ORTSGESPRÄCH

In München - - INHALT - In­ter­view: Ru­pert Som­mer

mit Ger­hard Witt­mann

Er ist der Mann für den zwei­ten Blick – aber dann er­kennt man ihn so­fort: Schon seit fünf Jah­ren spielt Ger­hard Witt­mann den be­mit­lei­dens­wert toll­pat­schi­gen Eber­ho­fer-Bru­der Leo­pold in den Ri­ta-Falk-Kri­mi­ver­fil­mun­gen. Im neu­en „Sau­er­kraut­ko­ma“-Durch­ein­an­der (Start: 9. Au­gust) kommt es für ihn ganz dick – Ehe­krach in­klu­si­ve. Witt­mann, der selbst weit drau­ßen auf dem Land hin­ter Aichach groß ge­wor­den ist, ist das Lei­den ge­wohnt – auch als glü­hend lie­ben­der Fuß­ball-Fan. Münch­ner ken­nen ihn nicht nur aus den wit­zi­gen Dirk-No­witz­ki-Wer­be­spots als gran­teln­den Tax­ler, son­dern auch aus sei­ner One-ManShow „Ge­naue­res erst nach der Ob­duk­ti­on“im Fraun­ho­fer, die man un­be­dingt emp­feh­len kann.

Herr Witt­mann, jetzt sind Sie schon in der fünf­ten Eber­ho­fer-Kri­mi­ver­fil­mung zu se­hen. Kommt das schon lang­sam ei­ner Art Ver­be­am­tung wie bei ei­nem „Tat­ort“Kri­mi­nal­kom­mis­sar gleich?

Nein, so fühlt sich’s mit Si­cher­heit noch nicht an. Es liegt ja doch im­mer ein gan­zes Jahr da­zwi­schen. Wenn wir als En­sem­ble je­weils wie­der zu­sam­men­kom­men, dann fühlt sich das aber an, wie wenn man in ei­ne Fa­mi­lie zu­rück­kehrt. Wir sa­gen uns dann im­mer, dass wir jetzt wie­der ei­ni­ges ab­ar­bei­ten müs­sen.

So ein biss­chen fa­mi­li­är geht’s schon zu am Set?

Ab­so­lut. Je­der ver­trägt sich mit je­dem. Ich freue mich im­mer sehr auf mei­nen „Bru­der“– auf den Se­bas­ti­an Bez­zel. In der kur­zen Zeit, die uns zu­sam­men bleibt, ha­ben wir dann im­mer ei­ne tol­le Ge­le­gen­heit, al­le Fuß­ball­ge­scheh­nis­se zu ver­ar­bei­ten. Oft pas­siert es dann, dass wir uns so ver­rat­schen, dass wir vom Auf­nah­me­lei­ter aus un­se­ren Ge­sprä­chen raus­ge­holt wer­den müs­sen, weil wie­der ge­dreht wer­den muss.

Um wel­chen Ver­ein geht’s da? Se­bas­ti­an Bez­zel lebt ja schon ei­ne gan­ze Wei­le in Ham­burg.

So ist es. Und mein Her­zens­ver­ein spielt dort, wo er lebt.

Tat­säch­lich: der HSV? Da ha­ben Sie ja har­te Zei­ten hin­ter sich.

Man muss lei­dens­fä­hig sein. Se­bas­ti­an hat mir im­mer ver­spro­chen, auf mei­nen Ver­ein auf­zu­pas­sen. Aber er hat’s nicht ge­tan. Sonst wär’s nicht so weit ge­kom­men.

Wie kommt man denn da­zu, vom Sü­den aus HSV-Fan zu wer­den? Das wa­ren in den 80er Jah­ren ja mal ge­fürch­te­te Angst­geg­ner der Bay­ern.

Rich­tig. Ich muss, glau­be ich, 13 oder so ge­we­sen sein. Da war 1977 Eu­ro­pa­po­kal-End­spiel der Po­kal­sie­ger. Zu­vor gab’s zwei Halb­fi­nal­spie­le. Da­mals hat­ten wir noch ei­nen Schwarz­weiß-Fern­se­her. Mit mei­nem Va­ter hat­te ich mir das ers­te Halb­fi­na­le an­ge­schaut, bei dem der HSV 3:1 ge­gen At­le­ti­co Ma­drid ver­lor. Die hat­ten da­mals aber sehr gut ge­spielt. Un­ter an­de­rem mit Leu­ten wie Ma­gath. Spä­ter ha­ben wir das Rück­spiel an­ge­schaut, das der HSV 3:0 ge­won­nen hat. Das Fi­na­le spä­ter ge­wan­nen sie dann 2:0 ge­gen An­der­lecht. Dann kam Ke­vin Kee­gan und die Ernst-Hap­pel-Zeit. So kam ich nie von die­sem Ver­ein los.

