Ver­gnü­gun­gen auf al­len Vie­ren

Schmut­zi­ge Tän­ze, schmut­zi­ger Macht­po­ker, blü­ten­rei­ne Fa­mi­li­en­freu­den

In München - - THEATER - Ru­pert Som­mer

Er ist nicht nur ei­ner der be­rühm­tes­ten Mör­der der Li­te­ra­tur­ge­schich­te, son­dern auch Gat­te ei­ner nicht min­der blut­rüns­ti­gen Ehe­frau. Und Mac­beth ist na­tür­lich die zen­tra­le Gestalt der west­eu­ro­päi­schen Tra­gö­di­en­ge­schich­te. Mit dem Herr­scher­stück über den wan­kel­mü­ti­gen Po­ten­ta­ten, der vor al­lem ge­gen (sei­ne) Dä­mo­nen kämp­fen muss­te, setz­te sich Wil­li­am Sha­ke­speare ein un­um­stöß­li­ches Denk­mal in der kom­mer­zi­ell um­kämpf­ten Lon­do­ner Thea­ter­sze­ne. Und der Schau­spie­ler und Stü­cke­schrei­ber, der selbst auch ein ge­schick­ter Ge­schäfts­mann war, wuss­te na­tür­lich, was gut an­kommt. Mit Ja­kob dem Ers­ten hat­te es ge­ra­de ein Schot­te auf den Thron ge­schafft. Stü­cke mit Stof­fen aus sei­ner Hei­mat muss­ten ei­nen Nerv tref­fen. So denkt auch Re­gis­seur Amir Re­za Koo­hes­ta­ni, der mit sei­ner si­cher viel­be­ach­te­ten Pre­mie­re auch die Fra­ge auf­wer­fen will, ob auch heu­te noch fik­tio­na­le Ge­schich­ten po­li­ti­sche Macht­ver­hält­nis­se stär­ken kön­nen. Wel­che Ge­schich­ten müs­sen und dür­fen er­zählt wer­den? Wie un­schul­dig und wie ge­fähr­lich ist die Kunst? Und was hat Trump mit Mac­beth zu tun? (Kam­mer­spie­le, ab 7.12.)

Fieb­rig ar­bei­tet sich ein paar Schrit­te wei­ter auch Der Spie­ler an der Hoch­kul­tur ab. Mit dem gleich­na­mi­gen Ro­man hat­te Fjo­dor M. Dos­to­je­w­ski einst al­les auf ei­ne Kar­te set­zen müs­sen. Hoch­ver­schul­det irr­lich­ter­te er da­mals zwi­schen Russ­land und dem Wes­ten hin und her – sei­ne Frau war schwer­krank, die jun­ge Ge­lieb­te for­dernd. Ge­gen die drü­cken­de Geld­not ließ sich der selbst schwer spiel­süch­ti­ge Schrift­stel­ler auf ei­nen Teu­fels­pakt ein. Er lieh sich von sei­nem Ver­le­ger viel Geld und si­cher­te ihm im Ge­gen­zug ei­nen fer­ti­gen Ro­man zu. Doch knapp vor Ablauf der Jah­res­frist war der noch nicht ein­mal an­ge­fan­gen. Al­so muss­te Dos­to­je­w­ski schwit­zen, und in nur 24 Ta­gen ent­stand sein Meis­ter­werk – ein Be­frei­ungs­schlag, der auch viel über die Zwän­ge der Kunst er­zählt. Andre­as Krie­gen­burg hievt ihn auf die Büh­ne. (Re­si­denz­thea­ter, ab 14.12.)

