Flo­ri­an F. Scher­zer

In München - - LITERATUR - Ru­pert Som­mer

Neu­bay­ern

(Hirsch­kä­fer Ver­lag)

Es ist ein düs­te­res Idyll, durch das ein Flüss­chen na­mens Pfaffl fließt. Bau­ern­kin­der, von de­nen es vie­le gibt und eben­so vie­le mit ih­ren Müt­tern im Kinds­bett ster­ben, müs­sen hier noch je­der­zeit mit Schlä­gen rech­nen. Knech­te und Mäg­de hau­sen recht- und per­spek­ti­ven­los mit un­ter dem Dach. Und die Pfar­rer, die bier­sau­fen­den Amts­män­ner und ih­re Knüp­pel-schwin­gen­den Schan­dis hal­ten die Ord­nung auf­recht und dul­den kei­nen Wi­der­spruch. Im­mer­hin wacht über al­lem Kö­nig Lud­wig aus dem fer­nen Mün­chen, wenn er sich vor Ort im Drecks­nest auch nur als Sta­tue oder Wand­ma­le­rei se­hen lässt. Mit der Wucht ei­nes Gang­ho­fers oder Tho­mas zeich­net Flo­ri­an F. Scher­zer, im bür­ger­li­chen Le­ben Wer­ber ei­ner Münch­ner Agen­tur, der in den frü­hen Mor­gen­stun­den sei­nen ers­ten Ro­man in die Tas­ten klopf­te, ein Pro­vinz­ge­mäl­de aus ei­nem rück­stän­di­gen, gar nicht weiß­blau-hei­te­ren Bay­ern im Schat­ten mäch­ti­ger Berg­rü­cken. Nur we­nig Licht dringt in die Tä­ler, so et­was wie Auf­klä­rung erst ganz spät. Doch als heim­lich der Dorf­bub Ben­no ab­ge­führt wird, möch­te Jo­seph Kie­ner doch mehr wis­sen: Er will sei­nen Freund wie­der­fin­den, bricht auf zu ei­ner ge­fähr­li­chen Rei­se durch sei­nen kaf­ka­es­ken Po­li­zei­staat – und macht ei­ne fürch­ter­li­che Ent­de­ckung: Sein ver­trau­tes Bay­ern ist ei­gent­lich ein „Neu­bay­ern“– und das Klein­hal­ten der klei­nen Leu­te, das Lü­gen und Ver­tu­schen durch die Ob­rig­keit, das man auch im sehr rea­len Frei­staat gut kennt, ist Teil ei­ner per­fi­den Ver­schwö­rung. Was Scher­zer – sprachmäch­tig, bild­ge­wal­tig, be­drü­ckend und mit viel Herz­blut – als ver­meint­li­chen Hei­mat­ro­man des 19. Jahr­hun­derts be­gin­nen lässt, wird nach und nach zum Politthriller in ei­ner sehr ge­gen­wär­ti­gen Jetzt­zeit. Was wä­re, wenn die gu­ten al­ten Zei­ten nie­mals gut ge­we­sen wä­ren? Und wenn wir al­le nicht in Bay­ern, son­dern in ei­ner Gera­ni­en­kas­ten-Va­ri­an­te der „Co­lo­nia Di­g­n­i­dad“vor uns hin wursch­teln? Span­nen­de Fra­ge!

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