Klein­kunst mit Herz in Haid­hau­sen

In München - - MEINE PLATTE -

Klein­kunst und Haid­hau­sen? In ei­nem Stadt­vier­tel, das sich schon lan­ge von ei­nem Glas­scher­ben­vier­tel über ei­ne kur­ze Epo­che als Künst­ler­vier­tel zu ei­ner der teu­ers­ten Wohn­ge­gen­den Mün­chens ent­wi­ckelt hat? Ja, aus­ge­rech­net hier gibt es ei­ne Kn­ei­pe, die Ca­fé, Fri­seur und Klein­kunst­büh­ne ver­eint.

In der Kir­chen­stra­ße 90 gibt es mit dem Herz­werk ge­nau das, nicht un­weit der al­ten Un­ter­fahrt. Schon zu de­ren Zei­ten ka­men im­mer wie­der Mu­si­ker vor oder nach den Gigs zum jam­men in den Ver­sus­bar­ber­shop von Andre­as Kri­ckel, der sich da­mals noch ums Eck in der Or­leans­stra­ße be­fand und spä­ter im Fri­seur­ge­schäft „Haar­kult“von Ma­ri­on Ipo­lyi un­ter­kam. Ir­gend­wann spreng­ten die im­mer grö­ßer wer­den­den Ses­si­ons dort die Ka­pa­zi­tä­ten, so dass Ma­ri­on Ipo­lyi letz­tes Jahr die al­te Bo­azn Teu­fels­kü­che von ne­ben­an re­no­vier­te und das Ca­fé Herz­werk, in dem der Fri­seur­la­den Ver­sus in­te­griert ist, er­öff­ne­te. Vor fast ge­nau ei­nem Jahr ent­stand so ein ein­zig­ar­ti­ges Kon­zept aus Ca­fé, Kul­tur und Fri­seur, in dem auch Klein­künst­ler ver­schie­dens­ter Rich­tun­gen ei­ne neue Hei­mat ge­fun­den ha­ben. Ei­ni­ge Plat­ten die­ser Künst­ler möch­ten Andre­as Kri­ckel und ich, Jörg Lex, heu­te vor­stel­len.

Als ei­nen der ers­ten Gäs­te durf­ten wir Andre­as Dom­bert be­grü­ßen. Dies war für uns ei­ne gro­ße Eh­re, da er in den letz­ten Jah­ren mit Welt­stars wie Pat Mar­ti­no, Ulf Wa­ke­ni­us, Phi­lip Ca­the­ri­ne oder Mar­tin Tay­lor zu hö­ren war. Die Jazz­gi­tar­ren­le­gen­de Lar­ry Co­ry­ell, die lei­der im letz­ten Jahr viel zu früh ge­stor­ben ist, be­zeich­ne­te ihn als „The Fu­ture of Eu­ro­pean Jazz Guitar“. Un­se­re Lieb­lings­plat­te von Andre­as heißt sch­licht „35“und ist nach dem da­ma­li­gen Al­ter Dom­berts be­nannt. Er­schie­nen ist sie 2016 bei Yel­low­bird/En­ja. Für sein Trio-De­büt hol­te er kei­ne Ge­rin­ge­ren als den Schlag­zeu­ger Jo­chen Rü­ck­ert aus New York und den Münch­ner Bas­sis­ten Hen­ning Sie­verts ins Stu­dio. Andre­as sag­te, dass er sich lan­ge vor Auf­nah­men in Trio-Be­set­zung ge­scheut hat, weil man „da­mit sein In­ners­tes preis­gibt.“Um­so er­staun­li­cher ist das Er­geb­nis. „Trio at its very best“, so der re­nom­mier­te Jazz­kri­ti­ker Alex­an­der Schmitz. Dom­bert lern­te Jo­chen Rü­ck­ert erst kurz vor den Auf­nah­men im Stu­dio ken­nen, so dass ge­nü­gend Raum für Im­pro­vi­sa­ti­on blieb. Acht der 15 Ti­tel be­zeich­net Dom­bert da­her als „Sha­des“, al­so Schat­tie­run­gen. Die­se Art der Im­pro­vi­sa­ti­on auf sei­ner neu­en Plat­te nennt er des­halb so, weil je­des spon­tan ent­stan­de­ne Stück für ihn ei­nen an­de­ren Gr­au­ton, ei­ne an­de­re Mu­sik­far­be, hat. Die üb­ri­gen sie­ben Ti­tel sind aus­ge­schrie­be­ne Kom­po­si­tio­nen, die in mo­na­te- und jah­re­lan­ger Ar­beit ent­stan­den sind. Das gan­ze Al­bum ge­prägt von ei­ner war­men Me­lan­cho­lie und von Dom­berts un­trüg­li­chem Ge­spür für star­ke Me­lo­di­en und brei­te Klang­räu­me. 2017 wur­de er da­für in der Ka­te­go­rie Gi­tar­re na­tio­nal für den ECHO JAZZ no­mi­niert. Ganz schön groß­ar­tig für je­man­den der ur­sprüng­lich „ei­ne ge­wis­se Hass­lie­be zum Jazz pfleg­te“(Deutsch­land­ra­dio Kul­tur SWR).

