Win­ter­kra­cher

In München - - MEINE PLATTE - Ma­ria Goeth

Der Win­ter ist da! Zeit, sich mal wie­der was be­son­ders Saf­ti­ges und Ge­halt­vol­les auf die Oh­ren zu gön­nen. Mei­ne Aus­wahl wid­met sich ei­ni­gen kraft­strot­zen­den Hin­hö­rern zwi­schen Klas­sik und Pop.

An­tonín Dvořák: Pia­no Tri­os op. 65 & 90, Trio Wan­de­rer (har­mo­nia mun­di)

„Was ist das bit­te für ei­ne Ham­mer­mu­sik!“möch­te man al­le paar Se­kun­den aus­ru­fen, wenn man sich die­se bei­den Wer­ke für Gei­ge, Cel­lo und Kla­vier an­hört. Ent­stan­den sind sie En­de des 19. Jahr­hun­derts und bal­len in ei­nem re­gel­rech­ten Emo­ti­ons­rausch die Ge­fühls­wel­ten die­ser Zeit, die nicht um­sonst „Ro­man­tik“ge­nannt wird: me­lan­cho­lisch, aber­wit­zig vir­tu­os, fei­er­lich, lo­cker-ver­spielt, wild, nach­denk­lich, en­er­gisch, ly­risch, düs­ter, lei­den­schaft­lich – und na­tür­lich im­mer mit sla­wi­schem Feu­er, das der Tsche­che An­tonín Dvořák be­son­ders das Trio op. 90 durch­glü­hen lässt. Als In­ter­pre­ten sind mit dem Trio Wan­de­rer wah­re Alt­meis­ter am Start. Die drei Fran­zo­sen ha­ben sich schon in den 80er Jah­ren bei ih­rem Stu­di­um in Pa­ris zu­sam­men­ge­fun­den und beim ARD Wett­be­werb 1988 gleich ei­nen der wich­tigs­ten Prei­se der klas­si­schen Mu­sik­welt ab­ge­räumt. Seit­dem sind sie re­gel­recht zu ei­nem Klang­or­ga­nis­mus ver­schmol­zen, der ge­mein­sam at­met, wü­tet, tanzt und grü­belt. Mu­sik, die ei­nen ga­ran­tiert 60 Mi­nu­ten lang auf der Stuhl­kan­te sit­zen lässt!

Slixs: Quer Bach (Raum­klang)

A-cap­pel­la-For­ma­tio­nen gibt es vie­le. Er­freu­li­cher­wei­se gibt es in jüngs­ter Zeit auch je­de Men­ge wirk­lich gu­te Acap­pel­la-For­ma­tio­nen, die mit ih­rem na­he­zu per­fek­ten, un­be­glei­te­ten Ge­sang und ih­ren oft­mals ei­ge­nen Ar­ran­ge­ments Bal­sam für die Hör­syn­ap­sen sind. Da her­vor­zu­ste­chen, ist gar nicht so ein­fach. Den „Vo­cal Bas­tards“der Grup­pe Slixs ge­lingt das nach we­ni­gen Tö­nen. Das Mä­del und die fünf Jungs kom­men aus Ber­lin, Dres­den, Leip­zig und Hal­le und sin­gen sich quer durch den Gen­re-Ge­mü­se­gar­ten: Jazz, Pop, Funk, Gos­pel, R&B, Soul, Boo­gie, Scat oder auch mal ein So­nett von Wil­li­am Sha­ke­speare. Auch Welt­mu­sik und Klas­sik ha­ben sie im Re­per­toire. Mit ih­rem Pro­jekt „Quer Bach“ha­ben sie ei­nen ech­ten Voll­tref­fer ge­lan­det: Als Film­mu­sik zum deut­schen Ki­no­film „Mensch Kot­schie“von Nor­bert Baum­gart­ner hat Slixs 2014 In­stru­men­tal­mu­sik von Jo­hann Se­bas­ti­an Bach ar­ran­giert, die im sel­ben Jahr als Al­bum „Quer Bach“beim La­bel Raum­klang er­schie­nen ist. Was da er­klingt, ist völ­lig neu und doch voll Re­spekt für den Groß­meis­ter des Ba­rock: Ab­so­lut prä­zi­se wird hier ein Klang­netz von atem­be­rau­ben­der Far­big­keit ge­spon­nen – ge­sun­gen auf frei er­fun­de­ne Sil­ben: „Über­ein­stim­mun­gen mit re­al exis­tie­ren­den Wör­tern sind rein zu­fäl­lig“, heißt es im Book­let. A cap­pel­la vom Al­ler­feins­ten!

