FRISCH GEPRESST / MEI­NE PLAT­TE

In München - - INHALT - Micha­el Sai­ler

Bis­wei­len kom­men ei­nem selt­sa­me Er­in­ne­run­gen in den Sinn. Z. B. dass wir im an­bre­chen­den Win­ter 1980, als der Him­mel fahl und blei­schwer und seit Wo­chen son­nen­los über Gie­sing hing und die lee­ren, von to­ten Baum­ge­rip­pen ge­säum­ten We­ge mit Wol­ken­staub be­salzt da­la­gen, in das wir ein­sa­me Stie­fel­spu­ren präg­ten, ... dass wir da al­le Pi­ra­ten und In­dia­ner wer­den woll­ten. Erst mal nichts be­son­de­res: Der Win­ter ist streng ge­nom­men Fa­schings­zeit, und je­des Kind will ir­gend­wann Pi­rat/In­dia­ner wer­den. Wir wa­ren aber kei­ne rich­ti­gen Kin­der mehr, und die Sa­che war kei­ne Mas­ke­ra­de, son­dern Ernst, Welt­sicht und Ma­nie, aus­ge­löst durch die Band Bow Wow Wow, de­ren hys­te­risch über­dreh­te 13jäh­ri­ge Sän­ge­rin Anna­bel­la Lwin das un­wahr­schein­lichs­te Ro­le Mo­del der hart­ge­koch­ten Punk-Ge­ne­ra­ti­on wur­de, das man sich nur vor­stel­len kann. Wie­so mir das ein­fällt? Weil mir beim Stö­bern im Strand­gut des Mu­sik­som­mers 2018 die vor Mo­na­ten un­be­ach­tet er­schie­ne­ne Box mit dem Ge­samt­werk von Bow Wow Wow in die di­gi­ta­len Fin­ger ge­rutscht ist. Und weil der Win­ter oft selt­sa­me Blü­ten (im über­tra­ge­nen Sin­ne) treibt, was Mu­sik an­geht. An­ge­mes­se­ner war da­mals si­cher­lich das, was wir kurz zu­vor noch mit der glei­chen Stur­heit und Aus­schließ­lich­keit ge­hört hat­ten: der de­pres­si­ons­las­ti­ge Klang­be­ton des Post-Punk von Gang of Four bis Joy Di­vi­si­on. Der schuf al­ler­dings durch aku­te Über­füt­te­rung das drin­gen­de Be­dürf­nis nach dem ab­so­lu­ten Ge­gen­teil, und das fan­den wir in den ero­tisch flir­ren­den Süd­see­trom­me­le­ska­pa­den von Bow Wow Wow. Und so geht das oft; hier ein wei­te­res Bei­spiel, mit dem wir un­se­rem The­ma nä­her­kom­men: Ei­ni­ge Jah­re zu­vor war die Be­schäf­ti­gung mit ver­stie­ge­nem Prog-Rock ob­li­ga­to­risch, und zwar re­gel­recht aka­de­misch. Da brach­te man gan­ze Win­ter­ta­ge und -näch­te da­mit zu, So­li von Rick Wa­ke­man und Keith Emer­son, Kom­po­si­ti­ons­struk­tu­ren 20mi­nü­ti­ger Sin­fo­ni­en von Yes, ELP und Ge­ne­sis, as­so­zia­tiv-ak­zi­den­ta­le, mit me­ta­re­li­giö­sen Such­phan­ta­si­en auf­ge­la­de­ne Ly­ri­zis­men von Jon An­der­son und Pe­ter Ga­b­ri­el we­ni­ger zu ge­nie­ßen als zu ana­ly­sie­ren. Das er­lö­sen­de Ge­gen­gift hieß Tan­ge­ri­ne Dream und war tat­säch­lich das ab­so­lu­te Ge­gen­teil: durch und durch syn­the­tisch, kör­per­los flie­ßend, schwe­bend, mä­an­dernd, aus sich selbst und dem Nichts her­aus ent­ste­hend und evol­vie­rend, frei von Brü­chen und mensch­li­chen „Ide­en“. Die­se Mu­sik ver­lieh dem Win­ter, in dem der Him­mel fahl, blei­schwer und son­nen­los über Gie­sing hing und die lee­ren, von to­ten Baum­ge­rip­pen ge­säum­ten Stra­ßen und We­ge mit Wol­ken­staub be­salzt da­la­gen, ei­nen fu­tu­ris­ti­schen Schim­mer und leer­te den Kopf so voll­stän­dig, dass er zum Uni­ver­sum wur­de, jen­seits von Zeit und Raum, sub­stanz­los und ewig. Da­mit schließt sich ein Kreis. Dies­mal näm­lich trifft der Win­ter auf ein Ge­men­ge aus Sand­ber­gen von Hip-Hop-Sinn­flut, ana­ly­tisch-re­fle­xi­ver Ar­beit an Beats und Reim­split­tern und dem ab­sichts­voll auf­dring­lich dröh­nen­den Selbst­su­cheund Me­lo­dieoze­an, den die Buz­zcocks und ihr An­fang De­zem­ber ver­stor­be­ner Kopf Pe­te Shel­ley hin­ter­lie­ßen. Das Be­dürf­nis nach dem Tan­ge­ri­ne-Dream-Ef­fekt, das dar­aus ent­steht, wird ir­gend­wann so drin­gend, dass das Al­bum „On Re­flec­tion“(der Ti­tel ist in die­sem Zu­sam­men­hang durch­aus iro­nisch zu ver­ste­hen) wie ein Ko­met am Ho­ri­zont er­scheint. Nicht so­fort: Der eckig-sper­ri­ge Ope­ner „Qprism“ist ei­ne Art Rest­müll­ton­ne für die sub­li­mier­ten Über­bleib­sel der mensch­geis­ti­gen Bü­ro­kra­tie. Das Raum­schiff star­tet mit „Di­cker‘s Dream“, und spä­tes­tens nach zwei Mi­nu­ten, wenn der stra­to­sphä­ri­sche Beat an­schwillt, ist man der ma­te­ri­el­len Welt so fern, dass „Fer­ne“als Be­griff be­deu­tungs­los ist. Nach 8:37 ist man gänz­lich drü­ben. Hin und wie­der trei­ben ge­spens­ti­sche Fos­si­li­en un­er­gründ­li­cher Phä­no­me­ne vor­bei, die man be­staunt, wäh­rend man wei­ter­flirrt, licht­ge­schwind und reg­los. Am En­de öff­net sich ein Wurm­loch, und plopp! ist man wie­der hier und da, aber ein an­de­rer. Ach so, Sel­ling (auch der Na­me ist in die­sem Sin­ne iro­nisch zu ver­ste­hen) be­steht aus Gold Pan­da und Jas Shaw von Si­mi­an Mo­bi­le Dis­co, was dem Al­bum (Tech­no/Elek­tro-)mu­sik­his­to­ri­sche und kom­mer­zi­el­le Be­deu­tung ver­leiht, aber wen küm­mert so was in sol­chen Mo­men­ten und Win­tern?

Sel­ling On Re­flec­tion (Ci­ty Slang)

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.