tes­ten Klei­dungs­stück, in­spi­rier­te. Da­mals mach­te die früh ver­wais­te So­cie­ty-Da­me, die mit den höchs­ten Krei­sen – dar­un­ter auch ei­nem Top-Na­zi­di­plo­ma­ten in Pa­ris – klün­gel­te, Ur­laub in Salz­burg. Der Trach­ten-Schnitt im­po­nier­te ihr. Auch wenn dar­an wahr­schein­lich – wie an so vie­len My­then, die „Co­co“selbst streu­te – nicht al­les stim­men muss. Dank­bar ver­rät­selt war der ko­me­ten­haf­te Auf­stieg der Mo­de­la­dy, die an­fäng­lich ih­re Krea­tio­nen nur für sich selbst und ih­re Freun­din­nen schuf, oh­ne­hin. Des­we­gen hat sie es nicht nur in Film­bio­gra­fi­en, son­dern mit My­thos Co­co – Das Le­ben der Co­co Cha­nel auch auf die Bal­lett-Büh­ne ge­schafft. Der Cho­reo­graf Pe­ter Breu­er nä­hert sich in ei­nem bio­gra­fi­schen Hand­lung­s­tanz ei­ner Frau, die die Mo­de­welt re­vo­lu­tio­nier­te und auch ih­re Frau­en­rol­le ra­di­kal in­ter­pre­tier­te – an­fäng­lich al­lein da­durch, dass sie mu­tig war, die Haa­re kurz und da­zu Ho­sen zu tra­gen. (Deut­sches Thea­ter, 9./10.8.)

Mit ei­ni­gen My­then, die man vor al­lem in der Pop­kul­tur, in Fil­men und nicht zu­letzt in den HipHop-Vi­de­os lieb­ge­won­nen hat, möch­te sich auch die „Tanz­werk­statt Eu­ro­pa“-Pro­duk­ti­on In­au­di­b­le kri­tisch, aber auch au­gen­zwin­kernd aus­ein­an­der­set­zen. Ihr Ge­ne­ral­the­ma ist das Zu­sam­men­spiel von Mu­sik, Be­we­gung, Cho­reo­gra­fie, aber auch den Er­war­tun­gen des Pu­bli­kums. Rei­be­punkt ist da­bei im­mer wie­der das so­ge­nann­te „Mi­cky Mou­sing“, al­so die aus dem Ki­no be­kann­te Ma­rot­te, Er­eig­nis­se auf der Lein­wand, die man se­hen kann, je­weils punkt­ge­nau in der Mu­sik wi­der­zu­spie­geln. Im Tanz kehrt sich die­se Be­zie­hung ja meist um: Die Tän­zer fol­gen den Klän­gen auf den Punkt. Tho­mas Hau­ert und sei­ne Trup­pe Zoo ma­chen sich ei­nen in­tel­lek­tu­el­len Spaß dar­aus. (Muf­f­at­hal­le, 6.8.)

Oh­ne­hin sind gera­de die schöns­ten Zeit für Tanz­freun­de an­ge­bro­chen, kann man sich doch auch auf ei­ne in­ten­si­ve Ver­suchs­an­ord­nung wie La Nuit & Sur le Fil ein­las­sen, in der die ge­bür­ti­ge Al­ge­rie­rin Na­ce­ra Be­la­za und ih­re Trup­pe die Auf­merk­sam­keit bis zum Äu­ßers­ten an­spannt. Vier Tän­ze­rin­nen brin­gen da­bei in re­pe­ti­ti­ven, kraft­vol­len Ges­ten den schwar­zen Raum in Schwung – wie man ei­nen Fa­den spannt und war­tet, bis er end­lich reißt. Das mi­ni­ma­lis­ti­sche Spiel ist da­bei im­mer wie­der ei­ne Ein­la­dung an das Pu­bli­kum, ei­ge­ne Ge­dan­ken auf die Rei­se zu schi­cken. (Muf­f­at­hal­le, 8.8.)

