THEATER

Gro­ße Wir­bel­kräf­te ent­fa­chen Alvin Ailey, Mond­süch­ti­ge, Im­mo­bi­li­en-Schuf­te und ein­sa­me Mö­wen

In München - - INHALT - Ru­pert Som­mer

Hai-Alarm mit­ten in Schwa­bing

Es ist ei­ne Na­tur­ge­walt, die über den ro­ten Thea­ter­raum schwappt, der nicht ganz von un­ge­fähr an das In­ne­re ei­nes Lu­xus-Kreuz­fahrt­schiffs er­in­nert. Doch an­ders als al­le zer­stö­re­ri­schen Flu­ten ist es die Ma­gie der Schön­heit, die al­le Zu­schau­er ins Stau­nen ver­set­zen wird: End­lich mal wie­der gas­tiert das Alvin Ailey American Dance Theater in der Stadt – und hat da­für nicht nur die zau­ber­haf­ten Klassiker, son­dern auch neue, bis­lang noch nie in Mün­chen ge­se­he­ne Stü­cke mit­ge­bracht. Noch im­mer gilt da­bei das Dik­tum des 1989 viel zu früh ver­stor­be­nen Meis­ters, der den Mo­dern Dance be­grün­det hat­te: „Dance is for ever­y­bo­dy“. Und ent­spre­chend wird sich auch je­der von der kraft­vol­len Mix­tur zeit­lo­ser Kör­per­kunst und Ele­ganz mit­rei­ßen las­sen – und na­tür­lich von den Beats, die zu­nächst nach klas­si­schem Bal­lett klin­gen und vor dem Hip Hop nicht stop­pen. Bis­lang mehr als 25 Mil­lio­nen Fans in 71 Län­dern kön­nen sich ein­fach nicht täu­schen. Vor al­lem, wenn es um den Klassiker „Reve­la­ti­ons“aus dem Jahr 1960 geht. Das viel ge­spiel­te, stets um­ju­bel­te Tanz­stück führt tief zu­rück in den Sü­den der Staa­ten und fei­ert das afro­ame­ri­ka­ni­sche Er­be in an­ge­mes­se­ner Strahl­kraft. Ne­ben dem Schau-Stück kom­men am vier­tei­li­gen Abend auch Cho­reo­gra­fi­en von Ro­bert Batt­le („Taka­de­me“), Ro­nald K. Brown („Four Cor­ners“) und Ren­nie Har­ris („Exo­dus“) zur Auf­füh­rung. Not to be mis­sed, wie der noch im­mer Ame­ri­ka-Lie­ben­de sagt. (Deut­sches Theater, bis 27.8.)

Wer doch et­was ver­passt hat – sei­nen schon lan­ge über­buch­ten Flug nach Mallor­ca et­wa -, der kann ge­trös­tet wer­den. Das Thea­ter­spek­ta­kel Mal­le für al­le! zeigt ein Herz für al­le Da­heim- und Zu­rück­ge­blie­be­nen. War­um sich mit den Suff­köp­pen am ver­müll­ten Strand her­um­schla­gen, wenn man das gan­ze Ver­gnü­gen auch bei ei­nem kal­ten Hel­len oder ei­nem Ei­mer Bio-San­gria in Schwa­bing nach­fei­ern kann? Ur­laubs­has­ser Burchard Da­bin­nus, die mal­lor­qui­nisch-baye­ri­sche Sach­ver­stän­di­ge Ca­ta­li­na Na­var­ro Kir­ner und der selbst­er­nann­te Ta­pas-Ex­per­te Franz Jo­sef Wal­ter, der zu­sätz­lich auch für die ge­bo­te­ne mu­si­ka­li­sche Mee­res­bran­dung sorgt, in­stal­lie­ren das welt­ers­te Mallor­ca Schwa­bings – mit­ten im Her­zen der hei­mi­schen Schin­ken­stra­ße. Doch na­tür­lich hat die Show nicht nur Au­gen­zwin­kern, son­dern auch an­ge­mes­sen py­ro­ma­ni­schen Ernst: Wo die un­ent­deck­ten Flie­ger­bom­ben ti­cken und die Ab­riss­bir­nen schwin­gen, muss man na­tür­lich auch die Fra­ge auf­wer­fen, wel­che Ge­fahr von den Im­mo-Hai­en aus­geht und wie man Schwa­bings Bal­ler­mann mit Spreng­kraft­hil­fe viel­leicht doch noch ret­ten kann. (Hep­pel & Ett­lich, 30.8. bis 7.9.)

