Der Spie­gel der See­le

„Das Bild­nis des Dorian Gray“nach Os­car Wil­de im Volks­thea­ter

In München - - BÜHNENSCHAU - Pe­ter Ei­den­ber­ger

Durch den An­fang zieht schon das En­de. „Ver­gib uns un­se­re Sün­den“, „Sei­ne Schön­heit hat­te ihn ver­nich­tet“: so rau­nen ge­spens­ti­sche Stim­men. Im Gold­ton der lee­ren Büh­ne von Vin­cent Mes­na­ritsch hat sich Pa­ti­na in Form von Fle­cken ab­ge­la­gert. Es ist ein brei­ter, aber her­me­ti­scher Raum, der zum Rest der Welt nur ei­ne schma­le Fu­ge über dem Bo­den lässt, durch die­se tau­chen die Fi­gu­ren auf oder rol­len her­ein, die we­ni­gen Fi­gu­ren, die Ab­dul­lah Ken­an Ka­ra­ca in sei­ner Büh­nen­fas­sung von Os­car Wil­des Ro­man üb­rig ge­las­sen hat. Der Ro­man war 1890/91 ein Skan­dal, zu un­ver­hoh­len die Kri­tik an der De­ka­denz des vik­to­ria­ni­schen En­g­land, zu deut­lich die Ho­mo­ero­tik, die Kri­tik an der Moral der obe­ren Zehn­tau­send. Auf den Plüsch und Pomp, den Wil­de ger­ne und aus­schwei­fend schil­dert, ver­zich­tet Ka­ra­ca, der auch der Re­gis­seur die­ser Auf­füh­rung ist. Er ver­zich­tet aber auch zum Glück auf den Trans­fer in mo­der­ne For­men der Selbst­be­spie­ge­lung (Sel­fies!). Die Ko­s­tü­me pas­sen zum Fin de Siè­cle und sei­ner Ex­al­tiert­heit, Re­qui­si­ten: kei­ne. Und so bleibt auch das zen­tra­le Mo­tiv des Tex­tes der Ima­gi­na­ti­on des Zu­schau­ers über­las­sen: das trans­for­mie­ren­de Por­trät, das Spie­gel der See­le des rei­chen, jun­gen Man­nes wird, das an­stel­le von Dorian Gray al­tert. Im Ro­man re­agie­ren die ge­mal­ten Ge­sichts­zü­ge auf dem Bild dem üb­len Ver­hal­ten und den spä­ter noch üb­le­ren Ta­ten ent­spre­chend, und trei­ben so den äu­ßer­lich un­ver­än­der­ten Dorian nach und nach in den Wahn­sinn. Hier, auf der Klei­nen Büh­ne des Volks­thea­ters, über­neh­men das ver­schie­de­ne ex­pres­si­ve For­men: stumm­film­haf­te Ges­ten, der Sound von trop­fen­dem Was­ser, auf den Bo­den knal­len­de Kör­per, Licht­wech­sel ins Fah­le, aus dem Gold der Büh­ne wer­den Tei­le ge­bro­chen. Oder es plat­zen gan­ze Plat­ten her­aus und schwar­zer Flit­ter rauscht in den Raum: der to­te Ma­ler hockt als be­su­del­ter Wie­der­gän­ger in der Ecke. Bis zur Apo­theo­se im Wahn­sinn ist die Auf­füh­rung psy­cho­lo­gi­sches Dia­log­thea­ter. Ba­sil ist der Ma­ler des Por­träts, Ja­kob Geß­ner ver­geht in Sehn- und Ei­fer­sucht für sein Mo­dell Dorian (manch­mal auch ei­nen Tick zu viel). Die Frau­en, Ca­ro­lin Hart­mann und Po­la Ja­ne O’Ma­ra, ver­kör­pern Ge­gen­sät­ze: La­dy Wot­ton, Gran­de Da­me mit Hang zum Ex­al­tier­ten, und Si­byl Va­ne, die jun­ge Schau­spie­le­rin, die ih­re Fä­hig­keit zur Emp­fin­dung auf der Büh­ne ver­liert, als sie glaubt, die wah­re Lie­be mit Dorian ge­fun­den zu ha­ben. Pas­cal Fligg als Hen­ry Wot­ton ist der Me­phis­to in die­sem Spiel. Der sehr an­gel­säch­si­sche Dan­dy in sei­nem Pais­ley-Ja­cket ge­nießt, form­voll­endet und mit bis­si­ger Elo­quenz, sein ab­fäl­li­ges Welt- und Frau­en­bild. Er ist es, der Do­ri­ans He­do­nis­mus erst an­fixt. „Schön­heit ist ei­ne Form von Ge­nie“, sol­che Sät­ze ge­hen ihm lo­cker von den Lip­pen. Oleg Tik­ho­mi­rov als Dorian ist kein Beau, aber schlank, groß, jun­gen­haf­tes, kan­ti­ges Ge­sicht. Aus der ju­gend­li­chen Be­geis­te­rung an Wot­ton, der sein Ein­flüs­te­rer bleibt, wächst er schnell im Be­wusst­sein für sei­ne Aus­strah­lung. Er lernt mit Ver­lus­ten zu le­ben, sei­ne Ver­ant­wor­tung zy­nisch zu über­tün­chen: an Si­byls Selbst­mord stört ihn ih­re Selbst­süch­tig­keit. Am En­de ho­len ihn die Geis­ter ein, das Bild wird wohl ver­nich­tet. Die nie­der­schmet­tern­de Er­kennt­nis sei­nes Le­bens kommt spät, zu spät: „Könn­te ich doch nur lie­ben.“Nach knapp ein­drei­vier­tel St­un­den: Bra­vos für al­le Be­tei­lig­ten.

Stumm­film­haf­te Ges­ten

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