Wes­tern

„Wes­tern“von Val­e­s­ka Gri­se­bach

In München - - INHALT - Do­ris Kuhn

Un­be­kann­tes Pferd. In ei­ner Wald­lich­tung steht es, meh­re­re da­von, hell schim­mert ihr Fell in der Däm­me­rung. Zwei Män­ner nä­hern sich. Lang­sam ge­hen sie an die Pfer­de her­an, vor­sich­tig in ih­ren Be­we­gun­gen. Sie fas­sen in die Mäh­nen, er­staunt und zart­füh­lend je­de Ges­te – ganz an­ders ist die­se Mo­to­rik als tags­über bei ih­rer Ar­beit. Sie mur­meln sanf­te Wor­te, ob­wohl sie sonst na­he­zu sprach­los sind. Die Pfer­de ver­än­dern die Män­ner, die man bis­her bloß aus ei­nem der­ben Bau­stel­lenAll­tag kennt. Val­e­s­ka Gri­se­bachs „Wes­tern“spielt in den Ber­gen von Bul­ga­ri­en, na­he der fron­tier zu Grie­chen­land. Hier ar­bei­tet ein Trupp deut­scher Bau­ar­bei­ter an ei­nem Fluss, ein Was­ser­kraft­werk soll ent­ste­hen. Es gibt end­los Na­tur und nur ar­chai­sche klei­ne Dör­fer, in de­nen man zwar Au­tos hat, aber eben auch Pfer­de. Das La­ger der Deut­schen ist weit vom nächs­ten bul­ga­ri­schen Dorf ent­fernt, da­mit ein Zu­sam­men­tref­fen von Frem­den und Ein­hei­mi­schen mög­lichst un­wahr­schein­lich wird. Mein­hard ist ein Neuer un­ter den Bau­ar­bei­tern. Er ist nicht mehr jung, hat mü­de Au­gen und bleibt ein Au­ßen­sei­ter, ob­wohl er sei­nen Job ver­steht. Er kann von den Pfer­den nicht las­sen, bald klet­tert er auf ei­nes drauf. In gran­dio­sen Bil­dern sieht man ihn ba­reb­ack durchs Ge­län­de rei­ten, bis ins Dorf der Bul­ga­ren. Mein­hard hält das Miss­trau­en aus, das man ihm dort ent­ge­gen­bringt, da­durch lernt er die Be­woh­ner ken­nen. Ei­ne fast un­über­wind­ba­re Hür­de wird ge­meis­tert: die Ver­stän­di­gung. Es gibt kei­ne ge­mein­sa­me Spra­che, aber ir­gend­wann kommt man va­ge mit­ein­an­der klar, durch Ra­de­bre­chen, durch Auf­merk­sam­keit. Die an­de­ren Bau­ar­bei­ter fol­gen. Die Kon­kur­renz zu Mein­hard treibt sie um, oder der Ge­dan­ke an Frau­en. Val­e­s­ka Gri­se­bach be­ob­ach­tet ein­zel­ne Ak­teu­re und de­ren mehr oder we­ni­ger sen­si­ble Kom­mu­ni­ka­ti­on. Das In­ter­es­se an Frau­en ent­spannt die La­ge nicht, al­so be­ginnt man statt­des­sen, mit dem Dorf Ge­schäf­te zu ma­chen. In den Ver­hand­lun­gen um Was­ser, Kies, Last­wä­gen ler­nen bei­de Sei­ten, mit­ein­an­der um­zu­ge­hen. Ein Ge­spräch über Kies kann in „Wes­tern“un­ge­mein span­nend sein, denn beim Tes­to­ste­ron­pe­gel die­ser Män­ner ist je­des Wort viel­leicht der An­lass für spon­ta­ne Feind­se­lig­keit. Häu­fig ahnt man Ge­walt, im­mer ist man froh, wenn Gri­se­bach die ein­zel­nen Epi­so­den fried­fer­tig be­en­det, und tat­säch­lich wird „Wes­tern“ein Film über die Ent­ste­hung von Freund­schaft un­ter wid­ri­gen Be­din­gun­gen. Aber ei­gent­lich ist „Wes­tern“ein Film über Män­ner. Gri­se­bach zeigt Män­ner ei­ner alt­mo­di­schen Ka­te­go­rie, schrof­fe, we­nig ge­wand­te Män­ner, die mit dem Land ein­fa­cher zu­recht­kom­men als mit den Men­schen. Sie zeigt die­se Män­ner wenn sie öf­fent­lich agie­ren und wenn sie sich un­be­ob­ach­tet füh­len, da ver­liert man all­mäh­lich sein Herz. Ein­mal sieht man zu, wie Mein­hard in sei­ner Ba­ra­cke ein Hemd an­zieht, für ei­nen Be­such im Dorf. Al­les liegt schon in sei­ner Be­we­gung: die Vor­freu­de auf den Abend; der Wil­le, sich schön zu ma­chen; der Re­spekt vor der Frem­de. Nur in Wes­tern sieht man sonst Män­ner in der Wild­nis so pri­vat.

Un­ser Wes­ten liegt im Sü­den

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