Pure Freu­de

Im In­nen­hof der Glyp­to­thek: „Don Qui­jo­te“

In München - - BÜHNENSCHAU - Pe­ter Ei­den­ber­ger

Som­mer­thea­ter in Mün­chens reiz­volls­ter Thea­ter-Location hieß bis­her im­mer: es muss pas­sen zu der An­ti­ke, wie sie hier in der Skulp­tu­ren­samm­lung prä­sent ist. Al­so gab man gern rö­mi­sche Komödie oder grie­chi­scheTra­gik. Heu­er aber fällt die Trup­pe um den frü­he­ren Stu­dio­thea­ter-Chef Gun­nar Pe­ter­sen hef­tig aus ih­rer an­ti­ken Rol­le, und lan­det – sehr zum Gau­di­um der Zu­schau­er, die Bra­vos sind zahl­reich am En­de – mit­ten in: Spa­ni­en. Ein coo­ler Mu­si­kus, Son­nen­bril­le, Stroh­hut: Bo­ris Ru­ge und sei­ne Fla­men­co-Im­pros auf der Uku­le­le rei­chen schon und wir sind drin, in die­ser le­gen­dä­ren Ge­schich­te vom al­ten Bü­cher­wurm, dem die chro­ni­sche Lek­tü­re von Rit­ter­ro­ma­nen die Wirk­lich­keit der­ma­ßen ver­ha­gelt, dass er sich selbst fort­an als Rit­ter in­sze­niert. „Don Qui­jo­te de la Man­cha“nennt er sich, un­ter den Frack noch schnell ein Ket­ten­hemd, ei­ne Schwei­ßer­mas­ke als Helm, Speer und Schild (der De­ckel ei­nes Ab­fall­ei­mers). Fehlt noch das Pferd, Ro­si­nan­te: ein stäh­ler­nes Schau­kel­pferd muss rei­chen (Aus­stat­tung: Jörg Bes­ser). Und fer­tig ist der Rit­ter, der spä­ter ei­ner von der trau­ri­gen Gestalt sein wird, weil er auf sei­nen Aben­teu­ern kräf­tig die Hu­cke voll kriegt. Und wenn am En­de Pe­ter­sen und sei­ne Frau Be­les Adam die Büh­ne durch das Pu­bli­kum ver­las­sen, weil sie, der Rit­ter und sein Ad­la­tus San­cho Pan­za, al­len Wid­rig­kei­ten zum Trotz noch nicht fer­tig sind mit ih­rem Kampf, dann kann man das auch so le­sen: die­se zwei aus der Münch­ner Pri­vat­thea­ter­sze­ne der letz­ten 40 Jah­re nicht weg­zu­den­ken­den So­li­tä­re sind auch noch nicht fer­tig, sie ma­chen – was ist das schon: Al­ter? – ein­fach wei­ter. Nur die Re­gie über­neh­men in­zwi­schen an­de­re, was im Fall die­ses Abends ein be­son­de­res Glück ist. Ge­org Büt­tel, mit­ten vie­len Was­sern ge­wa­sche­ner Re­gis­seur, bei „quer“war er schon, den Gar­mi­scher Kul­tur­som­mer hat er ge­ma­nagt, weiß, was er will, und er weiß, was som­mer­li­ches Thea­ter braucht (zu dem es na­tür­lich auch heu­er wie­der ein Gla­serl Wein gibt). Al­so denkt er von Be­ginn dar­an, dass Mi­guel de Cer­van­tes’ Ro­man (ers­ter Teil von 1605) so­wohl Volks­thea­ter als auch Sa­ti­re, al­so Zeit­kri­tik, ist. Das mixt das Der­be – da wird schon mal ein Pod­scham­perl (i.e. Nacht­topf) zwi­schen die Zu­schau­er ent­leert – mit dem Hin­ter­sin­ni­gen, ak­tu­el­le An­spie­lun­gen in­be­grif­fen. So trifft Don Qui­jo­te statt auf ei­ne Ham­mel­her­de auf ei­nen Trupp In­vest­ment­ban­ker oder Ga­lee­ren­sträf­lin­ge tra­gen Over­alls in Guan­ta­na­mo-Oran­ge. Das klingt ge­wollt, kommt aber nie ge­wollt rü­ber, dank ei­nes En­sem­ble, dem bei ih­rem Hau­fen Ar­beit (fast al­le spie­len meh­re­re Rol­len) zu­se­hen zu dür­fen, pure Freu­de ist: Ca­ta­li­na Na­var­ro Kir­ner als Dul­ci­nea (des Rit­ters Traum­frau) und Haus­mäd­chen, und zu­sam­men mit Ste­fa­nie Di­schin­ger: ein herr­lich preis­wer­tes Nut­ten­paar, Sven Schö­cker (auch für die grif­fi­ge Text­fas­sung zu­stän­dig) als Hoch­wür­den und Wirt, Alex­an­der Wa­gner und Ma­rio Lind­ner als Er­zäh­ler, Hir­ten, Händ­ler. Der noch et­was grö­ße­re Ju­bel nach gut 100 Mi­nu­ten gilt den bei­den Haupt­cha­rak­te­ren. Gun­nar Pe­ter­sens Don Qui­jo­te ist ein Er­eig­nis. Ein wun­der­li­cher, aus der Zeit ge­fal­le­ner Se­ni­or, mu­ti­ger Al­ter, zor­ni­ger Ver­tei­di­ger vor Un­recht, aber auch ein Spin­ner, mit ver­schmitz­tem Grin­sen, treu­se­li­gem Schmun­zeln oder star­rem Irr­sinns­blick. Be­les Adam als San­cho Pan­za, die Hän­de in den Ho­sen­ta­schen, schlen­dert als coo­le So­cke da­her, in­ner­lich der ängst­li­che Typ, aber exis­ten­zi­ell prag­ma­tisch, Fa­mi­lie und Hun­ger ma­chen den Job at­trak­tiv. Auch wenn’s dann kei­nen Esel zum Rei­ten gibt, son­dern nur ein Holz­fass.

Pas­sen­de Ku­lis­se ...

... für den Rit­ter von der trau­ri­gen Gestalt

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