Spie­gel des Le­bens

In München - - LITERATUR -

„Ei­nes Mor­gens fiel ihm auf, dass er nicht mehr wuss­te, wie sein Ge­sicht aus­sah. Er hat­te sich lan­ge nicht mehr an­ge­schaut. Al­les, was ihn hät­te spie­geln kön­nen, hat­te er weit weg ge­räumt.“Der be­kann­te Per­for­mance­künst­ler Ot­to Spie­gel be­fin­det sich in ei­ner Schaf­fens­kri­se, als sei­ne El­tern ster­ben und ihm ein selt­sa­mes Er­be hin­ter­las­sen: ei­nen Über­see­kof­fer, der mi­nu­tiö­se De­tails und Auf­zeich­nun­gen aus sei­ner Kind­heit bis zu sei­nem sieb­ten Le­bens­jahr ent­hält. Der gra­fi­sche Au­tor Marc-An­toi­ne Ma­thieu in­sze­niert in Ot­to (Re­pro­dukt) ei­ne wie ge­wohnt sehr ei­gen­wil­li­ge Ge­schich­te der Selbst­fin­dung ei­nes Künst­lers und zi­tiert da­mit auch sei­ne an­de­ren Ar­bei­ten wie „Gott höchst­per­sön­lich“, „3 Se­kun­den“und „Rich­tung“. „Ot­to“lebt wie­der von bild­star­ken Me­ta­phern auf gra­fisch höchs­tem Ni­veau, die Ot­tos „Me­ta­phy­sik der Spie­ge­lung“il­lus­trie­ren. Die Rei­se zu­rück in sei­ne Kind­heit ist für Ot­to ein Neu­an­fang und Aus­weg, denn als Per­for­mance­künst­ler ist er zwar sehr er­folg­reich, sei­ne Auf­trit­te wer­den auf der gan­zen Welt, wie zum Bei­spiel im ver­spie­gel­ten Mu­se­um in Bil­bao, mit Bei­falls­stür­men ge­fei­ert. Aber das Spiel mit den Spie­ge­lun­gen sei­ner selbst, dass Ot­to in sei­ner Kunst be­treibt, zieht ihn im­mer mehr in ei­ne Lee­re, die sich in sei­nem In­ne­ren aus­brei­tet. In sei­nen schwarz­wei­ßen Zeich­nun­gen er­fin­det Ma­thieu phan­tas­ti­sche Wel­ten, die fast ar­chi­tek­to­nisch an­mu­ten und in de­nen sich sein Prot­ago­nist ver­liert – und wie­der­fin­det. Das Mo­tiv des Spie­gels wird hier zu ei­ner Su­che nach dem Sinn des Le­bens. Rai­ner Ger­mann

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