FRISCH GEPRESST / MEI­NE PLATTE

Re­arm Cir­cuit (Blue Swan Re­cor­ds)

In München - - INHALT - Micha­el Sai­ler

Schall­plat­ten sind rund, da­mit das Den­ken die Rich­tung än­dern kann. „Schall­plat­ten? Wo­von re­det er denn jetzt wie­der?“Zu­dem ist die­se nicht nur rund, son­dern of­fi­zi­ell ge­spro­chen: „coke bott­le cle­ar“, al­so mi­ni­mal blau­grün schat­tiert, aber durch­blick­durch­sich­tig. Man kann sie ro­tie­rend vor die Welt stel­len, auf Din­ge le­gen und den er­staun­li­chen Ef­fekt er­le­ben, durch die Welt hin­durch und hin­ter die Din­ge bli­cken zu kön­nen, die da­bei in an­de­rem Licht er­schei­nen. Ver­än­der­te Wahr­neh­mung in­du­ziert Ein­sicht in kos­mi­sche Re­la­tio­nen. „O weh! Ich fürch­te, er hat sich mal wie­der ei­nen Pro­gres­si­ve-Rock-Vi­rus ein­ge­fan­gen! Al­le mit an­pa­cken, wir müs­sen ihn auf den Bo­den der Tat­sa­chen zu­rück­zer­ren!“Uff. Na gut, der Be­griff „pro­gres­siv“ist gen­reh­is­to­risch vi­el­leicht nicht ganz falsch, aber er sug­ge­riert ei­ne ein­di­men­sio­na­le, ziel­ge­rich­te­te Be­we­gung, die hier nicht statt­fin­det. Viel­mehr hat die Band Ica­rus The Owl, die aus Jo­ey Ru­ben­stein und wech­seln­den Be­glei­tern be­steht, viel­ge­stal­ti­ge und mehr­fäl­ti­ge Wur­zeln. Et­wa im har­ten Grund des Epi­taph- und Fat-Wreck-Chor­d­sHard­core der 90er und di­ver­sen EmoGärt­chen, an­de­rer­seits rei­chen sie bis ganz jen­seits, weit drü­ben in den dich­ten Wäl­dern der ver­kopf­ten Spin­ti­sie­re­rei, in de­nen emo­tio­nal ver­stör­te Spät­ju­gend­li­che vor Äo­nen un­ter dem Ein­fluss von über­do­sier­tem Kon­sum und über­zo­ge­ner Ana­ly­se der Wer­ke von Yes, ELP und Ge­ne­sis her­um­irr­ten. Da­zu aber per­len aus dem Tor­na­do der Kom­ple­xi­tät Me­lo­die­frag­men­te her­aus, die sich sehr wohl in Ra­dio­for­ma­te hin­ein­schlei­chen könn­ten. Wenn sie woll­ten (sie wol­len nicht). Wer­den wir, wenn’s sein muss, pro­sai­scher: „Ich woll­te mit mei­nen bes­ten Freun­den Mu­sik ma­chen und über Für­ze la­chen“, sagt Jo­ey Ru­ben­stein über sei­ne Mo­ti­va­ti­on, ei­ne Band zu grün­den. „Das er­schien mir wie die per­fek­te Le­bens­wei­se.“Und selbst­ver­ständ­lich, auch wenn sie hin und wie­der ge­wech­selt ha­ben, be­steht sei­ne Be­glei­tung aus drei bes­ten Freun­den, die mehr tun, als die meis­ten könn­ten, und doch ex­akt ge­nug, um zur Ein­heit zu ver­schmel­zen: Drum­mer Rob Bern­kopf (bei des­sen Nach­na­men man sich an die er­wähn­te Durch­blick­durch­sich­tig­keit des coke­fla­schen­kla­ren Vi­nyls er­in­nert, aber gut, las­sen wir das) wir­belt, don­nert und rummst, aber das Fun­da­ment, das er legt, soll in ers­ter Li­nie tra­gen und tut das mit sol­cher Si­cher­heit, dass Tim Browns Le­ad­gi­tar­re und ih­re kaum in No­ten zu fas­sen­den Es­ka­pa­den dar­auf tan­zen wie ein schlaf­wan­deln­der Hoch­seil­ar­tist. Ja­ke Tho­mas-Low und sein Bass fal­len nur dem auf, der ein spe­zi­el­les In­ter­es­se hegt, und das ist auch in sei­nem Fall ei­ne un­er­setz­li­che Stär­ke. Aber Vor­sicht. Es sind Songs, die auf dem fünf­ten ITO-Al­bum er­klin­gen, al­le­samt zwi­schen 3:16 und 4:48 Mi­nu­ten lang, al­so kom­pakt und greif­bar, oh­ne Aus­wüch­se und de­li­rie­ren­de Nicht­auf­hö­ren­kön­ne­rei. Fast bo­den­stän­dig, könn­te man mei­nen. Aber ih­re Kom­ple­xi­tät weist und wirkt nach in­nen; wähnt man ei­ne Ver­schach­te­lung er­grün­det ha­ben, öff­net sich ei­ne neue, mit sol­cher Ele­ganz und Ge­schwin­dig­keit, dass von fern der Ein­druck ei­nes un­un­ter­bro­che­nen, stän­dig ins­ge­samt chan­gie­ren­den Schil­lerns ent­steht. Wer da­rin hän­gen­bleibt, den wir­belt es in ei­ne ge­fühl­te Ewig­keit hin­ein, in der sich ein phan­tas­ti­scher Kos­mos öff­net. „Obacht! Er schwebt wie­der los!“Das Ab­bild die­ser Wir­kung sind Ru­ben­steins Tex­te: Da meint man kla­re Din­ge zu er­ken­nen, aber die Me­ta­phern, Al­le­go­ri­en, Bil­der ver­schwim­men und zer­wei­chen in­ein­an­der hin­ein, ma­chen neu­gie­rig und wach­sen sich aus. Neh­men wir die ers­te Stro­phe von „The Re­nais­sance Of Kil­ling Art“: „My co­los­sal was­te of ti­me outs­ide of the con­cert halls / I ha­ve be­en a fraud / They look the sa­me to me; it’s the re­nais­sance of kil­ling art / But no one gi­ves a fuck. / Cold, oscil­la­ting brain; fin­gers in the ground / They len­ded me tech­no­lo­gy and now I’ve got to lea­ve / Souls shat­te­red on the bo­nes of pre­vious un­k­nowns / Cau­te­ri­ze the bloo­dy mess and churn one out for me.“Na, wol­len wir dar­über mal spre­chen? Hat je­mand zwei Wo­chen Zeit? Dann dre­he ich schon mal lau­ter und ho­le die Tee­beu­tel.

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