„Every pla­net we reach is de­ad“

In München - - MEINE PLATTE - Ivica Vu­ke­lic

Ich stel­le vier Plat­ten vor, die drei Ge­mein­sam­kei­ten be­sit­zen. Ih­re Ur­he­ber sind be­reits be­dau­er­li­cher­wei­se al­le ver­stor­ben, ih­re Wer­ke lau­fen „un­ter dem Ra­dar“und sie fir­mie­ren al­le un­ter dem Fi­le „lost and found“in mei­ner klei­nen Plat­ten­samm­lung.

An­fan­gen will ich mit Ike Tur­ner, des­sen sei­ner­zeit zü­gel­lo­se 50ies Boo­gieWoo­gie-Num­mer „Ro­cket 88“wie ei­ne Hym­ne auf den V-8-Mo­tor klang und das Zeit­al­ter des Rock`n`Roll samt dem Kos­mos ver­zerr­ter E-Gi­tar­ren ein­läu­te­te. Ei­ne klei­ne An­ek­do­te zur Ent­ste­hungs­ge­schich­te: Auf dem Weg zu Auf­nah­men lös­te sich Ike Tur­ners Gi­tar­ren­amp aus der Dach­ver­zur­rung, schlug auf die Stra­ße auf und wur­de vor dem Stu­dio­ein­satz le­dig­lich not­dürf­tig von ihm re­pa­riert. Die Gi­tar­re klang nun eben­falls nach ei­nem V-8 Mo­tor, ein ver­meint­li­cher De­fekt. Be­lohnt wur­de Ike Tur­ners Re­pa­ra­tur­ver­such 1951 in den Hit­pa­ra­den durch die ers­te Num­mer eins, ei­nen spen­dier­ten Ro­cket 88 von Ge­ne­ral Mo­tors und Mil­lio­nen Gi­tar­ris­ten, de­nen un­ver­zerr­te Sounds seit­her su­spekt er­schei­nen. Bad Dreams an­no 1973 war ei­nes sei­ner So­lo­pro­jek­te auf dem Hö­he­punkt der Schaf­fens­pe­ri­ode mit Part­ne­rin Ti­na Tur­ner vol­ler Mo­no­lo­ge und Sprech­ge­sän­ge, de­zen­ten und ge­schmack­vol­len Ein­sät­zen von Syn­the­si­zern, wel­che man bei ei­ner Down­ho­me-Soul-Rhythm-&-Blues Schei­be als Letz­tes ver­mu­ten wür­de. Nach dem kom­mer­zi­el­len Er­folg für ein der­ar­ti­ges Werk vol­ler Selt­sam­kei­ten schiel­te Ike Tur­ner wohl de­fi­ni­tiv nicht.

2. François de Rou­baix, fran­zö­si­scher Film­kom­po­nist, in Deutsch­land nur We­ni­gen be­kannt, präg­te er doch die fran­zö­si­sche Film­kunst mit sei­ner Mu­sik in den Sech­zi­gern bis Mit­te der sieb­zi­ger Jah­re mit. Alain De­lon, Li­no Ven­tura, Ro­my Schnei­der spiel­ten in sei­nen Fil­men. Sein letz­ter und wohl be­deu­tends­ter Film „Le vieux fu­sil“(aus­ge­zeich­net mit dem Cé­sar) war in Deutsch­land ein ziem­li­cher Rein­fall, weil die Öf­fent­lich­keit noch nicht be­reit war, deut­sche Kriegs­ver­bre­chen auf der Lein­wand an­zu­schau­en. Zu sei­nen wich­tigs­ten Wer­ken ge­hört der Sound­track zum Film Le Sa­mou­rai (1967, mit dem be­knack­ten deut­schen Ti­tel „Der eis­kal­te En­gel“mit Alain De­lon in der Haupt­rol­le) von Je­an-Pier­re Mel­vil­le. Be­reits in die­sem Film ex­pe­ri­men­tier­te er mit elek­tro­ni­schen Klän­gen, die ihn in den 1970er Jah­ren zu ei­nem stil­prä­gen­den Er­neue­rer der Film­mu­sik mach­ten. Com­mis­sai­re Mou­lin war ei­ne fran­zö­si­sche TV-Se­rie von 1976, ent­stan­den un­ter der Re­gie von Paul An­dréo­ta und Clau­de Bois­sol mit Yves Ré­nier in der Haupt­rol­le als Kom­mis­sar Mou­lin. Rou­baix trug ein Up­beat-Haupt­the­ma in­klu­si­ve zwei Ver­sio­nen, auf­ge­nom­men auf sei­nem 8-Spur­re­kor­der, zum Sco­re bei. Auf die­ser Com­pi­la­ti­on fin­den sich ei­ne Viel­zahl von „Su­s­pen­se and Cri­me“-Mi­nia­tu­ren, elek­tro­ni­sche und psy­cho­akus­ti­sche Ka­bi­nett­stück­chen, die dank der freund­li­chen Un­ter­stüt­zung Ben­ja­min de Rou­baix‘, der Sohn des Kom­po­nis­ten, erst­mals ver­öf­fent­lich wer­den konn­ten.

