THEA­TER

Hei­di Klum hat den Wurm rein­ge­bracht

In München - - INHALT - Ru­pert Som­mer

Durch die ge­sam­te Stadt tobt die­ser Ta­ge be­kannt­lich das Faust-Fes­ti­val. Um­so wich­ti­ger, sich auch an den Teu­fels­pakt zu er­in­nern, den nicht nur Kl­ums „Mee­de­lz“ein­ge­hen. Wer ma­kel­los schön ist, bringt es weit in der Ins­ta­gram-Welt. Und für ein paar Li­kes mehr, wür­den nicht nur Pop­stars oder drö­ge Neu-Mi­nis­ter ih­re See­le ver­kau­fen. Os­car Wil­de hat­te den Gru­sel einst in sei­nem Ro­man-Mär­chen Das Bild­nis des Do­ri­an Gray in bru­ta­ler Kon­se­quenz durch­ex­er­ziert. „War­um kann ich nicht für im­mer jung blei­ben, wäh­rend das Bild an mei­ner Sei­te al­tert“, lässt er den eit­len Jüng­ling aus­ru­fen, als ihm der Ma­ler Ba­sil Hall­ward das Ge­mäl­de zeigt, das er von ihm an­ge­fer­tigt hat. Ge­sagt, ge­dealt! Do­ri­an Gray, Na­mens­ge­ber nicht nur für ei­ne spä­ter welt­be­rühm­te Dis­co im Frank­fur­ter Flug­ha­fen, bleibt kna­ckig wie eh und je. Doch je schlim­mer er sei­ne Ver­füh­rungs­rei­gen bei Männ­lein und Wei­b­lein treibt, des­to schau­er­li­cher „al­tert“sein Ab­bild. Ab­dul­lah Ken­an Ka­ra­ca holt das Schock­stück auf die Büh­ne. (Volks­thea­ter, ab 12.4.)

Ei­ne Art weib­li­ches Ge­gen­stück da­zu könn­te die Ge­schlech­ter­rol­len-Un­ter­su­chung Faces von und mit Cla­ra Paz­zi­ni und Be­ne­dix Deth­leff­sen ab­ge­ben. Die bei­den setz­ten sich dar­in mit han­dels­üb­li­chen Kör­per­bil­dern aus­ein­an­der, die Frau­en je­weils ins Auf­tre­ten als Di­va, als Ge­lieb­te, als Ob­jekt drän­gen. Da­bei ar­bei­ten sie sich an erns­ten Fra­gen ab: Ab wann ist ei­ne „Lie­be“wirk­lich re­al? Und: Wann be­ginnt die Fan­ta­sie? (Pa­thos, 13. bis 15.4.)

Auch Tau­send­sas­sa Mo­ses Wolff, selbst Au­tor, Ka­ba­ret­tist, Klein­dar­stel­ler im TV, Wies­nChro­nist und „Wild­bach To­ni“, kennt die Ver­füh­run­gen der Blitz­lich­ter. Im neu­en Stück lässt er zwei jun­ge, erst ein­mal noch sehr idea­lis­ti­sche Schau­spie­le­rin­nen, den Traum ver­fol­gen, schnell zum Star zu wer­den. Es sind eben die Zei­ten, in de­nen schon Grund­schü­ler YouTube-Be­rühmt­hei­ten wer­den wol­len und Cas­ting-Shows als Kar­rie­re­sprung­bret­ter gel­ten. Doch na­tür­lich wird’s im Wolff-Stück schnell fins­ter: Fie­se Agen­ten ver­wei­gern den Mäd­chen ih­re Be­zah­lung. Pra­xis­er­fah­rung sei doch viel wich­ti­ger. Und durchs schmie­ri­ge Ge­sche­hen schlän­gelt ei­ne Gift­nat­ter vom Schla­ge Hei­di Klum, die die Selbst­zwei­fel und die bies­ti­gen Macht­spiel­chen der jun­gen Frau­en noch lust­voll be­feu­ert. (Hof­spiel­haus, ab 19.4.)

