Mein Bild, Dein Bild

Ur­ban Art und die Ge­schich­te des Por­träts

In München - - ANSICHTSSACHE - Bar­ba­ra Tei­chel­mann

Wer man ist, kann man nur zu ei­nem ge­wis­sen Pro­zent­satz selbst ent­schei­den. Was die an­de­ren von ei­nem den­ken, wie sie ei­nen se­hen, kann man zwar be­ein­flus­sen, aber nicht be­stim­men. Be­son­ders deut­lich wird das in der klas­si­schen Por­trät­si­tua­ti­on. Der Künst­ler malt oder zeich­net, was er sieht. Al­so das, was er als Au­ßen­ste­hen­der wahr­zu­neh­men im­stan­de ist. Wie man sich selbst sieht, spielt hier kei­ne gro­ße Rol­le. Trotz­dem oder wohl eher ge­ra­de des­halb ist das Por­trät ei­nes der in­ter­es­san­tes­ten kunst­his­to­ri­schen Gen­res. Weil sich hier das Ich im Du spie­gelt. Und um­ge­kehrt. Noch ei­ne Abs­trak­ti­ons­stu­fe wei­ter treibt es die Aus­stel­lung Im­a­go im MUCA Mu­se­um of Ur­ban und Con­tem­pora­ry Art. 25 Künst­ler wur­den ein­ge­la­den, ein his­to­ri­sches Por­trät aus­zu­wäh­len und es im ei­ge­nen Stil neu zu in­ter­pre­tie­ren. Auf Lein­wand, Holz, Film, Pa­pier, Skulp­tur. Mit Licht, Far­be, wie auch im­mer. „Feel free“war das Mot­to, und das Er­geb­nis fällt dem­ent­spre­chend viel­fäl­tig aus. Jef Aé­ro­sol (geb. 1957) hat sich ei­ne Öl­ma­le­rei sei­nes fran­zö­si­schen Kol­le­gen, des Ma­lers Wil­li­am Bou­gue­reau von 1875 aus­ge­sucht. Aka­de­mi­scher Rea­lis­mus. Das Ori­gi­nal zeigt ein bar­fü­ßi­ges, dun­kel­äu­gi­ges Mäd­chen auf ei­nem St­ein sit­zend, im Hin­ter­grund der Wald. Das lin­ke Bein über das rech­te Knie ge­legt schaut es den Be­trach­ter di­rekt an. Ab­war­tend, ein biss­chen ge­lang­weilt, aber auch er­war­tungs­voll. Im dunk­len Haar steckt ein Kranz aus leuch­tend ro­ten Blu­men, er rahmt das Ge­sicht fast wie ein Hei­li­gen­schein. Was bleibt, wenn man al­les weg­lässt, was dem da­ma­li­gen Stil ge­schul­det ist, und sich nur auf die Per­son kon­zen­triert? Aé­ro­sol hat sich für Scha­blo­nen­tech­nik ent­schie­den und das Mäd­chen schwarz­weiß auf bzw. vor ei­nen ein­fa­chen Bret­ter­zaun ge­setzt. Die Fo­to­gra­fin Mar­tha Co­oper (geb. 1943) hat ein Por­trät des New Yor­ker Graf­fi­ti Künst­lers Fu­tu­ra von 1983 bei­ge­steu­ert. Auch er schaut mit dunk­len Au­gen di­rekt den Be­trach­ter an und sprüht ihm mit ei­ner Do­se Kry­lon di­rekt ins Ge­sicht. Klo­ne Yours­elf (geb. 1983) kommt aus der Ukrai­ne, lebt mo­men­tan in Tel Aviv und hat sich von Veláz­quez „Las Meni­nas“in­spi­rie­ren las­sen. Von der blon­den In­fan­tin Mar­ga­re­ta Te­re­sa im Zen­trum des Bil­des hat er den Kopf ge­klaut und in ein schwar­zes Por­trät ver­wan­delt, das im Grö­ßen­ver­hält­nis der eu­ro­päi­schen Pass­fo­to­norm ent­spricht. Was ihn an die­sem Klas­si­ker in­ter­es­siert, ist die Nä­he zur Fo­to­gra­fie, die­ser Mo­ment in der Zeit, der hier spür­bar wird. Ny­chos (1982), in des­sen Werk im­mer wie­der Ha­sen in ver­schie­dens­ten For­men auf­tau­chen, hat sich Dü­rers Na­tur­stu­die ei­nes Ha­sen ge­grif­fen und das Tier in ei­ne trans­pa­ren­te Da­seins­form trans­for­miert. Ganz so, als woll­te er zei­gen, was die­sen be­rühm­ten Ha­sen in sei­nem In­ners­ten zu­sam­men­hält. „Hu­man Soup“hat Da­vid Shil­ling­law (geb. 1982) sei­nen Bei­trag ge­nannt. 100 klei­ne, schnel­le Por­träts hat er auf 1x1m Lein­wand un­ter­ge­bracht. Teil­wei­se fron­tal, teil­wei­se seit­lich, mal mit Ge­sicht, mal oh­ne, mit Hut oder oh­ne Mund, schwarz, bunt, mit Punk­ten, abs­trakt, sehr abs­trakt oder ei­ni­ger­ma­ßen rea­lis­tisch. Die­ses Mo­sa­ik gibt ganz gut wie­der, wie groß die Viel­falt ist und wie klein der Aus­schnitt, den wir von ei­nem Men­schen wahr­neh­men kön­nen. Ku­ra­to­ren­füh­rung am 30. Au­gust um 18.30 Uhr

Wer bin ich? Ein Spie­gel aus Smart­pho­nes des deut­schen Fo­to­gra­fen und Künst­lers Hu­ber­tus Hamm ist die Ant­wort.

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