Ak­tu­el­le Schön­heits­nor­men hin­ter­fragt mu­tig die ös­ter­rei­chi­sche Cho­reo­gra­fin Do­ris Uh­lich, die sich im­mer wie­der in sinn­fro­he Wag­nis­se stürzt. In Mehr als ge­nug wirft sie die Fra­ge auf, wie do­mi­nant das äu­ße­re Er­schei­nungs­bild der Ak­teu­re wäh­rend ei­ner Tanz­per­for­mance ist und wie span­nend da­bei kor­pu­len­te Tän­zer wir­ken. Ist die äu­ße­re Hül­le wirk­lich wich­ti­ger als das Fleisch un­ter der Haut? Ganz ne­ben­bei streift die Pro­duk­ti­on auch die Cas­ting­Show-Grund­pro­ble­ma­tik, dass na­tür­lich je­der ger­ne in­di­vi­du­ell wir­ken möch­te – aber vor al­lem dank Hei­di Kl­ums stren­ger Bli­cke - nie­mand aus der Rei­he tan­zen soll­te. Im An­schluss steigt ei­ne Par­ty – ei­ne fet­te, selbst­ver­ständ­lich. (Schwe­re Rei­ter, 5.8.)

Na­tür­lich muss ei­ne zeit­ge­nös­sisch of­fe­ne Fes­ti­val­rei­he frü­her oder spä­ter auch noch bei den Fra­gen nach Chan­cen, Gren­zen und Zu­mu­tun­gen durch die Di­gi­ta­li­sie­rung an­kom­men. Bei der dies­jäh­ri­gen „Tanz­werk­statt Eu­ro­pa“ist da­für ne­ben an­de­ren der Münch­ner Cho­reo­graf Mo­ritz Ostru­schnjak zu­stän­dig. Er nimmt den ti­tel­ge­ben­den Text Neck zum Aus­gangs­punkt – al­so all die ge­beug­ten Ge­stal­ten, die durch un­se­re Städ­te schlur­fen, da­bei aber kei­nes­wegs den Blick vom Smart­pho­ne auf­rich­ten wol­len. Wie kann es sein, dass ei­ne bun­te Bild­schir­mo­ber­flä­che un­ser ein­zi­ges Fens­ter zu Welt ist? (Schwe­re Rei­ter, 10./11.8.)

Wo wir schon bei den kri­ti­schen Geis­tern sind: Auch Au­tor Ulf Schmidt und Re­gis­seur Jo­chen Schölch, Haus­herr im Me­tro­pol­thea­ter, ma­chen sich na­tür­lich im­mer wie­der tie­fe Ge­dan­ken zum Zu­stand der Welt. Recht­zei­tig zum „Ju­bi­lä­um“ei­ner im­mer noch nicht über­stan­de­nen Kri­se und in ei­ner Schwel­len­zeit, in der das Cha­os je­der­zeit wie­der aus­bre­chen kann, leis­tet Schuld und Schein. Ein Geld­stück Auf­klä­rungs­ar­beit. Schmidt lässt Spa­rer und Klein­an­le­ger im­mer wie­der um die al­te, nicht wirk­lich aus der Mo­de ge­kom­me­ne Brecht-Fra­ge „Was ist der Ein­bruch in ei­ne Bank ge­gen die Grün­dung ei­ner Bank?“krei­sen. Da­bei wird der Ver­such un­ter­nom­men, in ein­fa­chen Schrit­ten das welt­wei­te Fi­nanz­sys­tem zu ent­lar­ven, an des­sen Ver­schleie­rung vor al­lem die Rah­mAb­schöp­fer In­ter­es­se ha­ben. Denn auch die­ser Ka­len­der­spruch gilt noch im­mer: „Ei­gent­lich ist es gut, dass die Men­schen un­ser Ban­ken- und Wäh­rungs­sys­tem nicht ver­ste­hen“, sagt Hen­ry Ford einst. „Wür­den sie es näm­lich, so hät­ten wir ei­ne Re­vo­lu­ti­on noch vor mor­gen früh.“(Me­tro­pol­thea­ter, ab 12.8.)

Viel­leicht passt als nach­denk­lich stim­men­der Sound­track da­zu so­gar die Mu­sik­rei­se, auf die Bal­let’N’Blues sei­ne Zu­schau­er und Hö­rer mit­nimmt. „Der Blues exis­tiert, seit die Welt exis­tiert“, war sich John Lee Hoo­ker si­cher. „Der Blues ist die Wur­zel der Mu­sik.“Mit Bal­lett­di­rek­tor Pe­ter Breu­er aus

Salz­burg sieht man sich die Ent­wick­lungs­ge­schich­te von Ro­bert John­son bis Ja­nis Jo­p­lin noch ein­mal ge­nau­er an. (Deut­sches Thea­ter, 11./12.8.)

