Sum­mer­ti­me Blues

In München - - MEINE PLATTE - Paul Schmitz Der Au­tor ar­bei­tet in Mün­chen als Re­dak­ti­ons­lei­ter für das CLASSIC ROCK Ma­ga­zi­ne. Seit­dem er mit sie­ben Jah­ren be­gann, das Schlag­zeug spie­len zu ler­nen, ver­sucht er dies mal mehr, mal we­ni­ger „er­folg­reich“in un­ter­schied­lichs­ten Bands. Sei­ne

Nur we­ni­ge For­mu­lie­run­gen sind bei uns in der CLASSIC ROCK-Re­dak­ti­on ver­bo­ten, viel­leicht ein­fach, weil wir sie selbst nicht mehr le­sen kön­nen. Ei­ne da­von: „der per­fek­te Sound­track für den Som­mer“, die­se hoh­le Satz­hül­se für je­de Neu- und Wie­der­ver­öf­fent­li­chung von Mai bis Sep­tem­ber. Und da­bei wä­re dar­an gar nicht so viel falsch, wür­de die­se Ka­te­go­rie nur nicht von den „RTL2-Ac­tion-News“bis zur „Was hört Gret­chen Mei­er“Spal­te der BUN­TE und de­ren all­jähr­li­cher ver­zwei­fel­ten Som­mer­loch­jagd nach dem ei­nen „Som­mer­hit“be- bis über­be­an­sprucht. Denn es ist wahr, es lebt sich an­ders im Som­mer und ent­spre­chend hört es sich in ihm auch an­ders. Bei der Su­che nach mei­nem „per­fek­ten Som­mer-Sound­track“ha­ben mich per­sön­li­che Er­in­ne­run­gen, zu­ge­ge­ben schlech­te Wort­spie­le und auch of­fen­sicht­li­che Grün­de auf fünf Al­ben ge­bracht. Was man im Som­mer hört, weiß ich noch im­mer nicht, und das möch­te ich (sie­he oben) auch nicht fest­stel­len. Doch an wel­che Mu­sik ich den­ke, wenn es um meine liebs­te Zeit geht, mit die­sen Ge­schmacks­weis­hei­ten darf ich euch heu­te be­leh­ren. Weil ich ge­fragt wur­de!

Ra­mo­nes – Acid Ea­ters

Mäd­chen, Strand und Meer müs­sen sein, klar! Da kommt man nicht am Surf- und Ga­ra­ge-Rock so­wie dem SunshinePop und Rhythm’n’Blues der 60s vor­bei. Nur könn­te man lei­der mit je­dem die­ser Sub-Gen­res je fünf Fol­gen die­ser Ru­brik fül­len. Da hilft al­so nur ein Trick, ei­ne Not­lö­sung, die aber auch sehr wit­zig ist: 1993, da­mals ja lei­der schon oh­ne Dee Dee, ver­öf­fent­lich­ten die Ra­mo­nes ein rei­nes Co­ver-Al­bum mit ei­ni­gen Hits ih­rer prä­gends­ten Hel­den, aus de­ren Wer­ken sie in den 70ern das her­aus de­stil­liert hat­ten, was ge­mein­hin als Punk­rock be­zeich­net wer­den soll­te. Hier tum­meln sich Künst­ler, die al­le­samt mit ei­nem ei­ge­nen Text an die­ser Stel­le hät­ten be­dacht wer­den sol­len. The Who sind mit „Sub­sti­tu­de“, bei dem Pe­te Town­send per­sön­lich als Zweit­stim­me gas­tiert, ver­tre­ten. Bei „Out Of Ti­me“zeigt Jo­ey, wie na­he er Mick Jag­ger kom­men kann. Mit „My Back Pa­ges“eh­ren die New Yor­ker zwar Dy­lan, doch ver­mut­lich geht der Sa­lut viel mehr in Rich­tung der Byrds, die den Song eben­falls ge­co­vert hat­ten. Noch nicht ge­nug Som­mer? Da wä­ren CCRs „Ha­ve You Ever Se­en The Rain“(co­min’ down on a sun­ny day?),The Seeds, The Troggs und na­tür­lich der Herr der Me­lo­die und Har­mo­nie: OberBeach-Boy Bri­an Wil­son, der hier mit dem von ihm kom­po­nier­ten und von Jan And De­an in­ter­pre­tier­ten „Surf Ci­ty“ge­fei­ert wird.

