Zwei See­len

Die Kunst­hal­le Mün­chen in­sze­niert Goe­thes Dra­ma als kunst­his­to­ri­sches Dra­ma

In München - - AUSSTELLUNGEN - Bar­ba­ra Tei­chel­mann

Me­phis­to ist aus dunk­lem Holz ge­schnitzt. Das sieht man gleich im ers­ten Raum der Ausstellung Du bist Faust. Noch be­vor es los geht mit dem deut­sches­ten al­ler Dra­men, be­geg­net man ihm, dem Geist, der stets ver­neint. Und es stimmt ja auch, Me­phis­to war lan­ge vor Goe­thes Tra­gö­die da. Ja, man könn­te sa­gen, es gab ihn schon im­mer, wenn auch un­ter an­de­ren Na­men. Und so ist es nur kon­se­quent, dass er sich uns gleich zu Be­ginn vor­stellt. Da­mit er nie­man­den ver­führt, und wohl auch, weil er ein biss­chen zer­brech­lich ge­wor­den ist im Lauf der Zeit, hat man ihn hin­ter Glas ge­stellt, dort bau­melt er an sei­nen Fä­den und gri­mas­siert fröh­lich in die Run­de. Auch er ei­ne Ma­rio­net­te in die­sem bö­sen Spiel? Si­cher ist, dass Goe­the sei­nen zwei Prot­ago­nis­ten Me­phis­to und Faust zum ers­ten Mal auf der Pup­pen­thea­ter­büh­ne be­geg­ne­te. Wes­halb wir uns hier, im ers­ten Raum der Ausstellung wie­der­fin­den, dem „Vor­spiel auf dem Thea­ter“vor der Fas­sa­de des Pup­pen­thea­ters, das Goe­the als vier­jäh­ri­ger von sei­ner Oma ge­schenkt be­kam. Der Dich­ter him­s­elf hängt als dop­pel­tes Por­trät an der Wand, ein­mal jung mit 26 Jah­ren, als er an­fing, sich mit dem Faust-Stoff zu be­schäf­ti­gen und ein­mal im ge­setz­ten Al­ter, als er be­reits am zwei­ten Teil ar­bei­te­te. Auch dass Goe­the den Faust nicht er­fun­den son­dern nur be­rühmt ge­macht hat, er­fährt man hier. Aber das weiß so­wie­so so ziem­lich je­der, der in Deutsch­land auf die Schu­le ge­gan­gen ist. Und genau des­halb freut man sich auch, dem Faust wie­der zu be­geg­nen. Weil man ihn kennt. Aber viel zu lan­ge nicht mehr ge­le­sen hat. Jetzt, wo in Mün­chen mit über 500 Ver­an­stal­tun­gen noch bis zum 29. Ju­li das Faust-Fes­ti­val tobt (In­fos hier: faust.mu­en­chen.de) ist die Kunst­hal­le genau der rich­ti­ge Ort, um sich der Tra­gö­die aufs Neue zu nä­hern.

Wer Hör­ner trägt, muss nicht un­be­dingt bö­se sein: Der ame­ri­ka­ni­sche Fo­to­graf Ro­bert Mapp­le­t­hor­pe in­sze­niert sich 1985 als Me­phis­to.

Denn der Kunst­hal­len-Di­rek­tor und sei­ne Ko-Ku­ra­to­ren Valk und Sophie Bor­ges ha­ben sich der grau­en Theo­rie ver­wei­gert und ei­nen sinn­lich dra­ma­tur­gi­schen Zu­gang ge­fun­den. Sie ha­ben Schlüs­sel­sze­nen und -in­hal­te in ei­ne Art Er­leb­nis­park über­setzt. Man fla­niert qua­si durch die Tra­gö­die, die der Künst­ler und Büh­nen­bild­ner Phil­ipp Für­ho­fer in Sze­ne ge­setzt hat. Schwe­re Samt­vor­hän­ge tren­nen die Räu­me von­ein­an­der, Spie­gel­wän­de re­gen den Be­trach­ter zur Re­flek­ti­on an, Durch­bli­cke las­sen Bö­ses ah­nen, und plötz­lich steht man mit­ten in der Oper. So­gar die Ta­pe­ten an den Wän­den sind ei­gens für die Ausstellung an­ge­fer­tigt wor­den und spie­len mit Ver­satz­stü­cken aus dem Dra­ma. Gret­chens Zöp­fe kann man da er­ken­nen und die Blu­me, mit der sie Er-liebt-mich-er­liebt-mich-nicht spielt. Und da­zwi­schen: 150 Ge­mäl­de, Gra­fi­ken, Skulp­tu­ren, Fo­to­gra­fi­en, Ver­to­nun­gen und Fil­me aus ver­schie­de­nen Län­dern und Epo­chen, die zei­gen, wie die­ser Stoff Künst­ler auf der gan­zen Welt bis heu­te in­spi­riert. Ein Ein­blick in die kunst­his­to­ri­sche, fil­mi­sche und mu­si­ka­li­sche Re­zep­ti­ons­ge­schich­te des deut­schen Li­te­ra­tur­klas­si­kers. Fried­rich Wil­helm Murnau ist da­bei, Eu­gè­ne De­lacroix, Ro­bert Schu­mann, Charles Goun­od, Max Beck­mann, Martin Scor­se­se, An­selm Kie­fer, Sig­mar Pol­ke, Ro­bert Gern­hardt, Can­di­da Hö­fer oder Ro­bert Mapp­le­t­hor­pe. Und was denkt man selbst? Was fängt man an mit die­ser Ge­schich­te? Was geht sie ei­nen an? Er­kennt­nis Num­mer 1: Den Men­schen gibt es nicht, in des­sen Brust nicht min­des­tens zwei See­len woh­nen. Er­kennt­nis Num­mer 2 ist viel­mehr ein Wunsch: Mal wie­der den Faust le­sen. Min­des­tens den ers­ten Teil.

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