Jo­ni Mit­chell: Tur­bu­lent In­di­go (Re­pri­se)

Sie hat sie ein­fach! Jo­ni Mit­chell hat die­se per­fek­te Sin­ger-Song­wri­ter-Stim­me. Leicht an­ge­raut vom Ni­ko­tin­kon­sum, dem sie seit ih­rem neun­ten Le­bens­jahr frönt, und mit die­sem idea­len Mix aus Läs­sig­keit und In­ten­si­tät. Zeit, ein­mal wie­der ihr Kul­tal­bum „Tur­bu­lent In­di­go“von 1994 her­vor­zu­kra­men, das sei­ner­zeit auch ei­nen Gram­my als Po­pal­bum des Jah­res ge­wann. Hier er­le­ben wir die ka­na­di­sche Folk-Iko­ne in Rein­form: Sehr me­lo­die­be­tont und mit ge­ra­de in ih­rer Re­duk­ti­on kon­ge­nia­ler In­stru­men­tie­rung: Ne­ben ih­rer ei­ge­nen Be­glei­tung auf der akus­ti­schen Gi­tar­re wird sie von Co-Pro­du­zent Lar­ry Klein am Bass und Way­ne Shor­ter am Sa­xo­phon un­ter­stützt. Au­ßer dem Ja­mesBrown-Co­ver-Hit „How Do You Stop“und dem mit David Cros­by zu­sam­men ge­schrie­be­nen „Yvet­te in Eng­lish“, stam­men al­le Songs von ihr, mit reich­lich so­zi­al und po­li­tisch ge­wich­ti­gen Tex­ten: Ei­ne Frau, die all­nächt­lich er­folg­los die Stra­ßen­la­ter­nen mit ei­ner Pis­to­le aus­zu­schie­ßen ver­sucht wird in „Sun­ny Sun­day“zur Me­ta­pher ei­ner schei­tern­den Exis­tenz. In „Sex Kills“öff­net Mit­chell The­men­fäs­ser von AIDS über Macht­miss­brauch bis Kli­ma­er­wär­mung und Waf­fen­be­sitz von Min­der­jäh­ri­gen. Der Ti­tel­song nimmt Be­zug zu Vin­cent van Gogh und miss­ver­stan­de­nen Künst­lern, „Not to Bla­me“zu häus­li­cher Ge­walt. Da­mit kann man sich aus­ein­an­der­set­zen oder auch nicht, in je­dem Fall ist Mit­chells tie­fer, war­mer, rau­chi­ger Stimm­klang ei­ne Wucht.

Jo­hann Se­bas­ti­an Bach: Gold­berg Va­ria­tio­nen, Glenn Gould, 1955 (Mem­bran)

Was pas­siert, wenn Ge­nie auf Ge­nie trifft? Es gibt wohl kaum ei­ne Plat­te, die für mehr Wir­bel in der Klas­sik­welt sorg­te, als Glenn Goulds le­gen­dä­re ers­te Ein­spie­lung von Bachs Gold­berg-Va­ria­tio­nen im Jahr 1955. Bachs Kom­po­si­ti­on al­lein ist schon ein kon­ge­nia­les ba­ro­ckes Meis­ter­werk: Wie ei­ne ar­chi­tek­to­nisch per­fekt ge­bau­te Ka­the­dra­le er­klin­gen 30 Va­ria­tio­nen über ein ge­mein­sa­mes Bassthe­ma, wo­bei je­de drit­te Va­ria­ti­on als kunst­vol­ler Ka­non ge­baut ist, des­sen In­ter­val­le ste­tig wach­sen. Und trotz die­ses for­ma­len „Mas­ter­plans“steckt ei­ne sa­gen­haf­te Leich­tig­keit und Frei­heit in die­ser Mu­sik – die ma­kel­lo­se Ver­ei­ni­gung von Spiel und Plan. Und nun trifft der „ge­nia­le Ir­re“Glenn Gould auf das Sen­sa­ti­ons­werk. Die „Ent­de­ckung“Goulds ver­lief wie im Mär­chen: An­fang 1955 hört ein Ver­ant­wort­li­cher von Co­lum­bia-Re­cor­ds in New York ein Kon­zert des jun­gen, noch völ­lig un­be­kann­ten ka­na­di­schen Pia­nis­ten in New York – und ist völ­lig über­wäl­tigt. Ei­nen Tag spä­ter wird ein Plat­ten­ver­trag ver­han­delt. Als ers­te Ein­spie­lung for­dert der jun­ge Tas­ten-Re­vo­luz­zer und kom­pro­miss­lo­se Ex­zen­tri­ker die sei­ner­zeit et­was in Ver­ges­sen­heit ge­ra­te­nen Gold­berg-Va­ria­tio­nen spie­len zu dür­fen. Trotz oder ge­ra­de we­gen Goulds ab­sur­den Ei­gen­hei­ten – sei­nem Kon­troll­zwang, sei­ner Be­rüh­rungs­pho­bie, sei­nen tau­send wär­men­den Klei­der­schich­ten und sei­nen Hand­bade­ri­tua­len, sei­nem durch­ge­ses­se­nen, vom Va­ter ge­fer­tig­ten, viel zu nied­ri­gen Kla­vier­stuhl: Das Er­geb­nis ist ei­ne Auf­nah­me, bei der ein­fach je­der Ton stimmt. Bes­ser, das wa­ge ich zu be­haup­ten, kann man die­ses Werk nicht spie­len! ... ist lei­ten­de Re­dak­teu­rin beim Klas­sik­ma­ga­zin cre­scen­do, Dra­ma­tur­gin, Re­gis­seu­rin und pro­mo­vier­te Mu­sik­wis­sen­schaft­le­rin. Auch nach vie­len Jah­ren in der Klas­sik­bran­che freut sie sich kö­ni­gin­nen­lich über je­de mu­si­ka­li­sche Neu­ent­de­ckung!

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