THEA­TER

Lüst­lin­ge, Ver­füh­re­rin­nen, Lie­bes­lei­den­de: Für die­se neu­en Stü­cke braucht man star­ke Ner­ven

In München - - INHALT - Ru­pert Som­mer

Ge­schlech­ter­kampf, mit und oh­ne Klei­der

Er ist mit Si­cher­heit ei­ner der auf­fäl­ligs­ten Schau­spie­ler im zu­letzt et­was ge­rupft wir­ken­den Star-En­sem­ble an der Ma­xi­mi­li­an­stra­ße. Wer Ben­ny Cla­es­sens ein­mal ge­se­hen hat, wird ihn nicht mehr ver­ges­sen. Das bel­gi­sche Voll­blut ist schon für sich ge­nom­men ein Büh­nen­er­eig­nis. Und ein Typ, der sich sei­ne öf­fent­li­che An­er­ken­nung zu er­ar­bei­ten hat­te, sich aber längst auf treue Fans ver­las­sen kann. Wegste­cken muss­te er al­ler­dings erst ein­mal ei­gen­wil­li­ge Kom­men­tar­bil­der wie je­ne in der „SZ“, in der Cla­es­sens einst als „poe­ti­sches Nil­pferd“, dan­kens­wer­ter­wei­se aber auch als „gra­zil wie ei­ne Fee, ein gut­mü­ti­ges Reit­tier, so agil wie ein Der­wisch“und als „Kör­per­me­di­um der Lie­be“be­schrie­ben wur­de. Der Hel­lo Use­l­ess – For W and Fri­end­sAbend ist sei­ne gro­ße So­lo­num­mer. Und was für ei­ne: Man darf dem Aus­nah­me­dar­stel­ler beim Zeit-Still­stand zu­se­hen, da­bei, wie er sich ra­di­kal der Ru­he hin­gibt – und wie er dem un­ge­wöhn­li­chen Wunsch­ziel ent­ge­gen­strebt, be­deu­tungs­los zu wer­den. (Kam­mer­spie­le, 25./26.3.)

Eben­falls ein Abend der Ex­tre­me und der ra­di­ka­len Re­dak­ti­on wird auch die Sa­mu­el-Be­ckett-Pro­duk­ti­on Das letz­te Band wer­den. Das liegt auch hier am Mi­ni­ma­lis­mus, der auf hek­ti­sches Agie­ren ver­zich­tet und al­lein auf die Kraft von Stim­men setzt. Die kom­men von ei­nem al­tern­den, ab­ge­half­ter­ten Künst­ler, der sich selbst längst fremd ge­wor­den ist. Und von sei­nen Ton­band­auf­zeich­nun­gen, die vom ti­tel­ge­ben­den Band weg von ei­nem jün­ge­ren, auf­bruchs­freu­di­gen Le­ben er­zäh­len, das in der Ge­gen­wart zur Gro­tes­ke ver­kom­men ist. (Thea­ter Viel Lärm um Nichts, ab 24.3.)

Schö­ner Wohl­klang durch und durch – trotz ei­ner dra­ma­ti­schen Hand­lung, in der Blut fließt und die Emo­tio­nen hoch ko­chen – prägt na­tür­lich die Car­men-Neu­in­sze­nie­rung mit Ru­dolf Mai­er-Klee­blatt. Der Grün­der des Frei­en Lan­des­thea­ters Bay­ern, Va­ter der un­längst erst im Faust-Fes­ti­val-„Ortsgespräch“vor­ge­stell­ten Strip­pen­zie­he­rin An­na Klee­blatt, liebt das Rät­sel­haf­te-Ge­heim­nis­vol­le bei Ge­or­ges Bi­zet. Und da­mit na­tür­lich die Ti­tel­hel­din. „Sie lässt sich nicht ein­di­men­sio­nal nur als femme fa­ta­le, Mes­ser­ste­che­rin oder ero­ti­sche Män­ner­ver­füh­re­rin mit flat­ter­haf­ter Zu­nei­gung und ab­rup­ten Mei­nungs­wech­seln er­klä­ren“, so der Di­ri­gent des Abends. „Car­men ist ei­ne li­te­ra­ri­sche Fi­gur der Welt­li­te­ra­tur. Viel­schich­tig, schwer deut­bar, letzt­lich für sich selbst ein Ge­heim­nis und des­halb so hoch at­trak­tiv und mys­te­ri­ös.“(Ga­s­teig Carl-Orff-Saal, 24.3.)

