FILM­FEST Voll auf die 12 – je­der Film ein Tref­fer

Ki­no­ma­ra­thon zum 36., Ci­neMe­rit Awards für Em­ma Thomp­son & Ter­ry Gil­li­am, Hom­ma­gen an Lu­crecia Mar­tel & Phi­lip Grö­ning, Do­mi­nik Graf, Rai­ner Kauf­mann so­wie acht Bo­xer­fil­me

In München - - INHALT - Geb­hard Hölzl

Die Quo­ten­de­bat­te ist – vom #MeTooFu­ror ab­ge­se­hen – zur­zeit Lieb Kind der Film­schaf­fen­den. Gleich­be­rech­ti­gung vor und hin­ter der Ka­me­ra wird ge­for­dert. Ob das Sinn macht, ob das wirk­lich geht, scheint egal – Haupt­sa­che man klinkt sich me­di­en­wirk­sam ins The­ma ein. Ber­li­na­le-Chef Die­ter Kosslick ist dies­be­züg­lich hoch be­gabt, Film­fest-Lei­te­rin Dia­na Il­ji­ne wan­delt ver­siert auf sei­nen Spu­ren. Sie­ben Frau­en und acht Män­ner sit­zen die­ses Jahr in den di­ver­sen Ju­rys. „Ei­ne fast aus­ge­gli­che­ne Ver­tei­lung“, heißt es in ei­ner Film­fest-Aus­sen­dung, „die für ei­nen Per­spek­tiv­wech­sel in der Bran­che ste­hen kann“. Pro­blem ge­löst... bis zur nächs­ten Kon­tro­ver­se, wenn dann et­wa dar­um ge­run­gen wer­den könn­te, hei­mi­sche För­de­run­gen nach Eth­ni­en und Kon­fes­sio­nen pro­zen­tu­al kor­rekt zu ver­tei­len. Da­bei gilt es zu­nächst ein­mal das Ki­no zu ret­ten, vor der Se­quel- und Pre­quel­flut, vor ewi­gem Co­mic- und Su­per­hel­den­re­cy­cling. Film kann mehr als nur un­ter­hal­ten, Auf­merk­sam­keit schaf­fen, zum Den­ken an­re­gen. In Zei­ten, in de­nen Strea­m­ing­diens­te hoch­wer­ti­ge Wa­re zu Flat­rate-Prei­sen ins Wohn­zim­mer lie­fern, gilt es das kol­lek­ti­ve Fil­m­er­leb­nis zu för­dern. Wo bes­ser als auf ei­ner Film­schau? Un­ter­schied­li­che Gen­res, man­nig­fal­ti­ge An­sät­ze, span­nen­de Re­gis­seu­re... Auch die­ses Jahr wie­der in der Is­ar­me­tro­po­le, auf dem 36. Film­fest München, vom 28. Ju­ni bis 7. Ju­li. In Zah­len: 220 Fil­me, da­von 185 ak­tu­el­le Pro­duk­tio­nen aus 43 Län­dern, 43 Welt-, 133 Deutsch­land­pre­mie­ren. Da soll­te ei­gent­lich je­der Film­fan fün­dig wer­den – ob in den Rei­hen Spot­light oder Ci­neMas­ters, beim Open Air oder der Re­tro­spek­ti­ve.

Zu ent­de­cken gilt es bei­spiels­wei­se Lu­crecia Mar­tel. Die süd­ame­ri­ka­ni­sche Fil­me­ma­che­rin, Jahr­gang 1966, de­ren ra­di­ka­le Ar­bei­ten ger­ne mit de­nen von Ter­rence Malick und Da­vid Lynch ver­gli­chen wer­den, wird per­sön­lich ih­ren epi­so­di­schen Historienfilm Za­ma vor­stel­len. Zu se­hen ist auch ihr Erst­ling Der Mo­rast (2000), der als Ge­burts­stun­de des Neu­en Ar­gen­ti­ni­schen Ki­nos gilt. Vier ih­rer Lang­fil­me um­fasst die Werk­schau, die mit meh­re­ren ih­rer Kurz­fil­me so­wie der Do­ku­men­ta­ti­on Años Luz von Ma­nu­el Abra­mo­vich er­gänzt wird.