Ob das ein Aus­weg aus dem trieb­ge­steu­er­ten Rat­ten­ren­nen sein kann? Laut Um­fra­gen soll für die Hälf­te al­ler ja­pa­ni­schen Ehe­paa­re Sex kei­ne Rol­le mehr spie­len. Rund 50 Pro­zent der 18- bis 24-Jäh­ri­gen hat­ten an­geb­lich im ver­klemm­ten Nip­pon noch nie Ge­schlechts­ver­kehr. No Sex nennt Re­gis­seur To­shi­ki Ok­a­da, der an den Kam­mer­spie­len schon mehr­fach zu Gast war – un­ter an­de­rem mit „Hot Pep­per, Air Con­di­tio­ner and the Fa­re­well Speech“–, sein er­nüch­tern­des Stück. Er­zählt wird von jun­gen und nicht mehr ganz so jun­gen Men­schen, die sich in ei­ne Ka­rao­ke Bar ge­flüch­tet ha­ben. Dort sin­gen sie schmal­zi­ge Lie­bes­lie­der – und be­rüh­ren sich da­bei (kör­per­lich) nicht. (Kam­mer­spie­le, ab 14.4.)

Ab­schlie­ßen soll­te man die Sinn­su­che dann viel­leicht am bes­ten mit dem Fa­ke-Stück der jun­gen Thea­ter­schü­ler. Dar­in geht es um die ban­ge Fra­ge, was in Zei­ten von in­sze­nier­ten Selbst­über­hö­hun­gen im Netz über­haupt noch Iden­ti­tät aus­macht. Ge­klärt wer­den soll, ob die Wirk­lich­keit ver­han­del­bar sein darf. (Aka­de­mie­thea­ter, 7.4.)

Apro­pos Pup­pen: Sechs Münch­ner Ton­künst­ler ha­ben den Ball auf­ge­grif­fen, auf Ba­sis des „Faust“-Stoffs sechs kur­ze Sze­nen zu schrei­ben, die mit ex­pe­ri­men­tel­len, sehr zeit­ge­nös si­schen For­men des Fi­gu­ren­thea­ters spie­len. Win­nie Lu­zie Burz und Jan Je­denak brin­gen sie für Hans­wursts Hoch­zeit oder der Lauf der Welt auf Tr­ab. (Stadt­mu­se­um, 13. bis 15.4.)

Mit Iden­ti­täts­fra­gen aus jun­ger Per­spek­ti­ve be­schäf­tigt sich die span­nen­de neue Pre­mie­re Be­such aus Tra­li­en von Martin Balt­scheit: Im Zen­trum steht das neue Fa­mi­li­en­mit­glied Da­ve, der den Platz von Piet ein­ge­nom­men hat, der als Aus­tausch­schü­ler nach „down un­der“ge­schickt wur­de. Da­ve tut sich mit der deut­schen Re­gel­wut und Ge­wohn­hei­ten schwer. Auch in der Schu­le klappt die Ver­stän­di­gung schlecht. Ob es wohl an sei­nem Kro­ko­dil­kör­per lie­gen könn­te? Man wird es her­aus­fin­den. (Schau­burg, ab 13.4.)

Vom Un­be­ha­gen, viel­leicht doch am gänz­lich fal­schen Ort ge­lan­det zu sein – und dort nicht mehr weg­zu­kom­men – han­delt das neue Stück Got­tes Last von Hei­ko Dietz. Schau­platz ist ei­ne klas­si­sche her­un­ter­ge­kom­me­ne Bahn­hofs­knei­pe, wie man sie fast nicht mehr fin­det. Ge­stran­det sind hier Rei­sen­de, die ihr Ziel nie er­reicht ha­ben. Jetzt pfeift der Wind durchs freud­lo­se Lokal. Au­ßer lee­ren Bar­ho­ckern, Ge­sprä­chen mit der Wir­tin und der Putz­frau ist für die Hoff­nungs­lo­sen nicht viel ge­bo­ten. Was wä­re, wenn es wirk­lich kei­ne wei­te­ren Men­schen mehr gä­be da drau­ßen? (Hep­pel & Ett­lich, ab 13.4.)

Vom Ge­fan­gen­sein im fins­te­ren Tal und von der Un­aus­weich­lich­keit ei­nes grau­sa­men Schick­sals er­zählt na­tür­lich zum Schluss auch das gran­dio­se Kult­stück Der Watz­mann ruft – al­ler­dings gar­niert mit ganz viel Au­gen­zwin­kern. Das einst von Wolf­gang Am­bros aus­ge­dach­te und auf vie­len Büh­nen ge­fei­er­te Kult­stück kehrt hier in neu­er Be­set­zung und als schmis­si­ges Mu­si­cal zu­rück. Der Berg ruft. Und er holt sich al­le, die leicht­sin­nig ge­nug sind, sich mit dem Watz­mann und dem Berg­geist „Gail­ta­le­rin“ein­zu­las­sen. (Deut­sches Thea­ter, ab 17.4.)

Al­pen-Gau­di: DER WATZ­MANN RUFT

Rol­len-Hor­ror: FACES

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