Arm und müh­sam

Der Schwei­zer Jan Bach­mann wur­de mit sei­ner Gra­fic No­vel Müh­sam – An­ar­chist in An­füh­rungs­stri­chen (edi­ti­on mo­der­ne) für den Max & Mo­ritz-Preis no­mi­niert.

In München - - LITERATUR - Rai­ner Ger­mann

Der ers­te Ein­druck: Jo­ann Sfar hat wie­der bio­gra­fisch zu­ge­schla­gen. Zei­chen­sti­lis­tisch stark ver­wandt, führt hier aber der 1986 in Ba­sel ge­bo­re­ne Jan Bach­mann die Fe­der. Ba­sie­rend auf den ori­gi­na­len Ta­ge­buch­auf­zeich­nun­gen (die kom­plet­ten Erich Müh­sam-Ta­ge­bü­cher er­schei­nen seit 2011 nach und nach beim Ver­bre­cher Verlag), die teils ge­kürzt und chro­no­lo­gisch ver­scho­ben wur­den, so Bach­mann im Vor­wort, hat der Co­mi­c­au­tor nach „Lust und Lau­ne“Dia­lo­ge und Si­tua­tio­nen hin­zu­ge­dich­tet und ty­po­gra­fisch ab­ge­setzt. Sein Co­mic um­fasst die ers­ten drei Mo­na­te des ers­ten Bu­ches von 1910, star­tet in schwie­ri­gen Berliner Fa­mi­li­en­ver­hält­nis­sen (Müh­sam: „Wenn nur mein Va­ter bald ge­nug stirbt.“) und be­glei­tet den Poe­ten dann auf fa­mi­liä­re An­ord­nung ins Sa­na­to­ri­um von Châ­teau d’Oex in der Schweiz, wohl auch, weil er da­vor zu Un­recht im Ge­fäng­nis saß. Die Ku­r­er­leb­nis­se rei­hen sich mü­he­los in li­te­ra­ri­sche Ver­wandt­schaf­ten von „Zau­ber­berg“bis „Wel­co­me in Well­vil­le“ein – Ein­lauf, Aus­lauf, Stu­die der weib­li­chen Mit­pa­ti­en­ten und Lan­ge­wei­le. Frus­triert flieht Müh­sam nach Ae­schi zu sei­nem Freund und Lieb­ha­ber Jo­han­nes Nohl, der es sich aber doch an­ders über­legt („Aber eins weiß ich, dass ich recht glück­lich dar­über bin, dass es ihm ge­lun­gen ist in der Lie­be zu ei­ner Frau Be­frie­di­gung zu fin­den.“). Müh­sam fühlt sich, auch fi­nan­zi­ell, zur äl­te­ren und ver­mö­gen­den Pa­ri­ser Buch­händ­le­rin Ma­dame Arn­aud hin­ge­zo­gen („Die Da­me ist noch recht in­ter­es­sant, leb­haft, ero­tisch, un­ter­halt­sam und in vie­ler Hin­sicht an­zie­hend.“). Nach­dem die Ma­dame, mit dem Ver­spre­chen Müh­sam ei­nen Mo­nats­wech­sel von 50 Fran­ken zu über­wei­sen, ih­ren Auf­ent­halt be­en­det, reist er nach ei­nem Auf­tritt in Lu­zern als feu­ri­ger po­li­ti­scher Red­ner schon bald nach Mün­chen wei­ter. Er be­sucht das Ok­to­ber­fest („Ein ko­los­sa­ler Be­trieb“), staunt über das men­sch­li­che Mon­stro­si­tä­ten-Ka­bi­nett und fragt sich, „was aus sol­chen Men­schen wohl wird, wenn die Jagd nach Brot kein Er­for­der­nis ei­ner schuf­ti­gen Ge­sell­schafts­ord­nung mehr ist.“Das Be­säuf­nis mit dem Schrift­stel­ler­kol­le­gen und Weg­be­rei­ter des Ex­pres­sio­nis­mus Fer­di­nand „Har­dy“Har­de­kopf be­en­det den Band und be­han­delt auch nicht wei­ter Müh­sams Rol­le in der Schwa­bin­ger Bo­he­me und Rä­te­re­pu­blik. Jan Bach­mann gibt in sei­ner Ar­beit ei­nen kurz­wei­li­gen und fas­zi­nie­ren­den Ein­blick in die von Selbst­zwei­fel und Geld­sor­gen ge­quäl­te Psy­che des ar­men Poe­ten und spä­te­ren po­li­ti­schen Ge­fan­ge­nen. Ein wei­te­res Co­mic von Bach­mann über Müh­sams Zeit in der Künst­ler-Kom­mu­ne Mon­te Ve­ri­tà um 1900 ist be­reits in Ar­beit.

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