Ernst­haft? Ich muss schon sa­gen, das ist lan­ge her. Und zu­letzt war’s schon ei­ne ziem­lich lan­ge Lei­dens­zeit. Aber man kann sei­nen Ver­ein ein­fach nicht mehr wech­seln. Vie­le ha­ben zu mir ge­sagt, ich sollt’s mir ein­fach ma­chen und ein­fach Bay­ern-Fan wer­den. Da hab ich nur ge­lacht.

Aber Sie ha­ben sich ja mit dem HSVAb­stiegs­kampf schon fast ei­ner Lö­wenBio­gra­fie an­ge­nä­hert.

So ist es. Die Sechz­ger sind mir auch nä­her – und sie ver­fol­ge ich hier auch. Aber mein Herz schlägt für die Ham­bur­ger.

Was ist Ih­re Er­war­tung an den HSV? Mei­nen Sie, die Mann­schaft schafft den di­rek­ten Wie­der­auf­stieg? Ich hab schon so vie­le Er­war­tun­gen an den Ver­ein ge­habt, dass ich kei­ne mehr hab.

Es muss ja doch ei­ne Fern­lie­be sein. Oder wie blei­ben Sie auf die wei­te Dis­tanz HSV-Fan? Sind sie ge­le­gent­lich selbst vor Ort in Ham­burg im Sta­di­on?

Ko­mi­scher­wei­se hat sich das nie er­ge­ben. In der nächs­ten Zeit wer­de ich’s aber mal ma­chen. Jetzt kann man eh nichts mehr ver­lie­ren. Mei­ne Lei­den­schaft ist letzt­lich nicht er­klär­bar. Es ist halt ein­fach so. Und ich ha­be mich in den letz­ten Jah­ren auch sehr viel fremd­ge­schämt. Ich mag die Lö­wen al­ler­dings auch sehr. Im­mer­hin hab ich mich ja oft trös­ten kön­nen, dass es ei­nen Ver­ein gibt, der ab und an noch bla­ma­bler war als der HSV.

Aber noch­mal zum gro­ßen Wie­der­se­hen am Set – mit Bez­zel, Li­sa Ma­ria Pott­hoff, Ei­si Gulp. Das gibt dann schon ein fa­mi­liä­res Hal­lo, oder?

Das ist je­des Jahr wirk­lich ein bissl wie Heim­kom­men. Es wä­re pro­ble­ma­tisch, wenn zwi­schen uns ein Kon­kur­renz­den­ken herr­schen wür­de. Bei uns ist das wun­der­ba­rer­wei­se nicht so. Ich dre­he ja dann eh die meis­ten Sa­chen auf dem Bau­ern­hof. Dort kennt man über die Jah­re hin­weg die Ge­ge­ben­hei­ten – und freut sich drauf.

Und Sie lup­fen beim Rein­kom­men erst ein­mal den Topf­de­ckel, was wie­der am Herd steht?

Nicht ganz. Aber es wird schon gut ge­kocht am Set. Wenn ein Schweins­bra­ten im Film vor­kommt, war der schon im­mer echt.

Und auf den kann man sich freu­en? Beim ers­ten oder zwei­ten Ta­ke es­se ich schon was. Aber wenn’s da­nach noch mehr­fach wei­ter­ge­hen soll­te, ist man auch ir­gend­wann ein­fach satt. Das ist wie auf der Büh­ne: Vor­her brin­ge ich als Schau­spie­ler auch oft nichts run­ter.

Mit dem vie­len Sau­er­kraut, das im neu­en Film ei­ne Ne­ben-Haupt­rol­le spielt, kann man Sie ver­mut­lich mitt­ler­wei­le schon wie­der ja­gen? Das war nicht so schlimm. Der Kol­le­ge Si­mon Schwarz hat ja deut­lich mehr ab­be­kom­men.

