Ge­teil­te Stadt

Ori­gi­nal­auf­nah­men aus Ara­kis Buch „To­kyo“in der Pi­na­ko­thek der Mo­der­ne

In München - - AUSSTELLUNGEN - Bar­ba­ra Tei­chel­mann

Sei­ne Bil­der kennt man. Und das nicht, weil er ei­ner der be­kann­tes­ten zeit­ge­nös­si­schen Fo­to­gra­fen ist, son­dern weil man an sei­nen Bil­der nicht vor­bei­schau­en kann. Jetzt sa­gen Sie vi­el­leicht: „Ent­schul­di­gen Sie mal, das ei­ne hat ja wohl mit dem an­de­ren zu tun.“Ja, klar. So schnell so be­kannt ge­wor­den ist No­buyo­shi Ara­ki, weil sei­ne Ar­bei­ten nicht nur hoch­äs­the­tisch son­dern auch hoch­pro­vo­ka­tiv sind. Ein­ge­schnür­te Brüs­te, freie Sicht auf Va­gi­nas, aus de­nen Blu­men wach­sen, Frau­en mit ge­spreiz­ten Bei­nen, die kopf­über an Sei­len bau­meln ... die­se Bil­der ver­gisst man nicht so schnell. Aber die ero­ti­sche Ins­ze­nie­rung des weib­li­chen Kör­pers ist nur ein Aspekt sei­nes um­fang­rei­chen Wer­kes, das täg­lich wei­ter wächst. Fast 500 Bü­cher hat er bis heu­te ver­öf­fent­licht. Man­che da­von auf­wän­dig ge­bun­den, an­de­re schnell ko­piert und zu­sam­men­ge­hef­tet. Am An­fang sei­ner Kar­rie­re hat er ei­ni­ge Ex­em­pla­re sei­ner quick-and-dir­ty ko­pier­ten Bänd­chen an wild­frem­de Men­schen ver­schickt, de­ren Adres­sen er per Zu­fall aus dem Te­le­fon­buch her­aus­ge­sucht hat. Sein Bild ge­wor­de­ner Blick soll ge­se­hen wer­den. Ei­nen – ge­mes­sen am Ge­samt­werk – klei­nen Aus­schnitt sei­ner Fo­to­bli­cke kann man der­zeit in der Pi­na­ko­thek der Mo­der­ne be­sich­ti­gen. „Ara­ki. To­kyo“zeigt die Ori­gi­nal­vor­la­ge von Ara­kis Buch „To­kyo“, das 1973 in klei­ner Auf­la­ge ge­druckt wur­de und 2004 für die Münch­ner Fo­to­samm­lung an­ge­kauft wur­de. Die­se frü­he, kon­zep­tio­nel­le Ar­beit be­steht aus 28 schwarz­wei­ßen Di­pty­chen, die sich nicht ver­ti­kal, son­dern ho­ri­zon­tal tei­len. Ara­ki spal­tet sei­ne Hei­mat­stadt in ein Oben und ein Un­ten und kom­bi­niert da­bei zu­fäl­li­ge Pas­san­ten auf der Stra­ße mit ero­ti­schen Selbst­in­sze­nie­run­gen ei­ner jun­gen Frau. Und na­tür­lich, man fängt an, das ei­ne mit dem an­de­ren zu ver­knüp­fen. Träumt das oben vom un­ten? Oder um­ge­kehrt? Wo hört die Wirk­lich­keit auf? Was hat der an­ony­me All­tag mit der sub­jek­ti­ven Ebe­ne zu tun? Wer be­ob­ach­tet wen? Und was ist zu­erst da? Das Bild oder die Ge­schich­te? Und was sagt die­se Tren­nung über die ja­pa­ni­sche Ge­sell­schaft An­fang der 1970er-Jah­re aus? Ara­kis Werk ist nicht nur groß, es ist auch sehr viel­fäl­tig und reicht von hoch­e­ro­ti­schen Frau­en­dar­stel­lun­gen über ar­ti­fi­zi­el­le Still­le­ben und Pflan­zen­fo­to­gra­fi­en, All­tags­dar­stel­lun­gen und Ar­chi­tek­tur­auf­nah­men bis hin zu sehr per­sön­li­chen Fo­to­gra­fi­en von sich und sei­ner früh ver­stor­be­nen Frau Yo­ko. Um­so schö­ner, dass Dr. In­ka Grae­ve In­gel­mann, Ku­ra­to­rin der Aus­stel­lung und Lei­te­rin der Samm­lung Fo­to­gra­fie und neue Me­di­en, die­se Se­rie mit wei­te­ren Ar­bei­ten aus Ara­kis Früh­werk kom­bi­niert. Ne­ben Se­ri­en wie „The Past“(1972) und „The Days We We­re Hap­py“(1972) wer­den die äu­ßerst sel­te­nen „Xerox Photo Al­ben“und lan­ge ver­grif­fe­ne Künst­ler­bü­cher Ara­kis aus den frü­hen 1970er-Jah­ren fil­misch durch­ge­blät­tert. Auch wenn sich das jetzt nach viel an­hört – und es letzt­lich auch ist – „Ara­ki. To­kyo“ist ei­ne wohl­tu­end über­sicht­li­che Ein­raum­aus­stel­lung, die ge­ra­de durch die Kon­zen­tra­ti­on den ei­ge­nen Blick wei­tet.

Er war­tet im An­zug an der Am­pel, sie ist nackt und zu­hau­se. Be­ob­ach­te­te und in­sze­nier­te Wirk­lich­keit wer­den zum me­ta­pho­ri­schen Ab­bild von Ara­kis Hei­mat­stadt „To­kyo“.

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