KA­BA­RETT

Wer har­te Po­in­ten aus­teilt, muss auch gu­te Gags pa­rie­ren kön­nen

In München - - INHALT - Ru­pert Som­mer

Wer hat sie bloß so rui­niert?

Was ist denn hier pas­siert? Jetzt schau­en die sonst so sou­ve­rä­nen All­zweck­mo­de­ra­to­ren Ster­mann & Gris­se­mann plötz­lich so denk­bar ab­ge­kämpft und ram­po­niert aus, als ob man sich wirk­lich Sor­gen um sie ma­chen müss­te. Doch klar, al­les Schmäh! Trau­en kann man dem gro­ßen grau­en Deut­schen und sei­nem ge­schmei­di­gen ös­ter­rei­chi­schen Mit­strei­ter na­tür­lich auch dies­mal wie­der nicht. Al­les Po­in­te. Je­der Satz ei­ne Über­ra­schung. Und na­tür­lich „Gags, Gags, Gags“. So heißt auch das Büh­nen­pro­gramm, das ih­re le­gen­dä­re ORF-Sen­dung erst­ma­lig auf die Bret­ter brin­gen möch­te. Da­bei darf na­tür­lich nicht feh­len, was die bei­den so hin­ter­fot­zig macht: die Kunst der fei­nen Be­schimp­fung, die scho­nungs­lo­se Sinns­a­bo­ta­ge, die Freu­de an der bi­zar­ren Par­odie und der uner­schro­cke­ne Wil­le zur Selbst­de­mon­ta­ge. Ei­nes nur wird nie pas­sie­ren, wie sie ei­sern be­teu­ern: Dass sich die bei­den ins „ka­ba­ret­tis­tisch Res­sen­ti­men­ta­le“ver­ir­ren oder mit „öden so­zi­al­de­mo­kra­ti­schen Po­in­ten“lang­wei­len. Wenn das mal nicht ein Ver­spre­chen ist. (Lust­spiel­haus, 15./16.6.)

Wir blei­ben eu­ro­pä­isch: Re­né Frot­scher, der eng­lisch-deut­sche Come­dy­Ma­gier, ist ge­prägt vom tro­cke­nen In­sel-Hu­mor und weiß sel­bi­gen ge­schickt wie ein Ta­schen­spie­ler aus­zu­spie­len. „Al­les (f)rot­scher“heißt sei­ne ers­te So­lo-Show, die sich in Skur­ri­li­tä­ten suhlt und mit vi­su­el­len Gags, Stand-up-Ein­la­gen und na­tür­lich viel Zau­be­rei protzt. (Hofspielhaus, 15.6.)

Kei­ne Re­qui­si­ten, ver­steck­te Ka­nin­chen und na­tür­lich kei­ner­lei In­stru­ment braucht LaLeLu, um das Haus zu ro­cken. Kein Wun­der, ver­birgt sich doch hin­ter dem Kin­der­reim die vier­köp­fi­ge, durch­weg gut aus­se­hen­de und vor al­lem wahn­wit­zig ko­mi­sche ACa­pel­la-For­ma­ti­on aus Ham­burg. „Muss das sein?!“nennt sich das neue „Trend­pro­gramm“, in dem man er­fährt, war­um Müt­ze zu tra­gen im­mer noch Hip und nie­mals Hop ist, war­um sich Flat­rates mit Ade­le bes­ser ver­kau­fen und war­um nur Udo den Song vom Udo sin­gen darf. End­lich mal ein Abend, an dem man Zu­kunfts­ängs­te, Schlaf­lo­sig­keit oder die Pro­ble­me mit ver­min­der­ten Sept­non­ak­kor­den ver­ges­sen darf. (Lust­spiel­haus, 24.6.)

Rich­tig was ler­nen kann man da­ge­gen beim Sci­ence Slam, der erst­ma­lig am denk­bar ehr­wür­di­gen Ort gas­tiert. Wis­sen­schaft­ler er­klä­ren da­rin die schöns­ten Bam­bi-Wit­ze, Trum­pI­mi­ta­tio­nen und Amö­ben-Por­nos. „Wis­sen­schaft in zehn Mi­nu­ten“lau­tet das Mot­to, bei dem es dar­um geht, kom­ple­xe In­hal­te mög­lichst an­schau­lich und pu­bli­kums­nah zu prä­sen­tie­ren. Da­für sind al­le Mit­tel er­laubt – irr­wit­zi­ge Po­wer-Po­int-Prä­sen­ta­tio­nen, Aus­druck­s­tän­ze und na­tür­lich an­schau­li­che Ka­wumm-Ex­pe­ri­men­te. Wich­tig ist, dass et­was hän­gen bleibt. Noch wich­ti­ger ist, dass Au­di­to­ri­um nie­mals zu lang­wei­len. Denn die Zu­schau­er ent­schei­den dar­über, wer den bes­ten Vor­trag ab­ge­lie­fert hat. (Kam­mer­spie­le, 19.6.)