Gleich zwei hoch­kom­ple­xe, kom­ple­men­tä­re, aber ein­an­der auch in gif­ti­ger Zi­cke­rei zu­ge­ta­nen Frau­en­gestal­ten hat Gae­ta­no Do­ni­zet­tis ly­ri­sche Oper Ma­ria Stuar­da zum The­ma, wo­bei es al­ler­dings nur ei­ne der bei­den, und eben lie­ber die le­bens­fro­he Schot­ten-Kö­ni­gin und nicht die blas­se, sit­ten­stren­ge Eli­sa­bet­ta in den Ti­tel ge­schafft hat. Micha­el Stur­min­ger holt gro­ßen Re­nais­sance-Prunk aus dem Zwei­kampf der star­ken Herr­sche­rin­nen, der sich text­lich an Schil­ler ori­en­tiert und da­mit all die­je­ni­gen, die bei der Schul­lek­tü­re gut auf­ge­passt ha­ben, nicht von der wun­der­schö­nen Mu­sik ab­len­ken soll­te. (Gärt­ner­platz­thea­ter, ab 22.3.)

Ger­ne ei­ne star­ke Frau wä­re das Fräu­lein Else, das Ar­thur Schnitz­ler in sei­ner gleich­na­mi­gen Ner­ven­krieg-No­vel­le in ar­ge Schwie­rig­kei­ten brach­te. Im­mer­hin muss sie sich ei­ner Ge­wis­sens­prü­fung stel­len. Kann sie wirk­lich ih­ren ver­zwei­fel­ten El­tern ver­trau­en? Die er­war­ten von Else Un­ge­heu­er­li­ches. Sie soll den Kunst­händ­ler Dors­day um ein Dar­le­hen an­bet­teln, weil sonst der Va­ter vor der Ver­haf­tung ste­hen wür­de. Der Schmier­lap­pen – nicht der Va­ter – ver­bin­det die Zu­sa­ge aber mit ei­ner un­an­ge­neh­men For­de­rung: Er ver­langt, das Fräu­lein nackt zu se­hen. Pfui! (Ga­s­teig Black Box, 27./28. und 29.3.)

Höchs­te Zeit für ei­nen Per­spek­ti­ven­wech­sel auf ei­nen jun­gen Mann in höchs­ter Emo­tio­nal-Be­dräng­nis: Das Ta­ge­buch ei­nes Ver­schol­le­nen er­zählt von der Be­geg­nung ei­nes bra­ven Bau­ern­bur­schen mit ei­ner ihm gänz­lich un­be­kann­ten Frau. Fas­sungs­los muss er mit­er­le­ben, wie sich in ihm un­be­kann­te, ja fast ver­bo­te­ne Lei­den­schaf­ten breit ma­chen. Le­os Ja­na­cek hat­te aus dem Stoff einst ei­nen Lie­der­zy­klus ge­am­acht, der es nun auf die Büh­ne schafft. (Aka­de­mie­thea­ter, 23./25.3.)

