BE­LÄS­TI­GUN­GEN

In München - - INHALT -

Die Evo­lu­ti­on voll­zieht sich manch­mal un­be­merkt, und nicht sel­ten wer­den ih­re Er­fol­ge ab­ge­strit­ten, in Fra­ge ge­stellt oder lä­cher­lich ge­macht. Z. B. die Ge­schich­te mit der schrift­li­chen elek­tro­ni­schen Kom­mu­ni­ka­ti­on: Von der heißt es, sie sei schuld an so ziem­lich je­dem Übel, von Fil­ter­bla­se bis Fa­ke News, vom Netz­jun­kie bis zum Gen­der­wahn, vom Haß­sprech bis zum Pe­gi­da-Auf­marsch. Zur Klä­rung von Miß­ver­ständ­nis­sen, Mei­nungs­ver­schie­den­hei­ten und an­de­ren Pro­ble­men sei das per­sön­li­che Ge­spräch in je­dem Fal­le vor­zu­zie­hen, am bes­ten un­ter vier Au­gen, höf­lich und be­son­nen. Welch ein Un­sinn das ist, weiß je­der, der schon mal zur Schu­le ge­gan­gen ist und vom Di­rek­tor zu ei­nem per­sön­li­chen Ge­spräch be­stellt wur­de, un­ter vier Au­gen, höf­lich und be­son­nen: Da wur­de man bes­ten­falls ver­gat­tert, run­ter- und nie­der­ge­macht, dis­zi­pli­niert und muß­te die Klap­pe hal­ten, und selbst wenn man das nicht ge­mußt hät­te, wä­re ei­nem die ent­schei­den­de, pfif­fi­ge Ant­wort so­wie­so erst am nächs­ten Mor­gen beim Auf­wa­chen ein­ge­fal­len. Als je­mand, der schon sei­ne al­ler­al­ler­ers­te spät­kind­li­che Kurz­be­zie­hung auf schrift­li­chem We­ge ein­lei­te­te, weiß ich, wo­von ich spre­che – wä­re das Tech­tel­mech­tel in die­sem Mo­dus fort­ge­führt wor­den, hät­te es viel­leicht län­ger ge­hal­ten als die paar Wo­chen, in de­nen es in un­be­hol­fe­nen Plap­per­plau­der­ver­su­chen ken­ter­te. So geht das im­mer, den gan­zen Tag, das gan­ze Le­ben lang: Men­schen re­den in­ein­an­der hin­ein, an­ein­an­der vor­bei, um­ein­an­der her­um, und je­der meint, bei der wahl­lo­sen Aus­sto­ßung von Ge­räusch­fet­zen hand­le es sich um Kom­mu­ni­ka­ti­on. Hin­ge­gen pran­gern Kul­tur­pes­si­mis­ten am Äu­ßern in so­zia­len Netz­wer­ken vor al­lem des­sen Un­be­dacht­heit und Spon­ta­nei­tät an. Je­der Tipp­feh­ler sei ein deut­li­ches Zei­chen, daß sich mal wie­der je­mand „was ge­dacht“, aber nicht die Mü­he ge­macht ha­be, es so zu ord­nen, daß es ei­ner Öf­fent­lich­keit zu­mut­bar sei. So wer­de al­les miß­ver­stan­den, und am En­de kom­me es zu Um­sturz, Po­grom und Bür­ger­krieg. Man könn­te dar­auf hin­wei­sen, daß ein gan­zes Drit­tes Reich und zwei Welt­krie­ge oh­ne Face­book und Whatsapp – und viel­leicht nur so – zu­stan­de­ka­men. Daß sich der Wirt­schafts­fa­schis­mus des­we­gen so un­aus­lösch­lich in den Köp­fen der mitt­ler­wei­le vier­ten Ge­ne­ra­ti­on von tum­ben Amei­sen­men­schen fest­schrau­ben konn­te, weil sei­ne Ideo­lo­gie haupt­säch­lich in TV-Plap­per­run­den und nur sel­ten im schrift­li­chen Aus­tausch ver­brei­tet wur­de (und wenn, dann in Zei­tungs­kom­men­ta­ren, die ähn­lich irr da­her­ge­fa­selt wa­ren wie das Zeug, das Merz & Co. in Ka­me­ras skan­dier­ten). Daß das münd­liche Ge­spräch, mag es noch so geist­reich sein, we­der Fuß­no­ten noch Lek­to­rat zu­läßt und des­halb nur mit größ­ter Vor­sicht zi­tiert wer­den soll­te, weil sich im Zwei­fels­fall