Wer ganz in der Düs­ter­nis blei­ben möch­te, der kann na­tür­lich auch das gro­ße Hin­rich­tungs­spek­ta­kel Und Trom­pe­ten prei­sen den Tot­schlag mit­neh­men, mit dem Re­gis­seur Lars Al­te­mann an ein Ge­mäl­de von Hier­ony­mus Bosch er­in­nern möch­te. Er dreht die Zeit zu­rück ins Jahr 995 nach Chris­tus, als ein blut­rüns­ti­ger Herr­scher in ei­nem Auf­wasch die Er­mor­dun­gen von 1200 Ge­fan­gen be­fahl. Fünf Hen­ker wa­ren da­mit 17 Ta­ge lang be­schäf­tigt. Auf der Büh­ne geht das et­was schnel­ler. (Pep­per Thea­ter, 4./5.8.)

Viel Wut im Bauch ha­ben auch La­dy Mac­beth, Des­de­mo­na, die gar nicht so zar­te, flat­ter­haf­te Ju­lia und Ham­lets Lieb­chen Ophe­lia. Sie al­le ha­ben noch ei­ne Rech­nung mit dem Dich­ter of­fen, der so grau­sam mit ihnen um­sprang. War­ten auf Wil­li­am ver­steht sich als Abrech­nung mit dem Meis­ter – Sha­ke­speare. (Pa­sin­ger Fa­b­rik, 4. bis 6.8.)

Ein ver­meint­lich gut be­kann­tes Stück in ei­ne völ­lig neue Zeit, die düs­te­re Ära von Mord, Mit­tel­al­ter und Ge­meu­chel, ver­setzt die Frei­licht­pro­duk­ti­on Die Gei­er­wal­ly – Min­ne, Macht und mut’ge Mai­den. Die Va­sal­len in­tri­gie­ren, die Kur­fürs­ten sind pit­to­resk ver­armt – und al­le müs­sen mit dem Ge­du­del von Flö­ten und Schal­mei­en klar­kom­men. (Am­phi­thea­ter im Eng­li­schen Gar­ten, 6.8.)

Eben­falls un­ter frei­em Him­mel lässt Ul­ri­ke Diss­mann Ge­schirr zer­dep­pern. Fried­rich von Kleist Der zer­bro­che­ne Krug un­ter­gräbt je­des Rest­ver­trau­en in die Jus­tiz. Und das ist lus­tig so. (Park vor dem Eben­böck­haus, 10.8.)

Auf gu­te Lau­ne zielt schließ­lich auch die Bou­le­vard-Ko­mö­die Auf­guss ab, für die „Tut­ti Frut­ti“-Mo­de­ra­tor Hu­go Egon Bal­der mal wie­der auf die Bret­ter zu­rück­kommt. Schau­platz ist der Well­ness-Be­reich im Ho­tel Klos­ter­müh­le, wo es hit­zig her­geht. Ei­gent­lich woll­te dort näm­lich ein gut si­tu­ier­ter Wasch­mit­tel­her­stel­ler ei­nen an­ge­mes­sen amou­rö­sen Lie­bes­kurz­ur­laub mit sei­ner ak­tu­el­len Le­bens­ab­schnitts­ge­fähr­tin ver­brin­gen. Doch dann kreu­zen sich sei­ne Weg mit Lothar, dem Chef ei­ner flo­rie­ren­den Kin­der­kli­nik, der sich eben­falls zwi­schen Dampf­bad, Sau­na und Kühl­tauch­be­cken tum­melt. Und dann taucht auch noch ein ge­heim­nis­vol­ler Frem­der auf (un­be­klei­det), den der­lei Lust­bar­kei­ten un­be­dingt brau­chen. (Ko­mö­die im Baye­ri­schen Hof, ab 16.8.)

Kör­per­be­herr­schung, ge­nau auf den Punkt: IN­AU­DI­B­LE

Oh­ne Jop­pe: MY­THOS CO­CO

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