BIENNALE

Vom 2. bis 12. Ju­ni steht bei der Mün­che­ner Biennale – Fes­ti­val für neu­es Mu­sik­thea­ter das Mot­to „Pri­vat­sa­che/Pri­va­te Mat­ters“im Mit­tel­punkt.

In München - - INHALT -

Per­for­mance in der Ba­de­wan­ne

Es scheint, als hö­re man vom Schutz der Pri­vat­sa­che im­mer sel­te­ner. Denn gro­ße Tei­le der Welt­ge­sell­schaft ge­ben sich be­kann­ter­ma­ßen seit über ei­nem Jahr­zehnt fast rausch­haft den Mög­lich­kei­ten zur Auf­he­bung des Pri­va­ten hin. Mehr noch: Sie tun es un­wi­der­ruf­lich, vor al­lem im Netz und hier be­son­ders in den So­zia­len Me­di­en. Sys­te­me, de­nen In­ti­mes/Pri­va­tes an­ver­traut wird, ver­ewi­gen die In­for­ma­tio­nen, spei­chern Bil­der, Aus­sa­gen, Zah­lungs- und Ge­sund­heits­da­ten weit über die per­sön­li­che Le­bens­dau­er hin­aus. Mit an­de­ren Wor­ten: Die Be­deu­tun­gen des Aus­drucks „Pri­vat­sa­che“ha­ben sich weit­rei­chend ver­scho­ben. Das Mu­sik­thea­ter hat ein­zig­ar­ti­ge Mög­lich­kei­ten im Zu­sam­men­wir­ken von Klang, Stim­me, Kör­per, Raum und Spra­che über die si­mul­ta­nen An- und Über­for­de­run­gen ei­ner me­di­al ge­steu­er­ten Ge­gen­wart zu er­zäh­len – Ma­nos Ts­an­ga­ris und Da­ni­el Ott ha­ben des­halb die Biennale dies­mal als mu­sik­dra­ma­ti­schen For­schungs­raum und zur „Pri­vat­sa­che“er­klärt.

Am 2. Ju­ni star­tet die Rei­he mit ei­ner Ko­pro­duk­ti­on der Mün­che­ner Biennale und der Deut­schen Oper Ber­lin mit dem Stück Wir aus Glas. Kom­po­niert von Ya­su­ta­ki Ina­mo­ri er­zählt Ger­hild St­ein­bruch hier von fünf Men­schen, die sie­ben Ta­ge in ei­ner Woh­nung ver­brin­gen. Die­se wird zur „hei­len“Welt, es gilt das An­de­re, das Un­be­kann­te, das Frem­de auf Ab­stand zu hal­ten. Mit da­bei sind Alexandra Hut­ton (So­pran), Mi­chel­le Da­ly (Mez­zo­so­pran), Cle­mens Bie­ber (Te­nor), Tho­mas Flo­rio (Ba­ri­ton) und Steffen Scheu­mann als Schau­spie­ler.

In Ko­ope­ra­ti­on mit dem Goe­the-In­sti­tut und Con­nec­ting Space Hong­kong und der Zü­ri­cher Hoch­schu­le der Küns­te ist Bubble <3 von Lam Lai, Wil­mer Chan und Na­dim Ab­bas ent­stan­den. Hier wird das Pu­bli­kum um ein Wohn­haus in der Fürs­ten­stra­ße 6 (Di­ver­se Vor­stel­lun­gen ab 2. Ju­ni, sie­he www.mu­en­che­n­er­bi­en­na­le.de) her­um­ge­führt, die Zu­schau­er sind an­ge­hal­ten, klei­ne­re Grup­pen für die ein­zel­nen Um­run­dun­gen zu bil­den, und zwar durch ver­schie­de­ne per­for­ma­ti­ve und räum­li­che In­ter­ven­tio­nen. Spe­zi­ell aus­ge­dach­te Sze­nen all­täg­li­cher Hand­lun­gen kom­men wäh­rend der Füh­run­gen zu­stan­de, den Hö­he­punkt bil­det die Wohn­zim­mer-Sze­ne, in der die Sprech­bla­se durch ei­ne stum­me Bla­se aus vier Wän­den er­setzt wird und nun als ei­ne aus­kom­po­nier­te Klang-Ar­chi­tek­tur in den Vor­der­grund rü­cken. Es sin­gen Su­san­ne Leitz-Lo­rey, Mar­tin Na­gy und Guil­ler­mo Anzo­re­na.

Kom­po­nis­tin Cla­ra Ian­not­ta und Ar­chi­tek­tin An­na Ku­be­lik stel­len sich in Skull ark, up­tur­ned with no mast die Fra­ge, wel­che Di­men­sio­nen des Wor­tes „Pri­vat­sa­che“im Raum ste­hen, wenn ex­tre­me äu­ße­re Be­din­gun­gen das Da­sein be­stim­men. Ein­ge­klemmt in die Struk­tu­ren ei­ner raum­grei­fen­den Skulp­tur si­mu­lie­ren in Ian­not­tas Mu­sik­thea­ter vier Sän­ge­rin­nen (u.a. Jo­han­na Zim­mer, Trui­ke van der Po­el), Mu­si­ke­rin­nen (u.a. Ka­rin Hell­qvist) und Tän­ze­rin­nen (u.a. Em­ma Ian­not­ta) die wi­der­sprüch­li­chen Um­stän­de ei­ner fast voll­stän­di­gen Ein­schrän­kung pri­va­ter (In­stinkt-)Be­dürf­nis­se und fra­gen nach ver­blie­be­nen Hand­lungs­mög­lich­kei­ten in Zu­stän­den ab­so­lu­ter Iso­la­ti­on. (Di­ver­se Vor­stel­lun­gen ab 2. Ju­ni in der whi­teBOX.art)

