Auf in den Tanz

Im Li­te­ra­tur­haus zer­legt Chris­toph Nie­mann den krea­ti­ven Pro­zess

In München - - ANSICHTSSACHE - Bar­ba­ra Tei­chel­mann

Es gibt wohl fast nie­man­den, der Chris­toph Nie­mann nicht mag. Man kennt ihn in der Re­gel nicht per­sön­lich, aber das, was man von ihm ge­se­hen hat – al­so sei­ne Ar­bei­ten – ge­nügt, um ein über­aus sym­pa­thi­sches Bild ent­ste­hen zu las­sen. Er hat Hu­mor, bril­lan­te Ide­en, mag Fuß­ball, und nachts kom­men die Kin­der zu ihm und sei­ner Frau ins Bett ge­krab­belt. Aber das ist es nicht. Was die Men­schen an ihm lie­ben, ist, dass er zu­gibt, ein Zwei­feln­der zu sein. Die­ser Il­lus­tra­tor ist nicht ei­ner von den Selbst­über­zeug­ten, die be­haup­ten, je­den Mor­gen au­to­ma­tisch von der Mu­se ge­küsst zu wer­den und de­nen die Ide­en gleich in Schwär­men zu­flie­gen. Nie­mann ne­giert das ge­nia­li­sche Bild vom Künst­ler, das al­le Welt so sehr liebt, weil es sie da­von ent­bin­det, selbst in den gro­ßen Selbst­zwei­fel­see zu sprin­gen. Denn wenn nur ge­nia­le Men­schen gu­te Ide­en ha­ben kön­nen, kann sich der me­dio­kre Rest ent­spannt zu­rück­leh­nen und muss sich erst gar nicht nass ma­chen. Hat ja eh kei­nen Zweck. Dass das zu ei­nem gro­ßen Pro­zent­satz ei­ne fau­le Aus­re­de ist, da­von ist Nie­mann über­zeugt und kann das auch be­wei­sen – mit ei­ner hoch­pro­fes­sio­nell hoch­sub­jek­ti­ven In­fo­gra­fik, in der das Ta­lent – al­so das Ge­nia­li­sche, das ei­ner mit­brin­gen kann – ge­ra­de mal fünf Pro­zent aus­ma­chen. Der Rest sind Blut, Schweiß, Trä­nen und „ge­nau 10.000 St­un­den“Übung. Wer be­reit ist, die­se Zeit zu in­ves­tie­ren, muss zwar im­mer noch in den eis­kal­ten Selbst­zwei­fel­see stei­gen, geht aber nicht un­ter, weil er mitt­ler­wei­le Schwim­men ge­lernt hat. Das macht Mut! Und Spaß. Wer Nie­manns wun­der­ba­res, 2016 er­schie­ne­nes Buch „Sun­day Sket­ching“kennt, hat be­reits die hal­be Aus­stel­lung „Im Au­ge des Be­trach­ters“im Li­te­ra­tur­haus (bis 3. Fe­bru­ar) ge­se­hen. Aber das macht nichts. Denn egal wie oft man sich die klei­nen und gro­ßen Zeich­nun­gen an­schaut und die Ge­schich­ten da­zu liest, man freut sich je­des Mal aufs Neue über Witz, Idee und Um­set­zung. Wie Nie­mann den krea­ti­ven Pro­zess re­flek­tiert und drei kon­kre­te Pro­ble­me be­nennt, kann man sich gar nicht oft ge­nug zu Ge­mü­te füh­ren. Pro­blem 1: Ich bin nicht gut ge­nug! Pro­blem 2: Mei­ne Ar­beit ist ir­re­le­vant, und ich bald plei­te. Pro­blem 3: Ich ha­be kei­ne Ide­en mehr. An­schlie­ßend ver­rät er Lö­sungs­stra­te­gi­en, die er ent­wi­ckelt hat und die ihn da­vor be­wah­ren, ver­rückt zu wer­den, plei­te zu ge­hen und kei­ne Ide­en mehr zu ha­ben. Lö­sung 1: Üben, üben, üben! Lö­sung 2: Sor­gen, zwei­feln und sich den Kopf zer­bre­chen! Lö­sung 3: Ma­chen! Nach die­sem In­tro, das dem künst­le­ri­schen Schaf­fen je­den ver­lo­gen-ro­man­ti­schen Zau­ber nimmt, geht es los mit dem Nie­mann­schen Bild­zau­ber. Na­tür­lich kann man jetzt be­schrei­ben, wie ein Mohn­bröt­chen zum Stop­pel­bart­kinn mu­tiert, ein Pin­sel zur Bal­le­ri­na wird und ein Kopf­hö­r­er­ka­bel­k­nub­bel zur Mü­cke. Viel ge­schei­ter aber ist es, Sie ge­hen selbst in die Aus­stel­lung und las­sen sich dort Mut ma­chen. Und ha­ben da­bei je­de Men­ge Spaß.

Bil­der, die Ge­schich­ten er­zäh­len: Der Il­lus­tra­tor Chris­toph Nie­mann lebt in Ber­lin und zeich­net zum Bei­spiel für die „New York Ti­mes“, „The New Yor­ker“oder das „Zeit Ma­ga­zin“.

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