Es wird nicht hel­ler in der Welt

Sprach­stren­ger Schil­ler: Mar­tin Kuše­js „Don Kar­los“am Re­si­denz­thea­ter

In München - - BÜHNENSCHAU - Pe­ter Ei­den­ber­ger

Zwei Lich­ter fun­seln ins Pu­bli­kum, ver­mumm­te Scher­gen zer­ren De­lin­quen­ten über die Büh­ne, es ist dun­kel, dif­fus – der Abend ist kei­ne zwei Mi­nu­ten alt, da wähnt man sich schon in Teil II von Micha­el Thal­hei­mers „Richard III.“aus dem letz­ten Jahr, mit all den Ma­chen­schaf­ten in ei­ner dunk­len Welt. In der es im­mer noch nicht hel­ler ge­wor­den ist, so­viel ist nach Mar­tin Kuše­js „Don Kar­los“zu sa­gen. Der Re­si-Chef sieht ge­nau­so schwarz, an­ge­sichts der ak­tu­el­len Po­li­tik-Wir­ren, die er „äu­ßert frus­tie­rend“fin­det, und das nicht nur, weil er als neu­er Burg-Herr nächs­tes Jahr in ein nach rechts ge­kipp­tes Ös­ter­reich wech­selt. Al­so: Die schö­nen Ta­ge in Aran­ju­ez sind vor­bei (mit die­ser Fest­stel­lung be­ginnt Fried­rich Schil­lers In­tri­gen­dra­ma)? Es ist noch schlim­mer: sie wa­ren nie. So ist der Satz ge­stri­chen. Denn das Reich von Phil­ipp II. – den Tho­mas Loibl als ge­brems­ten, auch zwei­feln­den Macht­ha­ber spielt, mit An­flü­gen von Em­pa­thie – hat­te nie was Schönes, ist schwar­ze De­s­po­tie, bis in die Ko­s­tü­me, ein Mix aus His­to­rie und Mo­der­ne, und mit al­lem was da­zu ge­hört: Ein­flüs­te­rern wie Al­ba (Mar­cel Heu­per­man), der Kir­che als Sys­tem­stüt­ze (Tho­mas Let­tow als Do­m­in­go), dem Frau­en­bei­werk in ei­ner Män­ner­welt. Hof­da­men sind sie, oh­ne er­kenn­ba­re Funk­ti­on, aber mit mon­dä­nen Bril­len. Oder eben Ehe­frau: Phil­ipp hat sich sei­ne, Eli­sa­beth, aus po­li­ti­schem Kal­kül ge­nom­men. Weg­ge­nom­men, muss man sa­gen: sie war mal mit Kar­los zu­sam­men, sei­nem Sohn. Aber Pa­pa war stär­ker, und ist es im­mer noch: will der Sohn Ver­söh­nung, kriegt er ei­ne ge­langt. Kein Vi­deo, kein Mi­kro, kei­ne De­kon­struk­ti­on – Kušej macht pu­ris­ti­sches Sprech­thea­ter, klopft über vier Stun­den lang den Text mit neu­ro­lo­gi­scher Prä­zi­si­on ab, ringt mit der ge­schraub­ten Spra­che um Gül­tig­keit. Das for­dert vom Pu­bli­kum vol­le Kon­zen­tra­ti­on und trotz­dem hält man im Ge­wirr aus In­tri­gen, Frei­heits­träu­men und Fa­mi­li­en­stress nicht im­mer den Über­blick. Das ist an­stren­gend, ge­gen En­de zieht es sich – ist aber ab­so­lut se­hens­wert. Auch wenn, streng ge­nom­men, nicht so viel zu se­hen ist. Das wird dann mit lan­gen Blacks ge­teilt, in de­nen Ge­räu­sche und Mu­sik­fet­zen un­heil­voll blub­bern und blit­zen. Ein Lus­ter hängt über dem schwarz­lee­ren Raum von An­net­te Mur­schetz, wie ein qua­dra­ti­scher Hei­li­gen­schein, ein fah­ler Licht­ke­gel fällt hin­durch. Das er­hellt den Raum nur sel­ten tat­säch­lich: erst­mals, wenn Kar­los’ nicht un­ei­gen­nüt­zi­ger Ver­trau­ter Po­sa dem Kö­nig sein „Ge­ben Sie Ge­dan­ken­frei­heit!“ent­ge­gen­schleu­dert. Ei­ne Un­ge­heu­er­lich­keit von Schil­ler in – zwei Jah­re vor der Fran­zö­si­schen Re­vo­lu­ti­on – ab­so­lu­tis­ti­scher Zeit: Frank Pät­zolds star­ker Po­sa, selbst über­rascht von der ei­ge­nen Chuz­pe, schnaubt ein „Hu!“nach sei­nem frei­mü­ti­gen Pos­tu­lat. Geht es um Ge­hei­mes wie et­wa Lie­be, dreht sich ein schall­dich­ter Raum her­ein, mit Schaum­stoff­wän­den wie ei­nem Ton­stu­dio. Das Licht wech­selt dann ins Hoff­nungs­blaue. Was nichts heißt – auch hier lau­ert Un­bill: die ver­lieb­ten Win­dun­gen zwi­schen Kar­los und der Ebo­li be­ru­hen auf ei­nem Miss­ver­ständ­nis. Ein Hö­he­punkt: wie Mei­ke Dros­tes Stim­mung an­satz­los aus schöns­tem Lie­bes­wohl­ge­fühl in die ab­grün­di­ge Rach­lust ei­ner Tief­ver­letz­ten kippt. Nils Strunks Kar­los ist ein selbst­be­wuss­ter An­fang-Zwan­zi­ger, und ei­ner, der was vom Le­ben will, ei­ne po­li­ti­sche Auf­ga­be et­wa. Und die al­te Lie­be zu­rück. Eli­sa­beth, Li­lith Häß­le, wür­de nicht nein sa­gen. Aber sie fügt sich, mehr oder min­der tap­fer, den Macht­ver­hält­nis­sen. Dif­fe­ren­zier­ter Bei­fall.

Nils Strunk als Don Kar­los im schall­dich­ten Raum

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