J.D. Van­ce

In München - - LITERATUR - Rai­ner Ger­mann

Hill­bil­ly-Ele­gie

(Ull­stein)

Sei­ne Groß­mut­ter, „Ma­maw“ge­nannt, hat­te im­mer zwei Göt­ter: Je­sus Chris­tus und die USA. Und für den 1984 ge­bo­re­nen Au­tor gab es nichts an­de­res und für al­le an­de­ren, die er kann­te, auch nicht. Die Fa­mi­lie von J.D. Van­ce stammt aus den Ber­gen und Hü­geln der Ap­pa­la­chen, die sich qu­er durch Ken­tu­cky, Mis­sis­sip­pi, Vir­gi­nia und West Vir­gi­nia zie­hen. Die Men­schen wa­ren und sind hier vie­ler­orts arm, weiß, gläu­big, kon­ser­va­tiv, na­tio­na­lis­tisch, ge­walt­tä­tig und ex­zes­siv: Hill­bil­lys, zu Deutsch: Hin­ter­wäld­ler. Trai­ler Park Trash, Schwarz­bren­ner, Meth-Ko­cher – was Bü­cher von Do­nald Ray Pol­lock und Da­ni­el Woodrell auf sehr ge­lun­ge­ne Art dra­ma­ti­sie­ren, hat J.D. Van­ce zum Teil selbst er­lebt. Über­wie­gend auf­ge­wach­sen bei sei­nen Groß­el­tern, die schon bald ar­beits­be­dingt in Rich­tung Nor­den nach Midd­le­town, Ohio, ab­wan­der­ten, ver­brach­te der Au­tor ei­ne schwie­ri­ge Kind­heit mit ei­ner Mut­ter, die stän­dig zwi­schen Dro­gen­sucht, Ent­zug und di­ver­sen Män­ner­be­kannt­schaf­ten wech­sel­te. Wäh­rend sei­ner Mi­li­tär-Zeit reif­te in ihm der Ent­schluss, et­was an­de­res aus sei­nem Le­ben zu ma­chen und die­ser Teu­fels­spi­ra­le aus Re­si­gna­ti­on und Selbst­mit­leid, in der sich im­mer mehr wei­ße Ame­ri­ka­ner aus der ehe­ma­li­gen Ar­bei­ter­schicht be­fin­den, zu ent­kom­men. Und es ge­lang: Van­ce stu­dier­te Ju­ra in Ya­le und ar­bei­tet heu­te als An­walt. Sein „Kla­ge­lied“ist ei­ne So­zi­al­re­por­ta­ge über ei­nen schwer ent­täusch­ten Teil der ame­ri­ka­ni­schen Ge­sell­schaft, der wohl auch zum Wahl­sieg Do­nald Trumps bei­ge­tra­gen hat­te. Van­ce schrieb kei­ne An­kla­ge und bie­tet im Grun­de auch we­nig Lö­sungs­vor­schlä­ge, au­ßer dem, sein Schick­sal selbst in die Hand zu neh­men. Wer wis­sen möch­te, wie vie­le Men­schen im so­ge­nann­ten „Rust Belt“ti­cken, dem sei die Lek­tü­re emp­foh­len. „Kei­ne Re­gie­rung der Welt kann die­se Pro­ble­me für uns lö­sen“, meint Van­ce. Die ak­tu­el­le in den USA, trotz al­ler Ver­spre­chen, wohl am we­nigs­ten.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.