Der Mul­ti­in­stru­men­ta­list Ot­to Schel­lin­ger stell­te sei­ne neue So­lo­plat­te „Af­fen­kas­ten“im März vor. Der ehe­ma­li­ge Bas­sist von Clau­dia Kor­eck und die mo­men­ta­ne „One-Man-Be­gleit­band“(Ge­sang, Schlag­zeug und Bass) des baye­ri­schen Lie­der­ma­chers Ma­thi­as Kell­ner tex­tet und singt auf sei­ner neu­en So­lo­plat­te nicht wie ver­mu­tet auf baye­risch, son­dern auf hoch­deutsch. Nach sei­nem De­büt­al­bum „Zehn Kar­tons“(so­ny/nord­pol­re­cor­ds 2016) und der Vi­nyl EP „Fla­schen­samm­ler“(Ho­meFi Re­cor­ds 2017) gibt es jetzt das Tou­ral­bum „Af­fen­kas­ten“. Die acht neu­en Songs kom­men we­sent­lich re­du­zier­ter und rau­er da­her als die Vor­gän­ger und be­we­gen sich text­lich so­wie mu­si­ka­lisch weg vom Pop in Rich­tung Chan­son und Lie­der­ma­cher. Das steht Schel­lin­ger gut und wirkt we­sent­lich ei­gen­stän­di­ger und ab­wechs­lungs­rei­cher als zu­vor: Der Ti­tel­song, ein Lied über den Um­gang mit Han­dys, ein trau­rig ko­mi­sches Stück über den All­tag im Se­nio­ren­heim („Dop­pel­zim­mer Voll­pen­si­on“), ei­ne schrä­ge Hym­ne auf die Sport­re­por­te­rin „Sa­bi­ne Töp­per­wi­en“oder ei­ne Ode an den Schnee­mann („Der Schnee­mann tanzt“). Selbst ein ver­meint­lich un­pas­sen­der Schla­ger wie „Schmidtchen Schlei­cher“klingt bei Schel­lin­ger nicht ab­ge­dro­schen, son­dern frisch und ho­mo­gen.

Weg vom Ver­stand, hin zum Ge­fühl – die­sen Weg be­singt der Frei­sin­ger Sin­ge­rund Song­wri­ter Ra­fa­el Lu­to, der mit dem Ju­gend­kul­tur­preis der Stadt aus­ge­zeich­net wur­de, auf sei­nem Erst­lings­werk „Good­bye Des­car­tes“. Den be­rühm­ten Grund­satz des fran­zö­si­schen Phi­lo­so­phen wan­delt er ab in „Ich füh­le, al­so bin ich“, und herr­lich un­ver­kopft er­zählt Raf­fa­el Lu­to auch sei­ne Ge­schich­ten. In klas­si­scher Lie­der­ma­cher-Ma­nier be­glei­tet er sich auf der Wes­tern­gi­tar­re, be­freun­de­te Mu­si­ker ver­fei­nern die Stü­cke mit ge­schmack­vol­len E-Gi­tar­renlicks, Per­cus­sion und so­gar Cel­lo. Die Band­brei­te des Al­bums reicht so­mit von Cand­le­light-Din­ner bis zu läs­si­gem In­die­rock. Das letz­te Stück der Plat­te ist ei­ne Live-Auf­nah­me sei­nes Ge­dichts „Vom Ste­hen­blei­ben und Wei­ter­ge­hen“, un­ter­malt von stim­mungs­vol­lem Kla­vier. Da­rin er­fah­ren wir die Mo­ti­va­ti­on hin­ter Lu­tos Be­we­gungs­drang: „Nicht weil es wo­an­ders bes­ser ist, nein, weil ich das Ge­hen lie­be.“