The Doors – Wait­ing For The Sun

Apro­pos Acid Ea­ters: Jim Mor­ri­son, bar­fuß, mit of­fe­nem Hemd und in brau­ner Le­der­ho­se schlen­dert mit schlän­geln­dem Hüft­schwung über die Brü­cken von Ve­nice auf der Su­che nach sei­ner Lie­be, die er in ei­nem blü­hen­den Gar­ten fin­det. Im Hin­ter­grund da­zu tröp­feln nek­tar­ar­tig und leicht swin­gend die An­schlä­ge von „Lo­ve Street“über die Or­gel­tas­ten. So zu­min­dest ro­man­ti­sier­te Oli­ver Sto­ne in sei­nem Bio­pic „The Doors“mun­ter nost­al­gisch und schuf da­mit ein viel­leicht künst­li­ches, si­cher aber per­fek­tes Som­mer­bild. Un­ver­ständ­li­cher­wei­se war man da­mals im Ju­li ‘68 im Schat­ten der bei­den Vor­gän­ge­ral­ben eher ent­täuscht von den Doors und ih­rem „Wait­ing For The Sun“, des­sen Ti­tel­song üb­ri­gens erst auf „Mor­ri­son Ho­tel“lan­den soll­te. Und trotz­dem fin­det sich dar­auf so viel Som­mer und mu­si­ka­li­scher Pio­nier­geist. Krie­gers Fla­men­coGi­tar­re in „Spa­nish Ca­ra­van“und das ri­tu­el­le Stamp­fen und Klat­schen mit tan­ce­ar­ti­gem Ge­sang der ge­sam­ten Band in „My Wild Lo­ve“ent­füh­ren ei-

nen in die flir­ren­de Wüs­te (um dort ei­nen Trip ein­zu­wer­fen, wenn es nach Sto­ne geht). Stets wird man da­bei be­glei­tet von der Ver­gäng­lich­keit des Som­mer und des Le­bens, von der Mor­ri­son so be­ses­sen war und hier ex­pli­zit im me­lan­cho­li­schen Früh­herbst­stück „Sum­mer‘s Al­most Go­ne“ver­tont wur­de.

He­art – Litt­le Queen

Mit Folk- und Eth­no-Sounds aus Man­do­li­nen (je­de Men­ge Man­do­li­nen), in­di­schen Tab­laTrom­meln, klas­si­schen 70erHard-Rock-Groo­ves und -Riffs so­wie ih­rem un­ver­wech­sel­ba­ren ver­füh­re­ri­schen Si­re­nen­ge­sang ha­ben die bei­den Wil­son-Schwes­tern und ih­re Band He­art 1977 mit ih­rem drit­ten und bis da­hin er­folg­reichs­ten Al­bum „Litl­le Queen“zehn emo­tio­nal und sti­lis­tisch viel­sei­ti­ge Stü­cke ge­schaf­fen. Bei al­ler Di­ver­si­tät strah­len sie al­le ei­ne un­glaub­li­che Wär­me aus, bei­na­he so, als hät­ten sie da­mals mit ih­ren Mi­kro­fo­nen Son­nen­strah­len ein­fan­gen kön­nen. Für das be­kann­tes­te Lied dar­aus, den wü­ten­den Hit „Bar­ra­cu­da“, trifft das so­gar noch am we­nigs­ten zu. „Lo­ve Ali­ve“lässt Mäd­chen in wal­len­den Klei­dern ums Feu­er tanzen, der mit Frosch­ge­sang be­gin­nen­de in­stru­men­ta­le „Syl­van Song“scheint di­rekt ei­ner hei­ßen Sumpf­land­schaft ent­sprun­gen zu sein, mit „Dream Of The Archer“wa­ren He­art R.E.M und ih­rem son­ni­gen „Loo­sing My Re­li­gi­on“um gan­ze 24 Jah­re vor­aus und bis heu­te kann kei­ne Frei­luft­fe­te bes­ser als mit „Kick It Out“(und ge­nü­gend Bier) los­ge­tre­ten wer­den.

