LI­TE­RA­TUR

Wie der Ku­schel-Rus­se Welt­kri­sen meis­tert

In München - - INHALT - Ru­pert Som­mer

Wie gut, wie wich­tig, dass es in hoch­ner­vö­sen Zei­ten doch auch noch knuffi­ge Lieb­lings­rus­sen gibt. Der ab­so­lu­te Schwie­ger­mut­ter­schwarm ist na­tür­lich Wla­di­mir Ka­mi­ner, der sich auf dem hei­ßen Pflas­ter Berlin so lan­ge der­art präch­tig selbst so­zia­li­siert hat, dass er nun auch in der Klein­gärt­ner­sze­ne ge­liebt wird. Er ist ein­fach das char­man­tes­te Schlitz­ohr, das der hei­mi­sche Li­te­ra­tur­be­trieb zu bie­ten hat. Sei­ne Stär­ken, dar­un­ter die Lei­den­schaft für die sa­lopp vor­ge­tra­ge­ne Schnur­re, spielt er auch im neu­en Buch „Ei­ni­ge Din­ge, die ich über mei­ne Frau weiß“ge­konnt aus. Gat­tin Ol­ga ist für Ka­mi­ner näm­lich tat­säch­lich ein of­fe­nes Buch. Er müss­te es nur le­sen kön­nen. So wun­dert er sich manch­mal über ih­ren Zeit­ver­treib. Klar, er weiß, dass Ol­ga gern strickt. War­um sich ih­rer Ar­bei­ten un­ter der Hand aber dann doch von ei­ner So­cke (Plan) in ei­nen Tep­pich (Er­geb­nis) ver­wan­deln, ist ihm trotz al­ler Ehe­treue rät­sel­haft. Au­ßer­dem kann er ih­rer Theo­rie, dass aus­ge­rech­net so et­was Pro­fa­nes wie Schu­he vor Er­käl­tun­gen schüt­zen sol­len, nicht im­mer an­ge­mes­sen fol­gen. Es blei­ben Fra­gen of­fen. Doch genau um die geht es an die­sem Wohl­fühl­abend. (Volks­thea­ter, 11.4.)

Was Ka­mi­ner für die Un­ter­hal­tungs­freun­de, ist Fer­di­nand von Schi­rach für die et­was An­spruchs­vol­le­ren. Al­ler­or­ten wird der Spät­be­ru­fe­ne, der erst lan­ge als Straf­ver­tei­di­ger ar­bei­te­te, be­vor er zu ei­nem der der­zeit er­folg­reichs­ten Schrift­stel­ler wur­de, mit Lob und Prei­sen über­schüt­te­te. Sein Thea­ter­stück „Ter­ror“über ei­nen be­klem­men­den Pro­zess nach ei­nem in letz­ter Se­kun­de ver­ei­tel­ten Großat­ten­tat auf ein Fuß­ball­sta­di­on hat sich längst zum er­folg­reichs­ten Thea­ter­stück auf deut­schen Spiel­plä­nen ge­mau­sert. Und auch im Aus­land nimmt man ihn als wich­ti­ge, stren­ge Stim­me aus dem erns­ten Land von Kleist und Kaf­ka wahr. Nun liest von Schi­rach aus sei­nem neu­en Er­zähl­band „Stra­fe“, der seit An­fang März in den Lä­den weg­geht wie die be­rühm­ten Sem­meln. Und au­ßer­dem run­det er den Abend mit ei­nem Vor­trag über den über vie­le Jahr­hun­der­te im­mer noch auf­rüt­teln­den Pro­zess ge­gen So­cra­tes ab. (Kam­mer­spie­le, 11.4.)

Jo­va­na Rei­sin­ger, die 2017 viel Auf­se­hen mit ih­rem De­büt-Ro­man „Still hal­ten“auf sich zog und die 1989 in Mün­chen ge­bo­ren wur­de, steht da­ge­gen noch nä­her am An­fang. Doch auch mit ih­rem Neu­ling „Ur­bild des Weib­li­chen“wird es die Au­to­rin, Fil­me­ma­che­rin und bil­den­de Künst­le­rin in die Feuille­tons schaf­fen. Das ti­tel­ge­ben­de Ur­bild ist – so viel darf man ver­ra­ten – für sie „die war­ten­de Frau“. Und der zu­neh­men­de Wahn­sinn, mit dem sie sich kon­fron­tiert sieht. Kei­ne Über­ra­schung, dass Rei­sin­ger die zeit­ge­nös­sisch bri­san­ten The­men aus ih­rem neu­en Buch na­tür­lich auch klug re­flek­tie­ren wird. Sie ent­wi­ckelt ih­re Ge­dan­ken zu ty­pisch „weib­li­chen“und „männ­li­chen“Ste­reo­ty­pen und wie sie zu­min­dest in der Kunst dis­kur­siv de­mon­tiert wer­den kön­nen. Mu­si­ka­lisch lässt sie sich da­bei von dem Per­for­mance-Künst­ler und Kom­po­nis­ten Lud­wig Abra­ham be­glei­ten. (Mo­na­cen­sia im Hil­de­brand­haus, 18.4.)

Ein klu­ger Kopf und vor al­lem beim BR für Zeit­ge­schich­te-The­men ein gern ge­se­he­ner Re­gis­seur ist auch Micha­el Ap­pel, der sich in den Rei­gen der Ju­bi­lä­ums­be­trach­tun­gen zum Kriegs­en­de 1918 ein­reiht. In sei­nem neu­en Buch „Die letz­te Nacht der Mon­ar­chie“be­leuch­tet er die be­weg­ten Münch­ner Zei­ten von da­mals und ver­sucht nach­zu­wei­sen, wie Re­vo­lu­ti­on und Rä­te­re­pu­blik an der Isar den Auf­stieg von Adolf Hit­ler mit auf den Weg brach­ten. (Staats­bi­blio­thek, 10.4.)

Film­freun­de kom­men dann na­tür­lich auch beim Vor­trag „Cas­ablan­ca 1943“von Nor­bert F. Pötzl auf ih­re Kos­ten. Der Au­tor un­ter­sucht in sei­nem neu­en Buch die Zu­sam­men­hän­ge zwi­schen der rea­len His­to­rie und dem Kult­film, der noch im­mer vie­le Be­liebt­heits­lis­ten an­führt. Und er wirft die Fra­ge auf, wie ein Film die Wen­de des Kriegs mit ein­lei­ten konn­te. (Li­te­ra­tur­haus, 11.4.)

Ein Nach­hall der ak­tu­el­len #Me­tooDe­bat­te weht schließ­lich durch den neu­en be­klem­men­den Kri­mi von Best­sel­ler­au­to­rin Ingrid Noll („Die Häup­ter mei­ner Lie­ben“). Sie er­zählt in „Ha­la­li“von zwei Se­kre­tä­rin­nen, die im Bonn der gar nicht mehr so grau­en Nach­kriegs­zeit auf Män­ner­jagd zie­hen. Doch auch auf sie wird Jagd ge­macht – durch ei­ne ganz spe­zi­el­le Art von Ro­me­os. (Li­te­ra­tur­haus, 9.4.)

Kei­ne Still­hal­te­rin: JO­VA­NA REI­SIN­GER

Char­man­ter Schwe­re­nö­ter: WLA­DI­MIR KA­MI­NER

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