3. Als ei­ner der Vor­rei­ter elek­tro­ni­scher Pop­mu­sik gilt Frank To­vey. Un­ter dem Pseud­onym Fad Gad­get be­ein­fluss­te To­vey An­fang der Acht­zi­ger Jah­re die Ent­wick­lung der elek­tro­ni­schen Mu­sik und be­rei­te­te den Weg für Bands wie De­pe­che Mo­de und Soft Cell. In den Jah­ren 1976-78 hält sich der Fan von Can, Kraft­werk und Marc Bo­lan tags­über mit Ge­le­gen­heits­jobs über Was­ser und fum­melt nachts an sei­nen ers­ten Songs her­um. Be­reits früh ex­pe­ri­men­tiert To­vey mit Drum­com­pu­tern und Syn­the­si­zern und ent­wirft für da­ma­li­ge Ver­hält­nis­se ra­di­ka­le Songs. Über ei­nen WG-Mit­be­woh­ner kommt der Kon­takt zum spä­te­ren Mu­te La­bel-Boss Da­ni­el Mil­ler zu­stan­de. Mil­ler hat zu der Zeit bei Rough Tra­de ei­ne lo­se An­stel­lung als Ta­lent Scout in­ne, die ihm der Er­folg sei­ner un­ter dem Pseud­onym The Nor­mal ver­öf­fent­lich­ten Sing­le „Warm Lea­the­ret­te“be­scher­te. Mil­ler hört das Ta­pe und ist von To­veys Mi­ni­mal­sound be­geis­tert. Mil­ler be­schließt, sein ei­ge­nes La­bel zu grün­den und nimmt Fad Gad­get, wie sich To­vey von nun an nennt, als ers­ten Mu­te-Act un­ter Ver­trag. Be­reits die ers­te Sing­le war ein Er­folg: Fast aus­schließ­lich mit elek­tro­ni­schem Equip­ment pro­du­ziert, war „Back To Na­tu­re“weit ent­fernt von der da­mals be­wusst Ent­frem­dung und Käl­te si­gna­li­sie­ren­den Elek­tro-Mu­sik. Für To­vey wa­ren elek­tro­ni­sche In­stru­men­te nie Fe­tisch, son­dern le­dig­lich nütz­li­ches Werk­zeug. Am 1. Sep­tem­ber 1980 er­scheint To­veys De­but Fi­re­si­de Fa­vo­ri­tes, des­sen Vor­lie­ben für schrä­ge, rhyth­mi­sche Syn­thie-Sounds und dunk­le Stim­mun­gen vor­zeich­net. Ob­wohl die ers­ten bei­den Al­ben, auch „In­con­ti­nent“aus dem Jah­re 1981, von der Kri­tik hoch ge­lobt wur­den, blieb der gro­ße kom­mer­zi­el­le Durch­bruch aus. „Dark, pis­sed-off Eng­lish synth pop with a dis­tinct­ly po­li­ti­cal bent. An­gu­lar, jer­ky groo­ves ai­red out by ho­ver­ing syn­ths, and vo­cals that ran­ge from un­fee­ling, ro­bo­tic sin­ging to vis­ce­ral, un­hin­ged shouts to a sar­cas­tic croon.“

4. Dass der künst­le­ri­sche Rang ei­ner Mu­sik und die Er­fol­ge, die sie er­ringt, nur we­nig mit­ein­an­der zu tun ha­ben, ist be­kannt. 1965 grün­de­te der bri­ti­sche Jazz­sa­xo­pho­nist ja­mai­ka­ni­scher Her­kunft Joe Har­riott mit dem in­di­schen Violins­ten und Kom­po­nis­ten John May­er ei­ne mit Si­tar und Tab­la be­setz­te Grup­pe, mit der er un­ter dem Ti­tel In­do Jazz Fu­si­ons ei­ne frü­he und wie­der­um ver­früh­te Ver­si­on des­sen prak­ti­zier­te, was an­de­re spä­ter un­ter dem wer­be­wirk­sa­me­ren Eti­kett „Jazz Meets the World“un­ter die Leu­te brach­ten, oh­ne da­bei die weg­be­rei­ten­de Rol­le Har­riotts auch nur in ei­ner Rand­no­tiz zu er­wäh­nen. Doch wie kam es zu die­ser künst­le­ri­schen Li­ai­son? Der bri­ti­sche Mu­sik­pro­du­zent Den­nis Pres­ton, da­mals in Diens­ten Er­te­güns At­lan­tic Re­cor­ds, be­nö­tig­te für ab­schlie­ßen­de Auf­nah­men noch ei­ne Kom­po­si­ti­on für Holz und Blech­blä­ser so­wie für Per­cus­sions. John May­er lie­fer­te über Nacht „Ni­ne for Ba­con“, wel­ches Pres­ton der­art be­geis­ter­te, dass er ihm ei­ne Kol­la­bo­ra­ti­on mit Har­riott für At­lan­tic an­bot. Die In­do Jazz Sui­te (1966) wur­de spä­ter von der Mu­sik­pres­se hoch­ge­lobt für ih­re pro­vo­ka­ti­ve und an­re­gen­de Mi­schung aus in­di­scher und afro­ame­ri­ka­ni­scher Jazz­rhyth­mik. Es folg­ten 1967/68 „Jazz Fu­si­ons I & II“, die ne­ben May­ers ele­gan­tem Sco­re ei­nen wei­ten Space für Im­pro­vi­sa­ti­on zu­lie­ßen. Joe Har­riott ver­starb 44-jäh­rig 1972 in Lon­don, krank, ver­armt und zu­tiefst ver­bit­tert über ei­ne Ge­sell­schaft, die zwar den mas­sen­haf­ten Beat­les-Er­folg mit kö­nig­li­chen Or­den de­ko­riert, die der im Wind­schat­ten des gro­ßen Pu­bli­kums­in­ter­es­ses sich ent­fal­ten­den künst­le­ri­schen Krea­ti­vi­tät je­doch zu­meist mit Miss­ach­tung be­geg­net. Der Au­tor ver­dingt sich in re­gel­mä­ßi­gen Ab­stän­den als DJ im Ki­lom­bo, wo er ki­lo­wei­se schwar­zes Gold auf die Plat­ten­tel­ler schmeißt.

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