Guns N’ Ro­ses – Li­ve At The Ritz

Zwar Fe­bru­ar 1988 im win­ter­li­chen New York auf­ge­zeich­net, kann ein Li­ve-Kon­zert kaum hit­zi­ger ge­ra­ten als die­se für MTV und ei­ni­ge Ra­dio-Spe­cials auf­ge­zeich­ne­te Show der fünf Ur-Gun­ners. Noch heu­te kur­sie­ren zahl­rei­che Boot­legs des Kon­zerts in­klu­si­ve ei­ner Men­ge über je­des „fuck“in die Ril­len ge­kratz­ten Zen­sur-Bee­pTö­ne, die die elf Stü­cke nur noch ge­mei­ner und un­ge­ho­bel­ter wir­ken las­sen. Im (Tem­po-)Rausch und vor schein­bar un­kon­trol­lier­ba­rer Ener­gie über­schla­gen sich Axl, Slash, Duff, Iz­zy und Ste­ven re­gel­mä­ßig in die­sem „Ap­pe­ti­te For De­struc­tion“-Set, das mit dem Ae­ros­mith-Co­ver „Ma­ma Kin“und ei­ner Rohst­fas­sung ih­res spä­ter bom­bas­ti­schen Dy­lanT­ri­buts „Kno­ckin‘ On Hea­ven‘s Door“auf­ge­mö­belt wur­de. Un­ter den Fans wird ge­rauft, die Mu­si­ker sprin­gen ins Pu­bli­kum und Axl stän­kert sich zwi­schen den Lie­dern den ju­gend­li­chen Är­ger von der See­le – im­mer mit die­sem Un­heil her­auf­be­schwö­ren­den Grin­sen in der Stim­me. Die­se „Li­ve At The Ritz“-Gun­ners, wa­ren der klei­ne Ha­fen von Punks, der die Sun­set-Glam-Plas­tik-Ku­lis­se im West Hol­ly­wood der mitt­le­ren und spä­ten Acht­zi­ger ein­riss.

Fran­kie Lee – American Drea­mer

Oh­ne In­tro, gleich mit dem ers­ten Takt be­ginnt das 2015 er­schie­ne­ne „American Drea­mer“ mit der Zei­le „I was born in a sum­mer storm“. Der in die­ser Sze­ne­rie am Ufer des Mis­sis­sip­pi ge­bo­re­ne Fran­kie Lee ist – heu­te 35 Jah­re alt – mu­si­ka­lisch eher som­mer­lich leicht­fü­ßig als be­son­ders stür­misch ge­ra­ten: Er, der nach­denk­lich mu­si­zie­ren­de Far­mers­jun­ge, ist es ein­deu­tig, von dem hier im Ti­tel die Re­de ist. Auf sei­nem De­büt träumt er sei­nem noch jun­gen und doch be­weg­ten Leben quer durchs Land hin­ter­her und weckt da­bei mit sei­nem rei­nen Ame­ri­ca­na-Sound und den ein­gän­gi­gen PopHooks Sehn­süch­te beim Hö­rer. Ger­ne möch­te man selbst ei­nen Som­mer lang des­sen Sta­tio­nen ent­lang der High­ways vom Sü­den bis nach Min­nea­po­lis, wei­ter nach Te­xas und bis Ka­li­for­ni­en auf ei­ner al­ten BMW (sei­nem liebs­ten Ge­fährt) ab­rei­ten. „American Drea­mer“ist Mu­sik ge­wor­de­nes, mo­der­nes Cow­boy-Spiel für gro­ße Kin­der – sei es auch nur im Kopf.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.