Feins­te Bos­hei­ten beim The­ra­peu­ten

„Die Wun­der­übung“von Michael Kreihsl

In München - - FILM-ABC KINO - Marg­ret Köh­ler

Wer den Part­ner, die Part­ne­rin so rich­tig ins Mark tref­fen will, kann hier noch ei­ni­ges ler­nen. Da sit­zen sie sich ge­gen­über, be­lau­ern sich und spu­cken Gift und Gal­le: Die His­to­ri­ke­rin Jo­a­na und Luft­fahr­tin­ge­nieur Va­len­tin sind seit Jah­ren ver­hei­ra­tet, aber jetzt ist die Luft raus, die Ro­man­tik des Ken­nen­ler­nens beim Tau­chen in exo­ti­schen Ge­fil­den per­du. Lie­be­sund Li­bi­do-mä­ßig heißt es „Ri­en ne va plus“. Letz­te Mög­lich­keit: Ei­ne Paarthe­ra­pie. In der U-Bahn fi­xie­ren sich bei­de schwei­gend, sie geht zu Fuß in die Pra­xis, er nimmt den Fahr­stuhl. Ei­gent­lich kön­nen und wol­len sie nicht mehr mit­ein­an­der, war­ten nur auf ei­ne Ge­le­gen­heit, dem an­de­ren hef­ti­ge Bos­hei­ten um die Oh­ren zu hau­en, dass die Fet­zen flie­gen. Be­vor Va­len­tin nur ei­nen Pieps sa­gen kann, weiß Jo­a­na schon, was er will und un­ter­bricht ihn rück­sichts­los. Der See­len- klemp­ner, der auch schon mal ei­nen Jo­ghurt fut­tert, wenn das Paar auf sein Ge­heiß hin die Au­gen schließt, steht mit sei­nen sal­bungs­vol­len Re­den und selt­sa­men Übun­gen auf ver­lo­re­nem Pos­ten. Doch als der The­ra­peut nach ei­ner Pau­se völ­lig von der Rol­le ist, weil ihn sei­ne Frau (per Te­le­fon!!!) ver­las­sen will, the­ra­pie­ren ihn die bei­den Kampf­häh­ne. Der Ös­ter­rei­cher Michael Kreihsl bringt sei­ne er­folg­rei­che Büh­nen­in­sze­nie­rung (77 aus­ver­kauf­te Vor­stel­lun­gen und 30.000 Zu­schau­er) nach dem Stück von Da­ni­el Glattau­er mit Biss und Tem­po auf die Lein­wand und stützt sich auf ein Su­per-En­sem­ble mit Ag­laia Szy­sz­ko­witz als Ehe­frau mit Haa­ren auf den Zäh­nen, De­vid Strie­sow als ge­nerv­ter Gat­te und Er­win St­ein­hau­er als skur­ri­ler The­ra­peut, der auch schon mal Kas­perl­pup­pen zum Ein­satz bringt. Aber den­noch mit sei­ner „Wun­der­übung“schei­tert, die Har­mo­nie stif­ten soll. Ein Macht­du­ell vom Feins­ten, auch wenn das ös­ter­rei­chi­sche Pen­dant zu Ro­man Polans­kis Thea­ter­ver­fil­mung „Der Gott des Ge­met­zels“in punc­to Ele­ganz und ver­ba­ler Treff­si­cher­heit nicht ganz mit­hal­ten kann. Kei­nes­falls zu ver­ach­ten aber ist der Wie­ner Schmäh mit Charme und Chuz­pe. Und je­de Men­ge Hin­ter­fot­zig­keit, wenn der The­ra­peut die „per­fekt ein­ge­spiel­te Streit­kul­tur auf ho­hem Ni­veau“lobt. Zwar spielt die Hand­lung fast nur in ei­nem Raum und das Gan­ze er­in­nert mehr an Thea­ter als an Film, der Schau­wert ist re­la­tiv mi­ni­mal, da­für der Un­ter­hal­tungs­wert um so grö­ßer bei schar­fen Dia­lo­gen und poin­tier­ter Iro­nie. Da schläft Va­len­tin ein bei ei­ner eso­te­ri­schen Übung, bei der er sich an ein schö­nes Er­leb­nis er­in­nern soll, sie pro­vo­ziert ihn bis aufs Blut, ei­ne ver­ba­le Es­ka­la­ti­on folgt der nächs­ten. Die „pa­ra­do­xe In­ter­ven­ti­on“, so der Trick des „Herrn Ma­gis­ter“, die Streit­han­seln sich wie­der an­nä­hern zu las­sen, ist ge­ni­al und soll hier nicht ver­ra­ten wer­den. Wer schon mal mit sei­nem Part­ner ei­nen Strauß aus­ge­foch­ten hat, kann sich in man­chen Si­tua­tio­nen wie­der­fin­den und sich dar­an er­in­nern, wie man im Be­zie­hungs­stress im­mer das Fal­sche tut, den an­de­ren mit Ge­nuss ver­letzt. Die Komödie lo­tet das ko­mi­sche Po­ten­zi­al aus, oh­ne sich über die an ih­ren ein­ge­fah­re­nen Ver­hal­tens­wei­sen kle­ben­den Men­schen lus­tig zu ma­chen. Das be­frei­en­de La­chen tut gut. Und viel­leicht weiß man am En­de, wie man beim nächs­ten Mal fried­lich mit­ein­an­der um­ge­hen kann. Oder ganz ein­fach mal die Zei­ge­fin­ger­kup­pen auf­ein­an­der le­gen und schau­en, ob der Fun­ke wie­der über­springt.

Bringt des was?

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