Die Ner­ven

Fa­ke (Glit­ter­hou­se)

In München - - FRISCH GEPRESST -

Der Wi­der­sinn ist dem Le­ben des Men­schen als Grund­prin­zip und -be­din­gung ein­ge­pflanzt. Zum Bei­spiel A und K: Zwei Jah­re lang gal­ten sie in ih­rem Kreis als Vor­zei­geund Ide­al­paar, schätz­ten und lieb­ten und küm­mer­ten sich um­ein­an­der, lä­chel­ten ein Lä­cheln und leb­ten ein Le­ben, mit ein paar zwis­ti­gen Entsöh­nun­gen hier und da und dann, die stets zu­ver­läs­sig in noch mehr Ver­söh­nung mün­de­ten. Dann be­schloss A, sie füh­le sich ein­ge­engt und es müs­se auf der Welt noch mehr ge­ben als Zuf­rie­den­heit, in­tel­lek­tu­el­le­mo­tio­na­len Ein­klang und per­fek­ten Sex. Gab es auch: Un­rast, Lee­re, Rat­lo­sig­keit, Hoff­nung und ei­ne Se­rie von Ver­su­chen, das Auf­ge­ge­be­ne mit an­de­ren in genau glei­cher Form wie­der­her­zu­stel­len und er­neut zu kün­di­gen, was zu Be­lie­big­keit und der Er­kennt­nis führ­te, dass man … es wei­ter ver­su­chen muss. K ging nach ei­ner an­ge­mes­se­nen Pha­se von ab­wech­selnd sich über­lap­pen­den Trotz-, Trink- und Trau­er­wel­len ähn­li­che We­ge, jam­mer­te ei­ner Rei­he zu­fäl­li­ger Bett­be­su­che­rin­nen so lan­ge vor, wie ge­mein und dumm das Le­ben und aber ei­gent­lich nicht das Le­ben, son­dern A sei, bis die­se zu­ver­läs­sig das Wei­te such­ten und auf­grund un­er­gründ­li­cher Dis­po­si­tio­nen beim nächs­ten Jam­me­rer lan­de­ten. Hin und wie­der gin­gen A und K ei­nen Kaf­fee trin­ken, plau­der­ten über die Zu­stän­de und fan­den es scha­de, dass al­les so en­den muß­te und nicht wie­der­her­zu­stel­len war. Frag­te man sie, wie­so das ih­rer Mei­nung nach so sei und wes­halb sie es nicht ein­fach ver­such­ten, ern­te­te man ver­wun­der­te Bli­cke: weil das halt nicht ge­he und der Mensch nun mal grund­sätz­lich und über­haupt nach vor­ne bli­cken müs­se. Ir­gend­wann – je­der weiß es, kei­ner glaubt es – ist man dann im ca­mem­bert­schen Sin­ne reif ge­nug, um sich in Be­ruf und Ar­beit ver­geb­lich zu ver­wirk­li­chen, end­lich die Sinn­su­che auf sich selbst um­zu­lei­ten und mit eso­te­ri­schen Heils­leh­ren die Lee­re zur Fül­le zu er­klä­ren. An­de­rer­seits: Wä­re nicht der Wi­der­sinn so al­les durch­drin­gend, zö­ge er sich nicht als Bor­te um und als Schuss­fa­den durchs Ge­we­be des Da­sein, dann gä­be es Schall­plat­ten wie die­se nicht. „Fin­de nie­mals zu dir selbst!“zum Bei­spiel „denkt“Max Rie­ger „laut“(„manch­mal“) und bringt mit dem Fahr­ten­mes­ser der Bö­s­i­ro­nie auf den Punkt, wo der Ha­ken be­gra­ben ist. Ächz! Uff! Me­ta­phern­sa­lat! Das kommt her­aus, wenn man ver­sucht, zu um­schrei­ben, was nicht zu um­schrei­ben, son­dern halt am bes­ten zu hö­ren und in­tui­tiv zu be­grei­fen ist: Song­tex­te, die wie ei­ne Spritz­tü­te der Be­griff­lich­kei­ten das dif­fu­se Ge­wöll im ei­ge­nen Herz­hirn zu per­fek­ten Sen­ten­zen for­men. Ja, gut, ich hör schon auf. Das ist nicht im­mer leicht zu er­tra­gen, am ehes­ten noch in der dräu­en­den Halb­be­lie­big­keit der (eben!) im­mer „Neu­en Wel­len“des Ope­ners, der als ei­ne Art krat­zi­ger Läu­fer im Ein­gangs­flur liegt. Schon ist man drin, und nach dem zi­tier­ten lau­ten Ge­dan­ken haut „Frei“mit me­tal­li­schen Ma­gen­schwin­gern in sämt­li­che Ker­ben des Ir­rens und Wir­rens von A, K und al­len an­de­ren: „Lass al­les los! Gib al­les frei!“, und am En­de stol­pert der zer­hack­te Beat des Le­bens als Ske­lett da­von. Es wird dann trau­rig, es wird bunt­grau, be­sinn­lich und pa­the­tisch und zor­nig; es klingt (wie) selbst­ver­ständ­lich an an die gro­ßen Pfei­ler der deutsch­spra­chi­gen Schmerz­pop­mu­sik (Her­ren­ma­ga­zin und Fin­dus). Es wöl­ben sich ge­wal­ti­ge Bö­gen von ent­stell­ten, ver­wun­de­ten, zer­krüp­pel­ten Me­lo­di­en, Ein­sich­ten, neu­en Fra­gen. „Al­les falsch“, „Ex­plo­sio­nen“, „Kann‘s nicht ges­tern sein?“, und wenn man den ab­schlie­ßen­den Ti­tel­song er­reicht hat und in sei­ner eben­so epo­cha­len wie all­täg­lich-ba­na­len Ele­gie ver­sinkt („Her mit eu­ren Lü­gen, her mit eu­rem Leid!“), weiß man im Prin­zip al­les. Und nichts, weil: Was hilft‘s? Doch, kann sein, es hilft was: A und K ha­ben ein neu­es ge­mein­sa­mes Lieb­lings­al­bum, und die Bli­cke, die sie sich in den letz­ten Ta­gen zu­wer­fen, las­sen ah­nen, wenn nicht hof­fen, dass es doch nicht mehr gibt und daß sie das ein­ge­se­hen ha­ben. Micha­el Sai­ler

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