War­um nicht gleich auch noch ei­nen Welt­t­raum-Trip bu­chen? Wem das zu teu­er und zu un­ge­müt­lich ist („Es gibt kein Bier auf dem Mond“), der kann ja noch für Ti­ckets für die laut Selbst­aus­kunft „ko­mischs­te Op­fer von Jo­seph Haydn“ein­che­cken. Die Welt auf dem Mond er­zählt ei­ne ziem­lich ver­dreh­te Ge­schich­te, wie sie auch heu­te im Pri­vat-TV laufen könn­te. Im­mer­hin spielt ein Be­trug ei­ne zen­tra­le Rol­le. Weil ein For­scher, ein Graf und sein Die­ner dem nicht ganz zu Un­recht „Herr von Gut­glau­ben“ge­nann­ten Ade­li­gen sei­ne bei­den Töch­ter samt Haus­mäd­chen ab­luch­sen wol­len, in­sze­nie­ren sie ei­ne per­fekt auf die Spin­ne­rei­en des Stern­süch­ti­gen ab­ge­stimm­te In­tri­ge: Sie gau­keln dem Gut­gläu­bi­gen die per­fek­te Welt auf dem Mond vor – na­tür­lich auf Er­den. Al­le ir­di­schen Ver­hält­nis­se müs­sen da­für auf den Kopf ge­stellt wer­den. Und das Durch­ein­an­der ist er­wart­bar groß. (Schloss Nym­phen­burg, ab 24.8.)

Eben­falls ein cham­pa­gner­süf­fi­ger Ver­füh­rungs­spaß ist na­tür­lich auch Gioa­chi­no Ros­si­nis Oper La Ce­ne­ren­to­la, die den klas­si­schen „Aschen­put­tel“-Stoff um­spielt. Be­son­ders viel Druck ver­spürt da­bei der Prinz Ra­mi­ro, der un­be­dingt hei­ra­ten möch­te. Aber eben nicht ir­gend­ei­ne, son­dern die per­fek­te Braut. Al­so in­sze­niert er ei­nen Ball, um her­aus­zu­fin­den, wel­che der Don-Ma­gni­fi­co-Töch­ter die Rich­ti­ge für ihn ist. Die meis­ten Bli­cke zieht al­ler­dings das mär­chen­haft schö­ne Di­enst­mä­del auf sich. Wer hät­te es ge­ahnt. (Pa­sin­ger Fa­b­rik, bis 20.8.)

Bleibt zum Ab­schluss An­ton Paw­lo­witsch Tsche­chows Die Mö­we, ei­ne un­er­war­tet wit­zi­ge, über­ra­schend zeit­ge­nös­si­sche Spiel-im-Spiel-Va­ri­an­te. In ei­nem Land­haus am See ver­sam­meln sich dort je­des Jahr die Freun­de der Mos­kau­er Schau­spie­le­rin Iri­na. Da­bei geht es drun­ter und drü­ber. Iri­nas Lieb­ha­ber, der be­kann­te Au­tor Tri­go­rin, ver­liebt sich aus­ge­rech­net in die Haupt­dar­stel­le­rin Ni­na ei­nes Stücks von Iri­nas Sohn Kost­ja. Ein un­be­hol­fe­nes Werk, das zu­nächst von al­len ver­lacht wird. Auch Ni­na kommt nicht bei al­len gut an, was aber nicht un­be­dingt zu ei­nem Selbst­mord­ver­such füh­ren müss­te. Al­ler­dings hat­te ihr der Schuft Tri­go­rin ein­ge­re­det, sie ha­be gro­ßes Ta­lent. Nächs­tes Jahr ist man schon wie­der am See – die Er­in­ne­run­gen sind wach, doch die Men­schen ha­ben sich sehr ver­än­dert. (Te­am­thea­ter Tank­stel­le, bis 26.8.)

Kör­per­kunst in Voll­en­dung: ALVIN AILEY AMERICAN DANCE THEATER

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