The Moon­band, die He­ad­liner des letzt­jäh­ri­gen Open(-Hair)s ha­ben uns in ei­ner wun­der­ba­ren Som­mer­nacht in Na­del­stadt/Mei­len­dorf be­geis­tert und ver­zau­bert. „Un­til the Evil Ghost is go­ne“, heißt das fünf­te Stu­dio­al­bum der Mün­che­ner Folk­for­ma­ti­on, be­ste­hend aus Eu­gen Kern-Em­den (Eu­gen Mond­ba­sis), Chris Be­gusch (Chris Hous­ton), Ka­trin Bo­beck (Ka­te­ri­na Kir­ko­va), Gre­gor Po­glitsch (Greg Sky­wal­ker) und Ele­na Roh­lek (Ele­na Ra­ke­te). Ein Al­bum, das sich den see­li­schen, po­li­ti­schen und künst­le­ri­schen Geis­tern die­ser Welt wid­met. Die al­te Fan­ge­mein­de wird sich zum zehn­jäh­ri­gen Band­ju­bi­lä­um dar­an ge­wöh­nen müs­sen, dass auf der neu­en Plat­te ne­ben den per­fekt ar­ran­gier­ten mehr­stim­mi­gen Ge­s­angs­li­ni­en und den akus­ti­schen In­stru­men­ten (Gi­tar­ren, Man­do­li­ne, Uku­le­le, Ban­jo, Bluesharp, Irish Bou­zou­ki und Per­cus­sions) ein Gra­nu­lar-Syn­the­si­zer zu hö­ren ist. So­mit er­hal­ten syn­the­ti­sche Sounds so de­zent Ein­klang in die­ses Ge­samt­kunst­werk, dass im Mit­tel­punkt wei­ter­hin der le­gen­dä­re und cha­rak­te­ris­ti­sche In­die-Folk-Sound der Band steht. Das mu­sik­ma­ga­zin.de schrieb: „The Moon­band be­weist ein­mal mehr, dass gu­ter In­die-Folk nicht zwangs­läu­fig aus den USA kom­men muss. Die Bay­ern müs­sen sich nicht hin­ter der Kon­kur­renz aus Über­see ver­ste­cken. Bei die­ser CD stimmt ein­fach al­les.“

Jörg Lex / Andre­as Kri­ckel

… sind För­der­schul­leh­rer und Hob­by­mu­si­ker(Lex) so­wie Fri­seur­meis­ter und Kul­tur­lieb­ha­ber (Kri­ckel) und or­ga­ni­sie­ren ge­mein­sam Kul­tur­ver­an­stal­tun­gen. Das dies­jäh­ri­ge „Open(-Hair)“fin­det am 23.6.2018 ab 17 Uhr im Na­tur­gar­ten Schö­negge in Na­del­stadt/Mei­len­dorf statt und bie­tet ei­nen Mix aus jun­gen Künst­lern wie Cos­ma Joy, Ron­ja Pöhl­mann, Me­li­na Al­der und re­nom­mier­ten Künst­lern wie z. B. Bart­hel & Kal­ley, The Dead­ful Gre­ats, dem Ab­seits-Chor und DJ „tw-ache in mo­re“. Wei­te­re Ver­an­stal­tungs­hin­wei­se un­ter: herz­werk.ca­fe/ver­an­stal­tun­gen/

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