Ein Por­trät des Künst­lers als To­ter er­zählt die per­sön­li­che Ge­schich­te des Schau­spie­lers Da­nie­le Pin­tau­di und be­ginnt mit ei­nem Ge­richts­ver­fah­ren we­gen ei­ner Woh­nung in Ar­gen­ti­ni­en, die ein Ver­wand­ter von ihm 1978 wäh­rend der Mi­li­tär­dik­ta­tur er­wor­ben hat­te und einst dem Kom­po­nis­ten des Stü­ckes Fran­co Bri­darol­li ge­hör­te, des­sen Fa­mi­lie die Woh­nung nun zu­rück­for­dert. Zu­sam­men mit dem Au­tor Da­vi­de Car­ne­va­li reist Pin­tau­di 2015 nach Ar­gen­ti­ni­en und er­fährt hier die Ge­schich­te Bri­darol­lis, der zum Zeit­punkt sei­nes Ver­schwin­dens an den Kom­po­si­tio­nen ei­nes zur Zeit der NS-Dik­ta­tur in Deutsch­land ver­schwun­de­nen jü­di­schen Kom­po­nis­ten ar­bei­te­te. (Ab 3. Ju­ni im Schwe­re Rei­ter)

Der Kom­po­nist Stefan Prins und der Cho­reo­graph Da­ni­el Li­ne­han ha­ben in en­ger Zu­sam­men­ar­beit ei­ne hy­bri­de Per­for­mance aus Mu­sik und Tanz ent­wi­ckelt, die sich mit den The­men und Fra­gen zum Be­griff „Pri­vat­sa­che“aus­ein­an­der­setzt. In Zu­sam­men­ar­beit mit sie­ben Tän­zern von Li­ne­hans Tanz­kom­pa­nie Hia­tus, zehn Mu­si­kern des Klang­fo­rums Wi­en und dem Di­ri­gen­ten Bas Wie­gers, ha­ben sie das Stück Third Space kon­zi­piert, das nicht in die kon­ven­tio­nel­len bi­nä­ren Sys­te­me un­ter­teilt wer­den kann und mit Per­spek­ti­ven und Wahr­neh­mun­gen der Zu­schau­er spielt. In je­der Wie­der­ho­lung er­hält das Pu­bli­kum je­weils voll­kom­men an­de­re In­for­ma­tio­nen durch die Über­mitt­lung von Vi­deo-, Ton- und Li­ve-Per­for­man­ces. (Vom 4. bis 6. Ju­ni im Carl-Orf­fSaal, Ga­s­teig)

Das Ba­thtub Me­mo­ry Pro­ject wur­de von fünf Künst­lern (Eleft­he­ri­os Ve­nia­dis (Ko­po­si­ti­on), Ele­ni Efthy­miou (Re­gie), Leo­ni­das Gi­an­na­ko­pou­los (Vi­deo), Na­ta­sa Ef­stathia­di (Büh­ne) und Vas­si­lis Seli­mas (Vi­deo Il­lus­tra­tor) mit un­ter­schied­li­chem künst­le­ri­schem Hin­ter­grund ge­stal­tet. Ziel war es, dem Zu­schau­er ei­nen ganz per­sön­li­chen Au­gen­blick zu bie­ten – und das ist wörtlich ge­meint: die Per­for­mance rich­tet sich je­weils nur an ei­nen ein­zi­gen Zu­schau­er. Die Teil­nah­me muss im Vor­aus ge­bucht wer­den. Ba­de­klei­dung ist er­for­der­lich, weil der Zu­schau­er wäh­rend der 15mi­nü­ti­gen Per­for­mance in ei­ner mit war­mem Was­ser ge­füll­ten Ba­de­wan­ne liegt. (Ab 6. Ju­ni im Muf­f­at­werk Stu­dio)

Eben­falls un­ge­wöhn­lich: Mit­ten im Zen­trum der Stadt, am Max-Jo­se­phPlatz, ha­ben sich Kom­po­nist und Re­gis­seur Rue­di Häu­ser­mann, das He­no­so­de-Quar­tett und der Schau­spie­ler Tho­mas Dou­glas ei­ne ei­ge­ne Ton­hal­le ge­baut. 2,75 x 5,25 x 2 Me­ter, nicht grö­ßer, nicht klei­ner. Das Platz­an­ge­bot ist li­mi­tiert. (Ab 3. Ju­ni am Max-Jo­se­phPlatz 1b) Al­le wei­te­ren In­for­ma­tio­nen, Ter­mi­ne und An­fangs­zei­ten un­ter www.mu­en­che­n­er­bi­en­na­le.de

Ha­ben die Biennale zur Pri­vat­sa­che er­klärt: MA­NOS TS­AN­GA­RIS und DA­NI­EL OTT

Kei­ne hei­le Welt in „Wir aus Glas“von YA­SU­TA­KI INA­MO­RI und GER­HILD ST­EIN­BRUCH

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