Wer auf den Ge­schmack ge­kom­men ist und noch mehr Wis­sens­hun­ger in sich ru­mo­ren hört, soll­te dann gleich auch noch den „Über An­fän­ge und al­les, was nicht eins ist“-Abend der Her­ren Gunkl und Ha­rald Lesch mit­neh­men. Der Aus­tro-An­ar­chist und der BR­be­kann­te Phy­si­kus phi­lo­so­phie­ren über Sach­ver­hal­te, die wirk­lich nach­denk­lich stim­men. So fal­len bei­spiels­wei­se Sa­chen, wenn sie fal­len, run­ter. Das weiß man. Al­ler­dings fal­len die Din­ge auch, oh­ne dass wir wis­sen, wie Gra­vi­ta­ti­on funk­tio­niert. Und wenn wir da­von wis­sen, tun sie es auch. Gunkl und Lesch ist das nicht wurscht, sie wol­len den Din­gen auf den Grund

ge­hen, ge­ra­de in Zei­ten, in de­nen es auch schon im ba­na­len All­tag schwer ist, den zeit­ge­mä­ßen Miet­zins zu ent­rich­ten, sich hin­rei­chend fett­arm zu er­näh­ren und ei­ni­ger­ma­ßen knöll­chen­frei durchs Le­ben zu kom­men. (Lust­spiel­haus, 28.6.)

Wirk­lich prak­ti­sches All­tags­wis­sen be­kommt man da­ge­gen von Me­la­nie Haupt, Ju­dith Ja­kob und Ste­pha­nie Theiß in ih­rem „Frau­en an der Steu­er“-Abend ver­mit­telt. Im­mer­hin schlägt sich das fe­mi­ni­ne Trio ei­ne Bre­sche durch die un­end­li­chen Wei­ten des Steu­erd­schun­gels. Prak­ti­sches Fall­bei­spiel: Drei Freun­din­nen be­trei­ben ge­mein­sam ei­nen klei­nen Fi­schim­biss, den es zu ret­ten und schüt­zen gilt, seit­dem ihn das Fi­nanz­amt auf dem Kie­ker hat. (Lach- und Schieß­ge­sell­schaft, 18.6.)

So­li­da­ri­sche Frau­en-Po­wer ist auch der Kitt, der Ines Mar­ti­nez, An­na Bolk, Jut­ta Ha­bicht und Sa­bi­ne Urig von der For­ma­ti­on Al­te Mäd­chen zu­sam­men­hält. Was die Vier ver­eint, ist die An­sicht, dass Al­tern doof ist. Weil man gar kei­ne Zeit zum Rei­fen hat­te. Plötz­lich steht man in der Schlan­ge vor dem Ü50-Tür­ste­her – und we­der Weis­heit noch Ge­las­sen­heit ha­ben sich ein­ge­stellt. (Deut­sches Thea­ter, 16.6.)

Ähn­lich il­lu­si­ons­los sieht das He­le­ne Mier­scheid, hin­ter der sich ei­ne Ber­li­ner Au­to­rin und Ka­ba­ret­tis­tin ver­birgt, die zehn Jah­re lang für Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te ge­ar­bei­tet hat­te. In ih­rem mitt­ler­wei­le drit­ten Pro­gramm „Sex, Drugs und He­xen­schuss“, Selbst­the­ra­pie nach dem Bü­ro-Wahn, weint sie dem so­ge­nann­ten Häss­li­chen Zeit­al­ter, den 80er Jah­ren, kei­ne Trä­ne nach. „Wir hat­ten vor al­lem viel – auch viel Sex, aber nur, weil un­se­re Kla­mot­ten so häss­lich wa­ren, dass wir sie nicht schnell ge­nug aus­zie­hen konn­ten.“So war das al­so. (Schlacht­hof, 15.6.)

Nicht so ein­fach mit bit­ter­sü­ßer Nost­al­gie ab­fin­den möch­te sich da­ge­gen Nils Hein­rich. Er „probt den Auf­stand“– und nennt auch gleich sein neu­es Pro­gramm so. Er will end­lich weg vom Stöck­chen, die al­len Auf­ge­regt­bür­gern mi­nüt­lich me­di­al zum Dr­über­sprin­gen hin­ge­hal­ten wer­den. Sein Auf­bruch geht hin zu den klei­nen stil­len Wun­dern, die fast über­se­hen wer­den. Hin zur wohl­do­sier­ten Wit­zig­keit und zur in­tel­li­gen­ten Me­lan­cho­lie. Des­we­gen ver­teilt er nach­hal­ti­ge Qua­li­tät­s­ka­lau­er, die er mit ei­nem him­mel­blau­en Holz­ham­mer aus kor­si­schem Kirsch­holz un­ters Volk klopft. (Lach- und Schieß­ge­sell­schaft, 20. bis 23.6.)

Bleibt als Ge­gen­gift dann ver­mut­lich nur noch Oli­ver Pötzsch und sei­ne Bu­kow­skiBlues-Boys. Ge­mein­sam füh­ren sie durch ei­nen Abend, der viel zu schön zu wer­den droht, um ihn nüch­tern zu er­le­ben. Har­te, aus dem Le­ben ge­grif­fe­ne Gags – und da­zu „Lie­der für die Le­ber“. Prost! (Dreh­lei­er, 15.6.)

Deutsch-bri­ti­sches Un­der­state­ment: RE­NÉ FROT­SCHER

Deutsch-ös­ter­rei­chi­sche Schmutz­fin­ken: STER­MANN & GRIS­SE­MANN

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