Nicht min­der span­nend ist das Oeu­vre des al­ten Mon­ty-Py­thon-Hau­de­gens Ter­ry Gil­li­am. End­lich hat er es ge­schafft, sein lang­jäh­ri­ges Her­zens­pro­jekt The Man Who Kil­led Don Qui­xo­te fer­tig­zu­stel­len. Mit wel­chen Schwie­rig­kei­ten die Rea­li­sie­rung ver­bun­den war, füh­ren Keith Ful­ton und Lou­is Pe­pe in Lost in La Man­cha vor Au­gen, in die skur­ri­le Lein­wand­welt des Fil­me­ma­chers kann man in den Klas­si­kern Die Rit­ter der Ko­kos­nuss, Bra­zil und Der Kö­nig der Fi­scher ein­tau­chen.

Mit ei­nem Ci­neMe­rit Award wird der um­trie­bi­ge Ki­no­an­ar­chist ge­ehrt, eben­so wie die bri­ti­sche Schau­spie­le­rin, Dreh­buch­au­to­rin und zwei­fa­che Os­car-Preis­trä­ge­rin Em­ma Thomp­son, die auf dem Ro­ten Tep­pich für den nö­ti­gen Gla­mour sor­gen wird. Kin­des­wohl – nach dem gleich­na­mi­gen Best­sel­ler von Ian McEwan, un­ter der Re­gie von Richard Ey­re („Iris“) – das liegt ihr als Fa­mi­li­en­rich­te­rin am Her­zen, ei­ne schwe­re Le­bens­kri­se muss sie meis­tern, so­wohl be­ruf­lich wie privat – die El­tern ei­nes 17Jäh­ri­gen leh­nen als Zeu­gen Je­ho­vas ei­ne ret­ten­de Blut­trans­fu­si­on ab, ihr ver­nach­läs­sig­ter Gat­te (St­an­ley Tuc­ci) er­öff­net ihr, dass er ei­ne Af­fä­re hat. Bri­ti­sches Qua­li­täts­ki­no mit schau­spie­le­ri­schen Höchst­leis­tun­gen – wie auch bei Ang Lees Sinn und Sinn­lich­keit oder Ja­mes Ivor­ys Wie­der­se­hen in Ho­wards End.

Wer sich eher für den hei­mi­schen Film in­ter­es­siert, ist bei den Sek­tio­nen Neu­es Deut­sches Fern­se­hen und Neu­es Deut­sches Ki­no gut auf­ge­ho­ben. Den Auf­takt macht zur Er­öff­nung Do­mi­nik A. Langs Ma­ckie Mes­ser – Brechts Drei­gro­schen­film. Dann rä­so­niert Do­mi­nik Graf in Han­ne über das Äl­ter­wer­den, Se­xua­li­tät und Tod, er­zählt Rai­ner Kauf­mann in Der Po­li­zist und das Mäd­chen von ei­nem Mann, der be­trun­ken die Toch­ter sei­nes bes­ten Freun­des über­fah­ren hat, wäh­rend Vi­via­ne An­de­reg­gen dem Ruf­mord an ei­ner baye­ri­schen Grund­schul­leh­re­rin, ge­spielt von Ro­sa­lie Tho­mass, nach­geht. Neu­es auch von Ja­kob Lass, schwer ge­hypt seit „Lo­ve Steaks“. Auf die Ree­per­bahn – Welt­kul­tur­er­be soll sie be­kannt­lich wer­den – treibt es ihn in So was von da. Ver­han­delt wird die letz­te (Sil­ves­ter-)Nacht ei­nes Ham­bur­ger Mu­sik­clubs, mit von der Par­tie ist „Arzt“Be­la B. Fel­sen­hei­mer. Al­les Fik­ti­on – nur die Fe­te ist echt.

Par­ty an­ders: Wa­ckers­dorf – wir er­in­nern uns: Wie­der­auf­be­rei­tungs­an­la­ge, Bür­ger­pro­test, Aus­schrei­tun­gen ... – be­sucht Oli­ver Haff­ner. Eigh­ties re­vi­si­ted in Spiel­film­form, ein Land­rat auf Spu­ren­su­che, geht denn al­les mit rech­ten Din­gen zu? Do­ku­men­ta­risch un­ter­wegs ist Lo­la Randl („Füh­len sie sich manch­mal aus­ge­brannt und leer“) in Von Blu­men und Bie­nen. Ur­ba­ne Neo-Ro­man­ti­ker tref­fen in länd­li­chem Idyll auf Hartz-IVEmp­fän­ger. Uto­pie vs. Rea­li­tät.