der ge­schick­tes­te Ar­gu­men­ta­tor Mi­nu­ten nach sei­ner Äu­ße­rung nicht mehr an de­ren Wort­laut er­in­nert. Wer in Auf­zeich­nun­gen klas­si­scher Bun­des­tags­de­bat­ten her­um­blät­tert, wird fest­stel­len, daß die fa­schis­ti­sche Schmä­hung von Par­la­men­ten als „Quatsch­bu­den“an der Rea­li­tät nicht weit vor­bei­geht – wo­bei zu be­den­ken ist, dass be­reits die Mit­schrif­ten re­di­giert und ge­schönt sind. In Wirk­lich­keit ist das per­sön­li­che Ge­spräch, das Men­schen des­we­gen im­mer su­chen, wenn ih­nen die Ar­gu­men­te aus­ge­hen, vor al­lem Macht­mit­tel. Der Boß, dem das Hu­man­ka­pi­tal zu auf­müp­fig wird, bit­tet es ein­zeln ins Chef­bü­ro. Der Mann, dem das Weib in­tel­lek­tu­ell über die Hut­schnur wächst, haut auf den Tisch und „stellt“et­was „klar“. Um­ge­kehrt geht im Brüll­cho­ral der gut­mei­nen­den Mas­se jeg­li­che Lo­gik, Evi­denz und Dia­lek­tik um­stands­los un­ter. Teil­neh­mer von Me­di­ta­ti­ons­kur­sen und Schwei­ge­ex­er­zi­ti­en mel­den er­staun­li­che Er­fah­run­gen: Wer ab­sicht­lich län­ge­re Zeit dar­auf ver­zich­tet, sich münd­lich zu äu­ßern, fängt nach we­ni­gen Ta­gen an, ei­ne Tä­tig­keit aus­zu­üben, die dem mo­der­nen Men­schen für ge­wöhn­lich fremd ist: den­ken. Nach ei­ni­gen Wo­chen oh­ne Ge­brab­bel be­gin­nen sich die Ge­dan­ken so­gar zu ord­nen. Gleich­zei­tig wächst der Drang, sich laut­stark mit­zu­tei­len, bis er kaum noch zu un­ter­drü­cken ist. Dann aber läßt er ra­pi­de nach, ver­schwin­det schließ­lich ganz, wäh­rend an­de­rer­seits Din­ge, die vor­dem durch den Kopf schwirr­ten und zuck­ten wie Stroh in ei­ner Wind­ho­se, deut­lich, klar und fol­ge­rich­tig in Er­schei­nung tre­ten. Wer sich fragt, wie in frü­he­ren Zei­ten, als Kom­mu­ni­ka­ti­on größ­ten­teils schrift­lich ab­lief, so et­was wie ei­ne Li­te­ra­tur ent­ste­hen konn­te, wäh­rend heu­te ei­ne Ar­ma­da von Ver­la­gen halb­jähr­lich He­ka­tom­ben von win­di­gem Müll­gesei­er in Buch­de­ckel bin­den und kurz dar­auf zu Ta­pe­ten­grun­die­rung zerm­an­schen läßt, wer sich fragt, wie­so die „Au­to­ren“die­ser Quatsch­klöt­ze 90 Pro­zent ih­rer sog. Ar­beits­zeit in Talk­shows, Po­di­ums­dis­kus­sio­nen und In­ter­views zu­brin­gen, dem könn­te die Er­kennt­nis däm­mern, daß der Um­stieg vom Plau­dern zum Chat­kom­men­tar tat­säch­lich ein Fort­schritt sein dürf­te – ob­wohl oder ge­ra­de weil der größ­te Teil auch die­ser Äu­ße­run­gen sinn­lo­ser Un­fug ist. Im­mer­hin kann man das not­falls nach­le­sen und dann auf­grund von Grün­den lö­schen. Der Win­ter ist ei­ne gu­te Zeit, sich zu be­sin­nen. Viel­leicht wä­re es för­der­lich, die­sen Win­ter mal den Mund zu hal­ten, Leu­ten, die den Mund nicht hal­ten kön­nen, aus dem Weg zu ge­hen und al­les, was uns in den Sinn kommt, so lan­ge zu be­brü­ten, bis dar­aus ein Ge­dan­ke ent­schlüpft, der ei­nen Face­book-Kom­men­tar wert ist. Wer weiß, wie vie­le sinn­lo­se De­bat­ten wir uns dann im kom­men­den Som­mer spa­ren kön­nen, um ihn mit viel schö­ne­ren Din­gen zu fül­len.

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