Na­tu­ral Born La­dy­kil­ler

In München - - LITERATUR -

Über den 14-jäh­ri­gen Karl May er­zählt Spaß­vo­gel Götz Als­mann, nach der Lek­tü­re von Ri­nal­do Ri­nal­di­ni zei­ge sich zum ers­ten Mal Karl Mays Pro­blem, „Rea­li­tät und Fik­ti­on aus­ein­an­der­zu­hal­ten“. Vol­ler Be­geis­te­rung für den ita­lie­ni­schen Ro­bin Hood „ver­lässt er heim­lich das El­tern­haus. Sei­ne Ab­schieds­nach­richt an El­tern und Ge­schwis­ter: ‘Ihr sollt euch nicht die Hän­de blu­tig ar­bei­ten; ich ge­he nach Spa­ni­en; ich ho­le Hil­fe!’ Bei Ver­wand­ten in der Nä­he von Zwi­ckau en­det die Rei­se.“Er­kennt­nis 1: Ita­li­en und Spa­ni­en zu ver­wech­seln ist kein Pri­vi­leg von Ball­tre­tern. Er­kennt­nis 2: Durch sein Schei­tern kommt Karl May sei­nem Idol RR7 ziem­lich na­he. Zu­min­dest in die­sem 7tei­li­gen Hör­spiel lebt der be­rühm­te Räu­ber­haupt­mann von ver­gan­ge­nem Ruhm. Fast al­le sei­ne Pro­jek­te im Lau­fe der Ro­man­ge­gen­wart flop­pen und Ri­nal­di­ni (K. Wus­sow) re­si­diert re­gel­mä­ßig im Git­ter­pa­last. Vor ei­ner kür­ze­ren Ge­schich­te be­wahrt uns nur das wie­der­hol­te Auf­tau­chen des mys­te­riö­sen Ret­ters Ni­ka­dor (Kurt Lieck, Scot­land-Yard-Chef Sir Gra­ham For­bes aus der Pau­lTemp­le-Se­rie). Ri­nal­di­ni ist mehr Schür­zen­jä­ger und samm­ler als Stra­ßen­räu­ber. Qua­si Film­rol­le für Er­rol Flynn. Be­ein­dru­cken­der Bun­ny Count. Sel­be Li­ga wie 007 und Gi­a­co­mo C. Statt sei­nen gut ka­tho­li­schen Hel­den (ein wei­te­rer Link zu Karl May, der Win­ne­tou kurz vor sei­nem letz­ten „Howgh!“zum Je­sus-Fol­lo­wer kon­ver­tie­ren ließ) mit zeit­wei­li­gen „Pfui!“Ein­wür­fen auf den mo­ra­li­schen Tu­gend­pfad zu na­vi­gie­ren, be­grüßt der Au­tor Ri­nal­di­nis Lot­ter­per­for­mance und gibt als kom­men­tie­ren­der Er­zäh­ler so­gar Tipps zum ad­van­ced Bun­ny­ma­nage­ment: „Die Wie­viel­te bin ich denn?“, fragt ei­ne von Ri­nal­di­nis frisch ge­ris­se­nen Ha­sen. Und Goe­the-Sch­wa­ger Vul­pi­us (H.-J. Ku­len­kampff): „Der Rit­ter (...) wuss­te die Ant­wort die­ser Fra­ge mit ei­ner Ge­gen­fra­ge klüg­lich zu ver­mei­den. Ei­ne Me­tho­de, die man sehr heilsam je­dem emp­feh­len kann, der in Ver­le­gen­heit kom­men soll­te, ei­nem ar­ti­gen Weib oder Mäd­chen ei­ne ähn­li­che Fra­ge zu be­ant­wor­ten.“Zu­sam­men mit dem blüh­wie­si­gen („Ri­nal­di­ni flog an ih­re Brust“), stelz­bei­ni­gen Wort-De­fi­lee („Was liegst du hier in schwär­me­ri­scher Un­tä­tig­keit?“) ei­ne gar köst­li­che Er­qui­ckung der nach welt­läu­fi­ger Zer­streu­ung stre­ben­den See­le. Jon­ny Rie­der Chris­ti­an Au­gust Vul­pi­us: Ri­nal­do Ri­nal­di­ni oder Der Räu­ber­haupt­mann. Hör­spiel von Fried­helm Ort­mann mit ca. 25 Spre­chern, WDR 1966, 1 mp3CD, ca. 500 Min., www.pi­dax-film.de

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