Im Fluss

Le­bens­ader oder Ener­gie­quel­le: Son­der­aus­stel­lung des DAV ruft zum Schutz der letz­ten wil­den Al­pen­flüs­se auf.

In München - - ANSICHTSSACHE - Barba­ra Tei­chel­mann

Gleich am An­fang muss man sich ent­schei­den. Will man dem wil­den Fluss fol­gen oder dem be­gra­dig­ten? Folgt man dem wil­den Fluss, be­geg­net man der ge­fleck­ten Schnarr­schre­cke, der Bach­fo­rel­le, dem Fluss­re­gen­pfei­fer oder der Gelb­bau­chun­ke. Man hört es plät­schern, pfei­fen und un­ken. Und wan­dert über Fluss­kie­sel. Gro­ße und klei­ne St­ei­ne, bun­te, graue und ge­äder­te. Je­der sieht an­ders aus und hat ei­nen wei­ten Weg hin­ter sich. Der Fluss hat sie aus dem Ge­bir­ge mit­ge­bracht und trans­por­tiert sie im­mer wei­ter. Man könn­te sa­gen, die­se St­ei­ne sind sein Bau­ma­te­ri­al, das er braucht, um sich im­mer neu struk­tu­rie­ren zu kön­nen. Je nach Jah­res­zeit, Wet­ter- und Was­ser­la­ge ver­än­dert ein Fluss sich stän­dig. Er tritt über die Ufer, flu­tet die an­gren­zen­den Au­wäl­der oder schich­tet Kies­in­seln und spal­tet sich auf. Wil­de Flüs­se sind le­ben­dig und un­be­re­chen­bar. Sie brau­chen Re­spekt und Platz. Wer am Fluss wohnt, weiß das. Si­cher­heit war ei­ner der Grün­de, war­um wir Men­schen an­ge­fan­gen ha­ben, die wil­den Flüs­se zu zäh­men. Man woll­te die Stadt oder das Dorf vor Hoch­was­ser schüt­zen. Al­so be­gra­dig­te und be­fes­tig­te man die Ufer, lock­te die Flüs­se in ein Be­ton­rohr und be­gann, die Was­ser­men­ge zu re­gu­lie­ren. Spä­ter kam dann noch die Ener­gie­ge­win­nung da­zu. Mitt­ler­wei­le wer­den über 70 Pro­zent der Al­pen­flüs­se zur Strom­er­zeu­gung ge­nutzt, teils mit Klein­was­ser­wer­ken mit ge­rin­ger Ener­gie­aus­beu­te, aber im­mer mit gro­ßen öko­lo­gi­schen Fol­gen. Da­bei sind Flüs­se un­se­re Le­bens­adern. Sie prä­gen die Land­schaft und bie­ten Le­bens­raum für vie­le Tie­re und Pflan­zen. Und sind heu­te viel­fach be­droht. Wil­de Al­pen­flüs­se gibt es nur noch sel­ten. Aber wol­len wir das wirk­lich? Wol­len wir zah­me Ge­wäs­ser, statt wil­der Na­tur­schön­heit? Die­se Fra­ge stellt uns die Aus­stel­lung „ge­ra­de wild. Al­pen­flüs­se“im Al­pi­nen Mu­se­um sehr di­rekt. Und ei­gent­lich gibt es da nicht viel zu über­le­gen. Denn schlägt man den be­gra­dig­ten ein und be­ginnt die Aus­stel­lung links her­um, wird es schnell tech­nisch und leb­los. Der Fluss­re­gen­pfei­fer ist mit den Kies­bet­ten ver­schwun­den. Er brü­tet seine Eier di­rekt auf den Fluss­kie­seln aus und hat jetzt sei­nen Le­bens­raum ver­lo­ren. Die Fi­sche sind größ­ten­teils ver­schwun­den, weil sie zwar teil­wei­se fluss­auf­wärts wan­dern kön­nen. Beim Ab­stieg aber ge­ra­ten sie in die Kraft­werksTur­bi­nen und ster­ben. Die Aus­stel­lung in­sze­niert die­sen Kon­trast zwi­schen le­ben­dig und ge­zähmt, wild und ge­ra­de mit Pack­pa­pier­hül­sen, die rechts her­um ei­nen wil­den un­re­gel­mä­ßi­gen Fluss­lauf dar­stel­len und links her­um brav in Reih und Glied ste­hend den be­gra­dig­ten Fluss. Da­zwi­schen gibt es im­mer wie­der In­for­ma­tio­nen zu Flo­ra zu Fau­na, Zah­len und Fak­ten und klei­ne In­ter­views, zum Bei­spiel mit Di­mi­tri­os Ni­ko­lai­dis, dem Lei­ter der Was­ser­kraft­wer­ke der Stadt­wer­ke Mün­chen. Auch hier ver­sucht man bei­den Sei­ten ei­ne Stim­me zu ga­ben. Da der DAV nicht nur ein Berg­sport­ver­ein ist, son­dern auch der größ­te Um­welt­schutz­ver­ein, ist sein er­klär­tes Ziel, die letz­ten freif­lie­ßen­den Flüs­se zu schüt­zen. Zu­sam­men mit 18 Pro­jekt­part­nern wie dem WWF en­ga­giert sich der Al­pen­ver­ein für die Al­pen­fluss­land­schaf­ten. Laut der EU-Was­ser­rah­menRicht­li­nie sol­len die Flüs­se bis 2027 in ei­nem gu­ten öko­lo­gi­schen Zu­stand sein. Das trifft mo­men­tan auf ge­ra­de mal 7 Pro­zent der Flüs­se in Deutsch­land zu. Und al­lein auf dem Bal­kan sind in den nächs­ten Jah­ren über 2800 Was­ser­kraft­an­la­gen ge­plant. Oder wie Stef­fen reich, Ku­ra­tor der Aus­stel­lung, sagt: „Ge­wäs­ser­schutz ist ein sehr ak­tu­el­les The­ma.“ Ex­per­ten­ge­spräch in der Aus­stel­lung zum The­ma „Vö­gel am Fluss“am Mittwoch,17. Ok­to­ber, um 18 Uhr

Fluss­kie­sel im seich­ten Was­ser sind Laich­platz für vie­le Fi­sch­ar­ten.

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