Hät­ten Sie ei­gent­lich je­mals da­mit ge­rech­net, dass aus den Ri­ta-Fal­kVer­fil­mun­gen je so ei­ne lan­ge er­folg­rei­che Rei­he wird? Am An­fang war’s ja nur der ei­ne Film „Dampf­nu­del­blues“. Da be­schäf­tigt man sich halt mit sei­ner Rol­le. Da­mals ha­be ich aber nur an die­sen ei­nen Film ge­dacht. Wenn man mit der Er­war­tungs­hal­tung ran­geht, dass das su­per Bü­cher sind und man gleich vie­le Fil­me nach­ein­an­der dar­aus dreht, dann wird’s nichts! Es muss ein­fach pas­sie­ren. Und bei uns ist’s, glau­be ich, pas­siert. Wenn man un­be­darft und mit Spaß an der Freu­de an ei­ne Sa­che ran­geht, ist das oft am bes­ten. Er­folg kann man nicht pla­nen.

Ri­ta Falk hat ja schon wie­der nach­ge­legt. Lie­gen dann auf Ih­rem Nacht­käst­chen schon wie­der die neu­en Bü­cher?

Ehr­lich ge­sagt: Nein. Ich le­se das Dreh­buch. Das ist ja im­mer in ei­ner ab­ge­än­der­ten Form zum Ro­man. Den Er­zähl­strang, wer ich bin und wie mein Leo­pold tickt, ken­ne ich ja. Ich lass mich dann oft ein­fach über­ra­schen, was das Dreh­buch für mich vor­sieht.

Trotz­dem: Wenn Sie so ei­ne Fi­gur über jetzt schon meh­re­re Jah­re hin­weg be­glei­ten. Den­ken Sie manch­mal an Ih­ren Leo­pold und über­le­gen sich, was er mög­li­cher­wei­se in der Zwi­schen­zeit macht?

So je­mand be­glei­tet ei­nen im­mer. Ich wer­de ja auch häu­fig von Leu­ten auf den Leo­pold an­ge­spro­chen. Nach dem „Dampf­nu­del­blues“saß mir im Wirts­haus mal ei­ne Frau ge­gen­über. Ich merk­te dann recht schnell, dass ich er­kannt wur­de. Dann kam der Satz: „Sie sind die Schleim-Sau, gell?“Für ei­nen Mo­ment konn­te ich gar nicht so schnell schal­ten. Wie bit­te? Doch dann kam’s mir: klar, Eber­ho­fer!

Ha­ben Sie die „Schleim-Sau“zu­erst per­sön­lich ge­nom­men?

Zu­erst war ich völ­lig über­rascht. Hä? Die Frau hat dann zum Glück gleich nach­ge­lie­fert und mich ge­fragt, was der „Franzl“der­zeit so macht. Da war ich schnell wie­der im Bild. Hat mich schon zu­nächst ziem­lich ver­wirrt. Es ist ja nicht so, dass man mit sei­ner Film-Fi­gur in die U-Bahn geht. Mir ist’s aber auch schon pas­siert, dass ich dach­te, ich wer­de we­gen dem Leo­pold er­kannt. Das war ein Mann mit sei­nem Sohn, der mir zu­wink­te und dann auf mich zu über die Stra­ße kam: Ich war schon fest ein­ge­stellt auf ein Ge­spräch über die Kri­mis. Und dann sagt der gu­te Mann doch: Wie lang sind Sie denn jetzt nicht mehr bei der Münch­ner Be­rufs­feu­er­wehr? Wann ha­ben Sie denn auf­ge­hört? Ein kla­re Ver-

wechs­lung. Und ein kom­plet­ter Fehl­schlag für mich.

Ih­re Nä­he zur Fi­gur Leo­pold Eber­ho­fer geht aber nicht so weit, dass Sie mal mit der Ro­man­au­to­rin Ri­ta Falk spre­chen und sich für ei­nen der nächs­ten Stof­fe auch mal ei­nen Fall­schirm­sprung – oder drei na­cki­ge Ge­lieb­te für den Leo­pold – wün­schen?

Ich glau­be, dass Ri­ta Falk je­de ih­rer Fi­gu­ren sehr mag und kei­ne in ir­gend­ei­ner Form ver­nach­läs­sigt. Des­we­gen neh­me ich so an, was in Ih­rer Fan­ta­sie pas­siert. Sie hat schon ein gu­tes Händ­chen. Leo­pold und die an­de­ren sind ih­re Ge­burt. Ich las­se sie ma­chen, und ma­che das Mei­ne da­zu.

Mal ei­ne wil­de Au­to­ver­fol­gungs­jagd für Leo­pold?

Braucht’s gar nicht. Ich wür­de mich aber freu­en, wenn man mal ein biss­chen mehr in die See­le von Leo­pold schau­en könn­te. Wie geht’s ihm wirk­lich? Im „Sau­er­kraut­ko­ma“kommt’s aber schon ein biss­chen stär­ker da­zu.

