Zwei Her­ren im An­zug

„Zwei Her­ren im An­zug“von Jo­sef Bier­bich­ler

In München - - INHALT - Her­mann Barth

„Mit­tel­reich“hieß Jo­sef Bier­bich­lers gro­ßer Ro­man über ein Wirts­haus am Starn­ber­ger See, ei­ne Jahr­hun­dert­ge­schich­te übers Er­ben und Ver­er­ben, tech­ni­sche und po­li­ti­sche Re­vo­lu­tio­nen, die bei­den Welt­krie­ge, die Nach­kriegs­zeit, das Rin­gen mit Pflich­ten, Fa­mi­lie, Haus und Hof und den ei­ge­nen Wün­schen und Sehn­süch­ten. Nichts Au­to­bio­gra­fi­sches, aber sehr wohl schöp­fend aus Selbst­er­leb­tem, mit Men­schen, de­nen man da drau­ßen in Am­bach, beim Fisch­meis­ter be­geg­net ist, die dort, wenn auch gut er­fun­den, hät­ten le­ben kön­nen. Aus dem star­ken Stoff ist jetzt ein fas­zi­nie­ren­der Film ge­wor­den. Da sit­zen, 1984, nach dem Tod der Mut­ter und Ehe­frau The­res, der Bau­er und See­wirt Pankraz (Jo­sef Bier­bich­ler) und sein 35-jäh­ri­ger Sohn Se­mi (Si­mon Do­natz) in der Wirts­stu­be bei­sam­men – und ver­su­chen, ob­wohl es bei­den schwer fällt, mit­ein­an­der zu re­den. Der Pankraz er­zählt von der ei­ge­nen Kind­heit, vom stren­gen Va­ter, von der Lie­be zu The­res (Mar­ti­na Ge­deck) und von sei­nem Bru­der To­ni, der an Kör­per und Geist ver­sehrt aus dem Ers­ten Krieg heim­kam. Wes­halb er, der Pankraz, Hof und Wirt­schaft über­neh­men muss­te. Und ihn auf­ge­ben, den Traum von ei­ner Kar­rie­re als Kam­mer­sän­ger. Schwer ist’s ihm ge­wor­den, das fremd­be­stimm­te Le­ben, und manch­mal hat er sich kaum hin­aus ge­se­hen. Vor al­lem nach dem Krieg, als das Haus vol­ler Flücht­lin­ge war und Pankraz‘ le­dig ge­blie­be­ne Schwes­tern (Irm Her­mann und Sa­ra Camp) ihm und sei­ner jun­gen Frau zu­sätz­lich das Le­ben schwer mach­ten. Sohn Se­mi ha­dert mit den El­tern, die ihn nach Et­tal ins In­ter­nat zu den über­grif­fi­gen Klos­ter­brü­dern schick­ten – und ihn nicht ver­ste­hen woll­ten, in sei­ner Not. Der Va­ter be­jam­mert sein Un­glück, schreit’s oder singt’s hin­aus. Der Sohn flieht als Stu­dent zum Re­vo­luz­zen in die Stadt. Da gibt es (schon im Buch) groß­ar­ti­ge Sze­nen, den wild­wüs­ten Fa­schings­ball, bei dem Nach­ba­rin Mein­rad als Hit­ler-Imi­ta­tor auf­tritt und den nächt­li­chen Sturm, der droht, das Haus­dach ab­zu­de­cken, wor­auf der See­wirt sich nicht mehr zu hel­fen weiß. De­tails wie den Aus­marsch der Re­kru­ten in den Ers­ten Krieg, ei­ne Schwei­ne­schlach­tung, fa­ta­le Turn­stun­den in der Klos­ter­schu­le ... Oder eben die zwei Her­ren im An­zug, die im­mer wie­der un­ver­se­hens am Ufer sit­zen, sich un­ter­hal­ten – und das ein­drück­lichs­te Bild, ein trau­ma­ti­sches Er­leb­nis aus dem Zwei­ten Krieg: ein ge­schlos­se­ner LKW, der so lan­ge im Kreis fährt, bis die jü­di­schen Men­schen im In­ne­ren er­stickt sind. Im­mer wie­der kehrt der Film zu Va­ter und Sohn zu­rück. Ein Blick­wech­sel, ein Auf­ste­hen, ein Nie­der­sit­zen, ein hal­ber Satz, ein Schwei­gen wird da zum Er­eig­nis. Die Mu­sik, wenn sie nicht aus dem Ra­dio kommt oder der Pankraz sel­ber Wa­gne­ra­ri­en singt, stammt von Kof­lg­schroa, der Obe­r­am­mer­gau­er Band, die grad so gut in den Film passt wie die vie­len be­ein­dru­cken­den Lai­en­dar­stel­ler. „Ich woll­te über Deutsch­land er­zäh­len. Aus der Per­spek­ti­ve ei­ner bäu­er­li­chen Umgebung. Es ist mei­ne Umgebung. Selbst­ver­ständ­lich. Sonst könn­te ich es nicht genau er­zäh­len.“Nicht ein Hauch von weiß­blau­er Dahoa­mi­tät. Statt­des­sen: Ein wah­rer Hei­mat­film. Ei­gen­stän­di­ges, kraft­vol­les Er­zähl­ki­no, ein gro­ßer Wurf.

„Ich war zwar nie ein Na­zi. Doch kein Na­zi war ich nie.“

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