Kei­ne ge­wöhn­li­che Roman­ze

„Film Stars Don’t Die in Li­ver­pool“von Paul McGu­i­gan

In München - - KINO - Frank Ar­nold

Als sie sich En­de der sieb­zi­ger Jah­re in ei­ner Lon­do­ner Pen­si­on tref­fen, ist er An­fang Zwan­zig und sie Mit­te Fünf­zig, er ein auf­stre­ben­der jun­ger Schau­spie­ler, sie ei­ne eins­ti­ge Hol­ly­wood­grö­ße, die jetzt in Groß­bri­tan­ni­en in klei­ne­ren Büh­nen­pro­duk­tio­nen auf­tritt. Sie be­nö­tigt ei­nen Part­ner zum Ein­stu­die­ren ih­rer Tanz­num­mern, so kom­men sie zu­sam­men, am En­de wird dar­aus ei­ne Lie­bes­be­zie­hung. Ihr Na­me: Glo­ria Gra­ha­me. Un­ver­ges­sen ist ihr Auf­tritt in Fritz Langs Film noir „Hei­ßes Ei­sen“(1953): als Gangs­ter­braut wagt sie Wi­der­wor­te ge­gen den sa­dis­ti­schen Lee Marvin, der ihr dar­auf­hin das Ge­sicht mit ei­ner Kan­ne hei­ßen Kaf­fees ver­brüht. Dass sie im Jahr zu­vor für Vin­cen­te Min­nel­lis „Stadt der Il­lu­sio­nen“ei­nen ‚Os­car’ als bes­te Ne­ben­dar­stel­le­rin er­hielt und als Part­ne­rin von Hum­phrey Bo­gart in Ni­cho­las Rays „In a Lo­nely Place“(1950) auch ei­ne Haupt­rol­le als selbst­be­wuss­te Frau aus­zu­fül­len wuss­te, wis­sen eher Ci­ne­as­ten. Glo­ria Gra­ha­me starb 1981, mit nur 57 Jah­ren, nach ei­nem Le­ben vol­ler per­sön­li­cher Kri­sen, zu de­nen auch vier Ehen, dar­un­ter ei­ne mit Ni­cho­las Ray und die letz­te mit des­sen Sohn aus ei­ner an­de­ren Ehe, Ant­ho­ny, so­wie vier Kin­der aus drei die­ser Ehen zäh­len. Glo­ria Gra­ha­me starb in ei­nem New Yor­ker Kran­ken­haus, nur we­ni­ge St­un­den, nach­dem sie dort ein­ge­lie­fert wor­den war. Doch die Mo­na­te da­vor ver­brach­te sie in Li­ver­pool, bei der Fa­mi­lie eben je­nes jun­gen Man­nes, Pe­ter Tur­ner, den sie ei­ni­ge Jah­re zu­vor in Lon­don ken­nen ge­lernt hat­te. 1986 ver­öf­fent­lich­te Tur­ner sei­ne Er­in­ne­run­gen an die ge­mein­sa­me Zeit. Jetzt ist dar­aus, un­ter dem­sel­ben ein­präg­sa­men Ti­tel, ein Film ge­wor­den. Es ist kein Bio­pic über den Hol­ly­wood­star Glo­ria Gra­ha­me, auch wenn die­se Zeit durch ei­ni­ge Film­clips (und Bil­der der ‚Os­car’-Ver­lei­hung) zum Le­ben er­weckt wird, eben­so wie ihr ‚skan­da­lö­ses’ Ver­hal­ten bei ei­nem Abend­es­sen in Ka­li­for­ni­en auf hä­mi­sche Wei­se von ih­rer äl­te­ren Schwes­ter zur Spra­che ge­bracht wird. „Film Stars Don’t Die in Li­ver­pool“kon­zen­triert sich auf die Ge­gen­wart, auch wenn der Kon­trast zur (schein­bar) gla­mou­rö­sen Ver­gan­gen­heit stets mit­schwingt, nicht nur in den Ka­li­for­ni­en-Sze­nen, in de­nen auch ei­ne Se­quenz aus „In a Lo­nely Place“nach­ge­stellt wird. Eben­so os­zil­liert das Ver­hal­ten von Peters Fa­mi­lie zwi­schen Ehr­furcht und Für­sorg­lich­keit, die El­tern er­in­nern sich an die al­ten Schwarz­weiß­fil­me mit der Gra­ha­me, die sei einst im Ki­no sa­hen, aber genau­so ak­zep­tie­ren sie die Ent­schei­dung ih­res Soh­nes und bie­ten der tod­kran­ken Glo­ria schließ­lich ein Heim. Annette Be­ning (die zu­letzt im En­sem­ble­film „Jahr­hun­dert­frau­en“ei­ne be­mer­kens­wer­te Leis­tung bot) spielt Glo­ria Gra­ha­me mit ein­neh­men­dem Charme, weiß sie aber auch mit ei­ner ge­wis­sen Ab­ge­brüht­heit nach meh­re­ren Jahr­zehn­ten im Her­zen der ame­ri­ka­ni­schen Film­in­dus­trie aus­zu­stat­ten – so, wenn bei ei­nem Ki­no­be­such von „Ali­en“die Sze­ne, in der das Mons­ter aus John Hurts Bauch her­vor­bricht, nicht bei ihr, son­dern bei Pe­ter Pa­nik ver­ur­sacht. Kein Hol­ly­wood­film, aber ei­ner, der sehr wohl ei­ni­ges über Hol­ly­wood zu sa­gen hat.

Ver­blass­ter Ruhm, doch gro­ße Lie­be

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