Schwe­re (Haus­manns-)Kost bei Phi­lip Grö­ning, dem ei­ne Hom­mage ge­wid­met ist. Ne­ben Som­mer, St­a­cho­vi­ak!, Op­fer. Zeu­gen und Die Ter­ro­ris­ten läuft sein ak­tu­el­les Werk Mein Bru­der heißt Ro­bert und ist ein Idi­ot. Ein Zwil­lings­paar liegt da rund drei St­un­den im Gras, ver­sorgt sich in der na­he­ge­le­ge­nen Tank­stel­le mit Bier und Zi­ga­ret­ten. Hei­deg­ger wird zi­tiert: „Al­les Fra­gen ist ein Su­chen“. Her­um­ge­al­bert, ge­strit­ten, ge­run­gen. Zu­letzt fließt Blut: Bon­nie und Cly­de, Hän­sel und Gre­tel, ei­ne Spur deut­sche Ro­man­tik, von Grö­nings Ka­me­ra sug­ges­tiv ein­ge­fan­gen. Ein Initia­ti­ons­film. Das sub­jek­ti­ve Zei­t­emp­fin­den des Hel­den­du­os gibt den Rhyth­mus vor. Das hat an den Ner­ven vie­ler Ber­li­na­le-Zu­schau­er ge­zerrt. Lau­tes Schnar­chen, Saal­flucht­re­kord, bö­se Zwi­schen­ru­fe: „Fickt doch end­lich!“Ein ech­ter Auf­re­ger.

Und die Fil­me­ma­che­rin­nen? Die USA­me­ri­ka­ne­rin Jen­ni­fer Fox setzt sich in The Ta­le mit se­xu­el­lem Er­wa­chen und Lie­be aus­ein­an­der – was sich dann als Miss­brauch und Ver­bre­chen ent­puppt, wäh­rend die Ita­lie­ne­rin Ali­ce Rohr­wa­cher, in Can­nes mit dem Preis für das bes­te Dreh­buch be­dacht, in Glück­lich wie Laz­za­ro mit Bi­bel­my­then jon­gliert und auf Ba­sis von christ­li­cher Sym­bo­lik ei­ne Ge­gen­warts­ana­ly­se wagt. Auf ih­ren Bo­ards lässt Crys­tal Mo­sel­le in Ska­te Kit­chen ih­re Mäd­chen­gang durch den Big App­le rol­len, ein et­was an­de­res Fa­mi­li­en­por­trät zeich­net Anahí Ber­ne­ri, de­ren Hel­din Ala­nis sich in Bu­e­nos Ai­res als Pro­sti­tu­ier­te durch­schlägt und gleich­zei­tig ver­sucht, ei­ne gu­te Mut­ter zu sein. Deutsch­lands Vor­zei­ge­re­gis­seu­rin Mar­ga­re­te von Trot­ta be­gibt sich Auf die Su­che nach Ing­mar Berg­man, eben­so wie es ih­re Kol­le­gin Ja­ne Magnus­son in Berg­man – A Ye­ar in a Li­fe tut. War­um die Da­men sich so für den schwe­di­schen Alt­meis­ter be­geis­tern, das be­legt des­sen 1980 ent­stan­de­ne deutsch­ös­ter­rei­chi­sche Ko-Pro­duk­ti­on Aus dem Le­ben der Ma­rio­net­ten.

Na­tür­lich hat man auch wie­der an den Ki­no­nach­wuchs ge­dacht, al­le Al­ters­stu­fen wer­den beim Kin­der­film­fest an­ge­spro­chen. Die Vor­schul­kids bei Kur­zes für Klei­ne 5+, die Ani­ma­ti­ons­fans bei Ma­ry und die Blu­me der He­xen, die Freun­de von Fa­beln bei Der klei­ne Fuchs und sei­ne Freun­de – Das gro­ße Ki­no­aben­teu­er. Wer schließ­lich das Event mehr schätzt als den Film, al­so be­vor­zugt dem „Ad­a­bei­sein“frönt, der sucht am bes­ten den Ga­s­teig auf. Ki­no un­ter frei­em Him­mel bei frei­em Ein­tritt. Mot­to die­ses Jahr: „Faust aufs Au­ge“, Bo­xer­fil­me, dar­un­ter Phil Karl­sons Kid Ga­la­had – Har­te Fäus­te, hei­ße Lie­be, Martin Scor­se­ses Wie ein wil­der Stier oder Ka­ryn Ku­sa­mas Girl­fight – Auf ei­ge­ne Faust.

MA­CKIE MES­SER – BRECHTS DREI­GRO­SCHEN­FILM – Und der Hai­fisch, der hat Zäh­ne ...

EM­MA THOMP­SON – die Ci­neMe­ritP­reis­trä­ge­rin sorgt sich ums „Kin­des­wohl“

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