Ne­ben der Kri­mi­hand­lung ist der gan­ze Film ja wie­der von Lie­bes­wir­ren ge­prägt. Na­tür­lich vor al­lem für den Franz Eber­ho­fer. Aber auch Leo­pold hat ganz lei­den­schaft­li­che häus­li­che Pro­ble­me.

Die see­li­schen Ver­wir­run­gen und Nö­te bei Leo­pold ge­hen dies­mal schon ein biss­chen tie­fer.

Wenn er wie ein ge­prü­gel­ter Hund lei­dend auf dem Oma-So­fa liegt.

Dass man mal ein biss­chen stär­ker mit ihm mit­fühlt, war durch­aus mein Wunsch. So was in der Art ha­be ich schon mal ver­sucht an­zu­brin­gen: Es braucht schon mal ein biss­chen ein Fut­ter für den Leo­pold! Des­we­gen war ich über die­se Far­be im neu­en Film sehr froh.

Man hat halt dies­mal echt Sor­gen, dass ihm sein Ehe­glück zer­rinnt.

Und wie. Dies­mal lernt man ihn halt mal ein biss­chen an­ders ken­nen. Was ge­nau zwi­schen ihm und sei­ner Pa­ni­da vor­ge­fal­len ist, muss ja nicht un­be­dingt aus­er­zählt wer­den. Das kann man auch mal schön of­fen las­sen. Das ist das Schö­ne an der Eber­ho­fer-Welt. Sie sind doch selbst auch auf dem Land auf­ge­wach­sen.

Ab­so­lut auf dem Land. Vie­les von dem, was Ri­ta Falk be­schreibt, ist sehr ge­nau be­ob­ach­tet.

Das Auf­ein­an­der-Ho­cken, das SichGe­gen­sei­tig-Aus­rich­ten?

Ein­fach gut ge­trof­fen. Das ist für mich si­cher ei­nes der Er­folgs­ge­heim­nis­se der Eber­ho­fer-Kri­mis. Vie­le Zu­schau­er, die sol­che Fil­me in Nie­der­bay­ern, im All­gäu oder in Schwa­ben se­hen, sa­gen sich dann: Das ist ja wie bei uns! Mit dem Hu­mor der Fil­me wird’s da­ge­gen in Ber­lin schon schwie­rig. Dort lacht man wahr­schein­lich über was an­de­res als wie bei uns in Bay­ern.

Um Ih­re ge­samt­deut­sche Po­pu­la­ri­tät brau­chen Sie sich ja trotz­dem kei­ne Sor­gen mehr ma­chen: Man kennt Sie ja seit ei­ni­ger Zeit recht gut – durch die wit­zi­gen Wer­be­spots, in de­nen Sie Dirk No­witz­ki als Ta­xi­fah­rer her­um­kut­schie­ren.

De­fi­ni­tiv! Das hat viel Spaß ge­macht. Und mir plötz­lich vie­le Men­schen ein­ge­bracht, die mich auf der Stra­ße er­ken­nen.

Müs­sen Sie Be­su­chern aus Nord­deutsch­land erst mal er­klä­ren, was Sie da als baye­ri­scher Tax­ler im Wer­be­spot so ganz ge­nau sa­gen?

Kommt schon vor. Man­che wis­sen, was ich sa­ge. An­de­re er­ah­nen es. Dar­um ging’s ja im Ta­xi: dass ich No­witz­ki ein biss­chen an­ge­he. Er ist üb­ri­gens äu­ßerst sym­pa­thisch und wirk­lich sehr freund­lich. Ich freue mich jetzt schon wie­der auf un­se­ren ge­plan­ten nächs­ten Wer­be-Film. Wir ha­ben uns ein­fach so gut un­ter­hal­ten. Dirk No­witz­ki hat viel Hu­mor. Er ist bei sich und ganz be­schei­den.

Wie kriegt man ei­gent­lich ei­nen so lan­gen Lackl in ein Ta­xi rein?

Ich ha­be dem Auf­nah­me­lei­ter ge­sagt, sie sol­len doch den Vor­der­sitz aus­bau­en.

Ach so. Das war Ih­re Idee?

Dirk No­witz­ki ist mir si­cher heu­te noch dank­bar. Er wuss­te an­fäng­lich ein­fach nicht mehr, wo­hin mit sei­nen Bei­nen. Nach dem Aus­bau des Sit­zes war er sicht­lich er­leich­tert.

Er­folg kann man nicht pla­nen

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