Let’s sway and swing

„Tanz ins Le­ben“von Richard Lon­crai­ne

In München - - FILM-ABC - Luit­gard Koch

„Ich pla­ne un­se­ren Ru­he­stand seit 35 Jah­ren“, ver­rät La­dy San­dra Ab­bott (Imel­da Staun­ton) stolz auf der Par­ty zum Aus­stand ih­res Man­nes Mi­ke (John Ses­si­ons). Der hat es als Po­li­zei­be­am­ter so­gar zu ei­nem Adels­ti­tel ge­bracht. Doch die Fei­er en­det in ei­nem Eklat. San­dra er­wischt ih­ren Gat­ten in fla­gran­ti mit ih­rer bes­ten Freun­din Pa­me­la (Jo­sie La­wrence). Mi­ke, für den sie ih­re ei­ge­nen Träu­me op­fer­te, be­trügt sie schon seit Jah­ren. Hals über Kopf ver­lässt sie den no­blen Land­sitz und flüch­tet zu ih­rer äl­te­ren Schwes­ter Bif (Ce­lia Im­rie) nach Lon­don. Die bei­den könn­ten nicht un­ter­schied­li­cher sein. Denn wäh­rend San­dra ver­krampft und bla­siert an Kon­ven­tio­nen hängt, ge­nießt die frei­geis­ti­ge, re­bel­li­sche Bif in ih­rem be­schei­de­nen Wohn­block das Le­ben in vol­len Zü­gen. Nicht um­sonst ha­ben die zwei seit lan­gem kei­nen Kon­takt mehr. Aber in die­sem Mo­ment ist die Un­ver­hei­ra­te­te der ein­zi­ge Mensch, dem die ver­snob­te San­dra noch ver­traut. Und die bringt mit ih­rem agi­len Freun­des­kreis, al­len vor­an dem hu­mor­vol­len Char­lie (Ti­mo­thy Spall), fri­schen Wind in den All­tag der Ge­trenn­ten, die frus­triert noch auf die Rück­kehr ih­res Ex hofft. Vor al­lem der Tanz­kurs, zu dem Bif ih­re stu­re, wi­der­wil­li­ge Schwes­ter schleppt, wir­belt die Ver­hält­nis­se durch­ein­an­der. Denn auf ei­ne Roman­ze war San­dra in ih­rem Al­ter am al­ler­we­nigs­ten ge­fasst. Und das Aben­teu­er Le­ben woll­te sie eher aus si­che­rer War­te der High So­cie­ty ge­nie­ßen, mit Netz und dop­pel­tem Bo­den. Da­für nahm sie auch ih­ren do­mi­nan­ten Ehe­mann in Kauf. Aber ih­re Schwes­ter bringt es mit ei­nem Satz auf den Punkt: „Die Angst vor dem Tod ist ei­ne Sa­che, San­dra. Es ist aber ei­ne völ­lig an­de­re Sa­che, Angst vor dem Le­ben zu ha­ben“. Re­gis­seur Richard Lon­crai­ne in­sze­niert mit sei­nem ab­so­lut bril­lan­ten En­sem­ble ei­ne ro­man­ti­sche Tra­gi­ko­mö­die, die ty­pisch bri­ti­schen Witz und In­tel­li­genz ver­sprüht. An­fangs be­zieht sein warm­her­zi­ges Feel-Good-Mo­vie sei­nen Charme aus ei­ner klas­si­schen „Fish out of Wa­ter“-Sto­ry, in der es die Haupt­fi­gur in ein un­ge­wohn­tes so­zia­les Um­feld ver­schlägt. Im­mer wie­der über­rascht da­bei das her­aus­ra­gen­de ko­mö­di­an­ti­sche Ti­ming. Mehr und mehr steht da­nach frei­lich die An­nä­he­rung der bei­den un­glei­chen Schwes­tern im Mit­tel­punkt sei­ner Ge­schich­te. Ge­schickt wählt Lon­crai­ne den Tanz­kurs als Mo­tor für Auf­bruch und spä­te Selbst­ver­wirk­li­chung. „Wir spie­len Men­schen, die ver­su­chen, sich den Rest ih­res Le­bens zu­rück­zu­ho­len“, sagt Haupt­dar­stel­le­rin Imel­da Staun­ton, die aus ei­ner mu­si­ka­li­schen, iri­schen Fa­mi­lie kommt. Mit ei­nem Flashmob am Lon­do­ner Kult­platz Pi­ca­dil­ly Cir­cus be­lohnt das Dreh­buch dann auch die rüh­ri­ge Tanz­grup­pe und lässt sie so­gar nach Rom, in die Stadt der Lie­be, auf­bre­chen. Trotz al­lem ent­steht auf der Lein­wand kein be­tu­li­ches Rühr­stück. Denn die rea­lis­ti­schen Un­ter­tö­ne feh­len kei­nes­wegs. Und dass das Al­ter nichts für Feig­lin­ge ist, macht die wun­der­ba­re Be­set­zung deut­lich, al­len vor­an der le­gen­dä­re Lon­do­ner Cha­rak­ter­dar­stel­ler und ge­fei­er­te Thea­ter­schau­spie­ler Ti­mo­thy Spall, der un­er­schro­cken die Wei­chen für ei­nen Neu­start stellt.

Le­bens­lust statt Al­ters­frust

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