Ei­nen mo­der­nen Klas­si­ker holt die Trup­pe Tra­g­au­di­on mit He­xen­jagd, dem eins­ti­gen Skan­dal­stück von Ar­thur Mil­ler, auf die Büh­ne. Der po­li­tisch en­ga­gier­te Au­tor hat­te einst die his­to­ri­schen Ver­fol­gungs­ge­schich­ten mit der in den 50er Jah­ren ge­fürch­te­ten Hatz auf Kom­mu­nis­ten quer­ge­schnit­ten. Doch noch heu­te brennt die Fra­ge: Kommt der Teu­fel mit der Kir­che? (Ein­stein Kul­tur, 23./24.3.)

Mit der Sinn­kri­se im All­ge­mei­nen und den Sei­ten­hie­ben auf Dop­pel­mo­ral und länd­li­che Bi­got­te­rie kann man na­tür­lich auch Goe­thes Faust I als An­kla­ge­stück le­sen. Ha­rald Fuhr­mann hat das Stück für das über so vie­le Büh­nen trei­ben­de „Faust Fes­ti­val“ganz exis­ten­zia­lis­tisch in­sze­niert. Es geht dar­um, mit Wor­ten, nicht mit gro­ßen Büh­nen­Ar­ran­ge­ments und wüs­ten Ges­ten, Wel­ten zu er­schaf­fen. Dem Sprach­klim­pe­rer Faust hät­te das ge­fal­len. (Münch­ner Künst­ler­haus, 23./24.3.)

Eben­falls mit sehr re­du­zier­ten Mit­teln als dis­kur­si­ve Sprechoper ar­bei­ten Bü­lent Kul­luk­cu, Tun­cay Acar und Ca­ga­lar Yi­gi­to­gu­la­ri bei ih­rer Urauf­füh­rung des Ba­by­lon-Stim­men-chors Mo­dern Dia­spo­ra. Er­zählt wird von Men­schen, die aus po­li­ti­schen Grün­den ih­re Hei­mat ver­las­sen ha­ben und nun in Deutsch­land den mu­ti­gen Ver­such ei­nes zwei­ten Le­bens in An­griff neh­men. (Thea­ter Blaue Maus, 22./23.3.)

Wer lie­ber gro­ßes Spek­ta­kel er­war­tet, der darf sich auf das einst noch von An­dré Heller aus­ge­dach­te, längst aber als neue Show ak­tua­li­sier­te, über­bor­dend zir­zen­si­sche Afri­ka! Afri­ka!-Ge­samt­kunst­werk stür­zen. Über 50 Tän­zer, Mu­si­ker, Akro­ba­ten und Ar­tis­ten ver­su­chen sich an dem ge­wag­ten Un­ter­fan­gen, die ge­sam­te Ma­gie, ge­ball­te Krea­ti­vi­tät und be­rau­schen­de Le­bens­freu­de ei­nes Kon­ti­nents in ein Büh­nen­spek­ta­kel zu pa­cken – oh­ne da­bei in Folk­lo­re-Kitsch ab­zu­glei­ten. (Prinzregententheater, ab 27.3.)

Kaum auf den Thea­ter­ses­seln wird man sich schließ­lich auch beim Irish Cel­tic-Gast­spiel hal­ten kön­nen, das sich dies­mal nichts Ge­rin­ge­res vor­ge­nom­men hat, als den „Spi­rit of Ire­land“ein­zu­fan­gen. In der Rah­men­hand­lung für die wirk­lich mit­rei­ßen­den Tanz­num­mern und die auf­peit­schen­de Gu­te-Lau­ne-Mu­sik führt Rau­bein Pad­dy, Be­sit­zer – na­tür­lich! – ei­nes Pubs durch die Hand­lung. Er er­zählt von bes­se­ren Zei­ten, schwelgt in Er­in­ne­run­gen und zapft ei­ne lie­bens­wer­te An­ek­do­te nach der an­de­ren aus dem Hahn. So ist er eben, der Ire. (Deut­sches Thea­ter, 3. bis 8.4.)

Zi­cken­krieg am Hof: MA­RIA STUAR­DA

Ge­tanz­te Le­bens­freu­de: AFRI­KA! AFRI­KA!

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