Gleich und Selb: von Schlös­sern, Sui­ten, Bur­gen und deut­schen Son­der(irr)we­gen

In München - - BELÄSTIGUNGEN -

Wenn zwei das glei­che tun, ist es meist nicht das­sel­be. Z. B. gilt es im Rah­men der Re­geln, auf die sich un­se­re Herr­schen­den ge­ei­nigt ha­ben, als nor­mal, daß ei­ner ei­nen ton­nen­schwe­ren, gift­aus­sto­ßen­den Blech-Plas­tik-Kas­ten auf öf­fent­li­chem Grund ab­stellt. Daß das grund­sätz­lich gar nicht nor­mal ist, merkt man, wenn ein an­de­rer ei­nen al­ten Kühl­schrank da­ne­ben­stellt, der höchs­tens ei­nen Zent­ner wiegt, nie­man­den tö­tet und nicht mal mit ei­nem dröh­nen­den Ver­bren­nungs­mo­tor aus­ge­stat­tet ist: Da pran­gert so­fort je­mand in tra­di­tio­nel­ler Haus­meis­ter­ma­nier die Ver­schan­de­lung des Stadt­bilds durch il­le­ga­le Ent­sor­gung von Sperr­müll an. Ob­wohl in den Kühl­schrank not­falls ein Igel ein­zie­hen könn­te, was beim „sport­ver­wend­ba­ren Ve­hi­kel“nicht geht. Das fährt meis­tens über den Igel drü­ber. An­de­rer Fall: Da hängt an ei­ner Wand das Bild ei­nes Hau­ses, das in ei­ner Tru­he mit Gold­stü­cken steht, da­zu der Spruch: „Ih­re Im­mo­bi­lie ist Gold wert.“An ei­ner an­de­ren Wand hängt kein Bild, da steht nur ein Spruch: „Gen­tri­fi­zie­rung an­grei­fen!“Der Un­ter­schied ist ge­rin­ger als man meint. Bei­de Bot­schaf­ten sind öf­fent­lich sicht­bar. Bei­de Ur­he­ber ha­ben Geld für die Ver­öf­fent­li­chung aus­ge­ge­ben – der ei­ne für den Druck des Pla­kats und des­sen An­brin­gung, der an­de­re für ei­ne Farb­sprüh­do­se plus ei­ge­ne Ar­beits­zeit. Bei­de neh­men zu dem glei­chen Vor­gang Stel­lung. Und bei­de er­re­gen be­wußt und un­ver­schämt öf­fent­li­chen Är­ger. Al­ler­dings är­gern sich über die „Gold“Pro­vo­ka­ti­on le­dig­lich ca. 1,3 Mil­lio­nen „nor­ma­le“Münch­ner, die ih­re Le­bens­zeit mit blö­der Ar­beit ver­schwen­den, da­mit sie nicht in ei­nen al­ten Kühl­schrank am Stra­ßen­rand zie­hen müs­sen, und die ta­gein, tag­aus mit der nerv­lich und kör­per­lich zer­rüt­ten­den Angst le­ben, daß ih­nen das plötz­lich doch pas­siert. Hin­ge­gen kratzt die „An­griff“-Pro­vo­ka­ti­on die­je­ni­gen, die durch die Ar­beit der an­de­ren reich ge­wor­den sind und sich ei­ne 500Qua­drat­me­ter-„Sui­te“kau­fen kön­nen. Wenn die et­was kratzt, las­sen sie ein Ge­setz ma­chen. In die­sem Fall: ei­nes, das das Be­ma­len ei­nes Hau­ses als „Sach­be­schä­di­gung“de­fi­niert, ob­wohl da­bei nicht der ge­rings­te Scha­den ent­steht. Die an­de­ren kön­nen sich nicht weh­ren, die müs­sen die de­mü­ti­gen­de Be­lei­di­gung hin­neh­men, an der sie je­den Tag auf dem Weg zur Blöd­ar­beit vor­bei­has­ten: Dei­ne Im­mo­bi­lie wä­re Gold wert, wenn du ei­ne hät­test! Hast du aber nicht, ätsch! Des­we­gen ge­hört dein Le­ben uns, und weil das Loch, in dem du haust, auch uns ge­hört, schmei­ßen wir dich da hin­aus, so­bald je­mand da­her­kommt, der noch mehr da­für be­zahlt! So geht das, wenn Men­schen das glei­che tun und es nicht das­sel­be sein darf. Ganz ge­le­gent­lich, wenn Gleich und Selb in gar zu ar­gen Wi­der­spruch ge­rie­ten und