Don Juan

Frank Cas­torf und die Last der Lust: „Don Juan“am Re­si­denz­thea­ter

In München - - INHALT - Pe­ter Ei­den­ber­ger

Es wird doch nicht et­wa Thea­ter ge­spielt, so rich­tig, wie an­no dun­ne­mals? Schö­ne Ko­s­tü­me, ed­le Mas­ken, Mo­no­lo­ge an der Ram­pe? Das klei­ne Ba­rock­thea­ter, das da auf der Büh­ne des Re­si­denz­thea­ters auf­ge­baut steht, wirkt al­ler­liebst, mit dem ge­mal­ten Pro­spekt, den Mu­scheln, die von der Büh­nen­kan­te Licht spen­den. Und tat­säch­lich, dann spie­len sie, in teu­rem Bro­kat, mit Mas­ken: zwei Män­ner piesacken ei­ne Frau. Bi­bia­na Be­glau steht da wie ei­ne ein­ge­knick­te Glie­der­pup­pe. Ge­knickt wie ei­ne Ver­las­se­ne: denn die Män­ner re­den schon über die nächs­te Ero­be­rung. Ganz nor­ma­les Thea­ter.

Spä­ter noch so was. Da kämpft Mar­cel Heu­per­mann als ver­meint­lich blö­der Bau­er wort­reich um sei­ne Frau, No­ra Bu­zal­ka, die ne­ben ihm sitzt, den Kopf ganz wo­an­ders hat und nicht fer­tig wird, sich den Hit­ze­stau un­ter ih­rem Rock raus­zulüf­ten. Schöns­tes Volks­thea­ter. Aber: so geht doch kein Cas­torf ...

Doch, doch, wir sind schon rich­tig. Wenn die Büh­ne, wie im­mer von Aleksan­dar De­nić, sich dreht, dann wächst die Ver­traut­heit. Nicht ganz so ver­rüm­pelt wie sonst, aber wie­der mit di­ver­sen Op­ti­ken: feu­da­les In­ne­res zum Ta­feln und Schla­fen, ein Stall, be­lebt von den apar­ten Zie­gen Onyx, Sa­phir und Ru­bi­na, ein Plumps­klo, aus­ge­schla­gen mit Lou­is-Vuit­ton-Lo­gos, ein rus­ti­ka­ler Ba­de­zu­ber, ein Co­la-Au­to­mat, der Ne­on­schrift­zug „Open 24 hours“. Da­zu die Ko­s­tü­me von Adria­na Pe­retz­ki: Chic aus der Ent­ste­hungs­zeit des Stücks (1665 ur­auf­ge­führt), ein paar ho­he Ha­cken, Fe­der­bu­schen. Man trägt Son­nen­bril­le (Pi­lot oder Pop), die Al­lon­ge-Pe­rü­cken wal­len, auch mal hip­pielang, oder sie tür­men sich so mons­ter­wel­len­hoch, dass gar ein Se­gel­schiff rein­passt. Vi­de­os sen­den wie­der live aus dem In­ne­ren die­ser Zelt­burg, und fil­misch bum­meln wir durch die nächt­li­che Ma­xi­mi­li­ans­stra­ße oder füh­len mit dem ent­täusch­ten Mar­cel­lo Mas­troi­an­ni am En­de von „Dol­ce Vi­ta“.

Cas­torfs Dol­ce Vi­ta reicht nicht für ei­nen, er be­setzt den amou­rös irr­lich­tern­den Ad­li­gen Don Juan dop­pelt: zwei Aus­ga­ben der­sel­ben Spe­zi­es. Der hemds­är­me­li­ge, ker­ni­ge­re Au­rel Man­thei und Franz Pät­zold, das schma­le­re Hemd mit der schnei­den­den Süf­fi­sanz, er­in­nern an zwei Jungs, die durch Clubs zie­hen. The boys are back in town, tö­nen Thin Liz­zy zu die­sen Ta­bu­lo­sen, die sich nix schei­ßen und schon mal nackt durch ei­ne gan­ze Sze­ne den­geln, mit Co­la und an­de­ren Sub­stan­zen rum­sau­en, sich ge­gen­sei­tig wat­schen bis es weh tut, im Zu­ber rum­sprit­zen. Ganz nor­ma­le Kum­pels. So weit, so Cas­torf.

Und doch ist man­ches an­ders. Nur vier­e­invier­tel St­un­den dau­ert die­ser „Don Juan“, für Cas­torf ist das fast schon Dra­mo­let­teLän­ge. Das aus­ufern­de Text­ver­sprü­hen, bis der Kon­text flö­ten geht, die kin­di­sche Lust, an Zu­schau­ers To­le­ranz­ner­ven zu zup­fen, die brül­len­de Hys­te­rie, das Aus­plät­schern des Abends ge­gen En­de: fehlt al­les. Cas­torf, der al­te Stü­cke­zer­trüm­mer, hat die­sen Mo­liè­re ganz schön ganz ge­las­sen, und trotz­dem na­tür­lich wie im­mer er­gänzt: um Tex­te von Alex­an­der Pusch­kin und Ge­or­ges Ba­tail­le, mit Blai­se Pas­cal wer­den die fa­ta­len Kon­se­quen­zen der Zer­streu­ung un­ter­mau­ert, und den Frau­en was Re­vo­lu­tio­nä­res mit­ge­ge­ben aus Hei­ner Mül­lers „Auf­trag“.

Die re­fle­xi­ven Mo­men­te, die schon Mo­liè­re sei­nem zy­ni­schen Frau­en­be­nut­zer er­laubt hat, sind hier noch ver­stärkt. Die Be­frie­di­gung der Lust wird zu­neh­mend zur Ent­de­ckung des Lust­lo­sen, der Zy­nis­mus ge­gen über den an­de­ren wech­selt ins Selbst­quä­le­ri­sche. Am En­de ist es ein Ab­ge­sang. Ma­cho­däm­me­rung. Kräf­ti­ger Bei­fall ei­nes auch nach der Pau­se noch gut ge­füll­ten Hau­ses.

Ent­de­ckung des Lust­lo­sen

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