Und noch ein­mal Welt­li­te­ra­tur auf Büh­nen­bret­tern: Die Ge­schich­te von der klei­nen Mo­mo, die noch die sel­te­ne Ga­be hat­te, wirk­lich zu­hö­ren zu kön­nen und dann von den fins­te­ren Grau­en Män­nern be­drängt wur­de, kann­te bis vor kur­zem je­des Kind. Die Sor­ge, Zeit spa­ren zu müs­sen und ge­gen die Di­gi­tal­an­zei­ger an­ren­nen zu müs­sen, kennt heu­te je­der. Bes­te Vor­aus­set­zun­gen al­so, dass aus der Fa­mi­li­en­oper von Wil­fried Hil­ler und Wolf­gang Aden­berg – na­tür­lich nach dem be­lieb­ten Ju­gend­ro­man von Micha­el En­de – ein Er­folg wird. (Gärt­ner­platz­thea­ter, ab 16.12.)

Was den ei­nen ihr Pa­pier­ra­scheln, ist den an­de­ren ih­re Herz-Schmerz-Ki­no-Welter­folg. Es braucht nur ein paar Tak­te von „(I’v Had) The Ti­me of My Li­fe“, und der gan­ze Saal ist wie­der vom al­ten Dir­ty Dan­cing-Fie­ber ge­fan­gen. John­ny und sein „Ba­by“um­schwir­ren ein­an­der – und schon ist die al­te Ma­gie ei­ner der wohl be­rühm­tes­ten Film­roman­zen wie­der am Ko­chen. Un­glaub­li­che 44 Mil­lio­nen Mal hat sich der Sound­track zum Ta­schen­tü­cher­hit welt­weit ver­kauft. Und funk­tio­nie­ren wird er auch auf der Büh­ne. Mit rund 50 Songs war­tet die Mu­si­cal­fas­sung auf – und „Do You Lo­ve Me“darf da na­tür­lich nicht feh­len. (Deut­sches Thea­ter, ab 18.12.)

Wo wir schon bei den Klas­si­kern sind: Kei­ne Vor­weih­nachts­pha­se darf na­tür­lich oh­ne den Geiz­hals Scroo­ge und sei­ne Ab­nip­pel-Sor­gen so­wie die drei nächt­li­chen Ge­spens­ter aus­kom­men. Chris­ti­an Fl­int und Paul Steb­bings mel­den sich mit ih­rer eng­lisch­spra­chi­gen Tra­di­ti­ons­ga­la A Christmas Ca­rol nach Charles Di­ckens zu­rück. (Ga­s­teig Carl-Orff-Saal, ab 14.12.)

Eben­falls aus der fest­li­chen Fa­mi­li­en­thea­ter­geh­zeit nicht weg­zu­den­ken sind die zahl­rei­chen Der Nuss­kna­cker-Auf­füh­run­gen mit ih­ren Aus­flü­gen in nächt­li­che ma­gi­sche Wel­ten. Mit dem Gast­spiel des St. Pe­ters­burg Fes­ti­val Bal­letts kommt ei­ne be­son­ders pracht­vol­le in die Stadt. (Ga­s­teig Phil­har­mo­nie, 8.12.)

Mu­sik­thea­ter­ver­gnü­gen für die gan­ze Fa­mi­lie bie­tet selbst­ver­ständ­lich auch das Ein­stei­ger­stück Pe­ter und der Wolf zu den be­rühm­ten Klän­gen von Ser­gei Pro­ko­fiev. (Ga­s­teig Klei­ner Kon­zert­saal, 16.12.)

Und un­ter dem Ti­tel Pe­ter Pan – a Pan­to hat sich das Al­ter­na­ti­ve Thea­t­re den aus di­ver­sen Zei­chen­trick- und Re­al­fil­men welt­be­kann­ten Stoff vom Traum, Flie­gen zu kön­nen und ewig ein Kind zu blei­ben, vor­ge­nom­men. Wich­ti­ger Hin­weis: „Pan­to“soll­te nicht platt mit der deut­schen Pan­to­mi­me ver­wech­selt wer­den. Da­hin­ter ver­birgt sich ein Schlüs­sel­be­griff der bri­ti­schen Thea­ter­tra­di­ti­on. Im 17. Jahr­hun­dert be­zeich­ne­te man da­mit ein Gen­re, das Ele­men­te aus Thea­ter­stück, Mär­chen, Ko­mö­die und Mu­si­cal misch­te. Soll hei­ßen: Es wird ge­sun­gen und ge­tanzt. Und Slap­stick kommt oben­auf. So macht’s Freu­de. (Leo 17, 7. bis 9.12.)