der Är­ger der vie­len Be­nach­tei­lig­ten den Grum­mel der we­ni­gen Be­vor­zug­ten all­zu grell über­strahl­te, pas­sier­te es frü­her, daß man hand­greif­lich wur­de. In­des schmeißt der Deut­sche dann nur im Ex­trem­fall das nichts­nut­zi­ge Adels­pack hin­aus und quar­tiert sich in des­sen Schlös­sern und Sui­ten ein. Nor­ma­ler­wei­se geht er ei­nen sei­ner Son­der­we­ge, die ger­ne in ei­nem Welt­krieg en­den. Z. B. tra­fen sich vor 300 Jah­ren 450 Stu­den­ten, die die Na­se voll hat­ten von Un­ter­drü­ckung, Aus­beu­tung und Gen­tri­fi­zie­rung. Zu­min­dest möch­te man das mei­nen, wenn man liest, was sie im Ta­ges­ver­lauf ih­rer Zu­sam­men­rot­tung an For­de­run­gen auf­stell­ten: „Frei­heit und Gleich­heit“sei­en „das Höchs­te, wo­nach wir zu stre­ben ha­ben“, hieß es da, „die Ge­burt“sei „ein Zu­fall“und „Vor­rech­te sind mit der Ge­rech­tig­keit un­ver­ein­bar“. Aber es ist der Deut­sche halt ein Deut­scher, und so stand im ers­ten Pa­ra­gra­phen das, was für­der­hin als ein­zig zu­läs­si­ge und durch­set­zungs­fä­hi­ge For­de­rung aus sol­chen Be­rat­schla­gun­gen her- vor­ging: „Ein Deutsch­land ist, und ein Deutsch­land soll sein und blei­ben.“Abends soff man sich be­sin­nungs­los, gröl­te „Eh­re! Frei­heit! Va­ter­land“und ver­brann­te Bü­cher. Der Welt­krieg ließ noch auf sich war­ten, folg­te aber un­aus­weich­lich. 120 Jah­re spä­ter pfiff der Deut­sche auf Aus­beu­tung, Un­ter­drü­ckung und den ver­spro­che­nen „So­zia­lis­mus“und be­te­te ei­nen na­gel­neu­en Adel von Füh­rern und Bon­zen an, der zwar ein Hau­fen kri­mi­nel­ler Schweins­köp­fe war, aber da­für ge­sorgt hat­te, daß ein Deutsch­land war. Wie­der ver­heiz­te man Bü­cher. Der Welt­krieg kam dies­mal schnel­ler. 30 Jah­re spä­ter for­der­ten schon wie­der Stu­den­ten Frei­heit, Gleich­heit und so Zeug. Her­aus kam: die Frei­heit, zu kon­su­mie­ren, ei­ne „grü­ne“Par­tei, de­ren Füh­rer das Un­ter­neh­men Bar­ba­ros­sa wie­der­ho­len möch­ten, und ein paar Ir­re, die den Ho­lo­caust leug­nen. Heu­te, wo der Deut­sche in sei­ner über­wäl­ti­gen­den Mehr­heit gründ­li­cher und ef­fek­ti­ver aus­ge­beu­tet, un­ter­drückt und über­wacht wird als seit dem my­thi­schen Mit­tel­al­ter und die Früch­te die­ser „Ent­wick­lung“in Form von Gen­tri­fi­zie­rungs­bur­gen, gleich­ge­schal­te­ten Pro­pa­gan­da­me­di­en und Mil­lio­nen von Ka­me­ras je­den Tag vor der Na­se hat, was tut er da? Er wählt FDP und AfD, grölt „Eh­re! Frei­heit! Va­ter­land!“und hul­digt dem nicht mehr ganz neu­en Adel von kri­mi­nel­len Schweins­kopf­bon­zen, weil er ins­ge­heim da­von träumt, sel­ber in so ei­nen Sui­ten­pa­last ein­zu­zie­hen. Und der Welt­krieg? Der däm­mert am öst­li­chen Ho­ri­zont her­an. Auf die Fra­ge, wie­so es nicht das­sel­be ist, wenn zwei das glei­che tun, und war­um er sich die­sen Irr­sinn seit Jahr­hun­der­ten ge­fal­len läßt, kommt er nicht. Ich weiß: nicht nur der Deut­sche (und schon gar nicht nur der Münch­ner). Der aber auch. Und im Zwei­fels­fall im­mer am ve­he­men­tes­ten.

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