Für die lie­ben El­tern, ge­ra­de die, die abends ge­schafft mit ei­nem Kalt­ge­tränk vor dem Kühl­mö­bel in der Kü­che zu­sam­men­sa­cken, ist die Axel-Ha­cke-An­ver­wand­lung Die Ta­ge, die ich mit Gott ver­brach­te ge­dacht. Re­gis­seur Tho­mas Flach hat die le­gen­dä­ren Ko­lum­nen-Tex­te, in de­nen Ha­cke über ei­nen Gott fa­bu­liert, den er sich als me­lan­cho­li­schen Künst­ler, der ei­gent­lich Gro­ßes schaf­fen woll­te und nun nicht ganz zu­frie­den mit sich und der Welt ist, büh­nen­taug­lich ge­macht. Die­ter Fi­scher spielt den na­men­lo­sen Mann, Gott ist Ju­dith Toth. (Me­tro­pol­thea­ter, ab 18.12.)

Das Ge­fühl, an ei­nem hek­ti­schen Tag mal wie­der zu kurz ge­kom­men und schon wie­der über­se­hen wor­den zu sein, kennt auch Is­me­ne, die Schwes­ter der An­ti­go­ne und Toch­ter von Ödi­pus. Zeit ih­res Le­bens stand sie im Schat­ten ih­rer hel­den­haf­ten und be­rühm­ten Schwes­ter. Das Recht auf Ruhm blieb ihr of­fen­bar ver­wehrt, der Fa­mi­li­en­se­gen hängt schon län­ger schief. Sa­bi­ne Lo­renz bril­liert in dem pa­cken­den OneWo­man-Mo­no­log Is­me­ne, Schwes­ter von, der end­lich das Schwei­gen bricht. (Te­am­thea­ter Tank­stel­le, ab 19.12.)

Ger­ne in der an­ti­ken Welt der Glyp­to­thek mit ih­ren mehr oder we­ni­ger ma­kel­frei­en mus­ku­lö­sen Kör­pern tum­melt sich auch der Münch­ner Star-Tän­zer Ste­fan Ma­ria Marb. Ihm wid­met der Ga­s­teig ei­ne Aus­stel­lung, die sich mit sei­nem 30-jäh­ri­gen un­er­müd­li­chen Bu­toh-Schaf­fen be­fasst. Und un­ter dem Ti­tel Après – Ei­ne Ver­wand­lung kommt da auch die ti­tel­ge­ben­de Per­for­mance da­zu. (Ga­s­teig Foy­er Car­lOrff-Saal, 10./21.12.)

Rich­tig schön rum kommt man – mit we­nig Auf­wand und über­schau­ba­rem Rei­se­geld – in dem thea­tra­len Road­mo­vie www.wir­wol­len­wei­ter. Dar­in macht sich ein Ge­schwis­ter­paar auf den Spu­ren von Ju­les Ver­ne zu ei­nem Trip in 80 Ta­gen rund um den Glo­bus auf. (HochX, 5. bis 9.12.)

Nicht weit vom Fleck kommt man da­ge­gen schließ­lich mit Re­gis­seur Ab­dul­lah Ken­an Ka­ra­ca. Er hat sich Kur­ze In­ter­views mit fie­sen Män­nern von Da­vid Fors­ter Wal­lace vor­ge­nom­men. Und die ti­tel­ge­ben­den Män­ner krei­sen nicht nur um sich selbst. Sie re­den sich auch um Kopf und Kra­gen. (Volks­thea­ter, 16.12.)

Ho­ri­zon­ta­le Flir­t­an­nä­he­rung: DIR­TY DAN­CING

Welt­rei­se im Lie­gen: WWW.WIR­WOL­LEN­WEI­TER

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.