Frau­en un­ter sich

„Das Mäd­chen, das le­sen konn­te“von Ma­ri­ne Fran­cen

In München - - KINO - Frank Ar­nold

Der Schre­cken kommt in der Nacht – nicht in Gestalt ei­nes über­na­tür­li­chen Mons­ters, son­dern als be­rit­te­ne Sol­da­ten, die die Män­ner ei­nes fran­zö­si­schen Berg­dor­fes aus ih­ren Bet­ten zer­ren. Ei­ner, der aus­ruft, „Lang le­be die Re­pu­blik! Tod’ Na­po­le­on!“wird gleich er­schos­sen, der Rest ver­schleppt. Man schreibt das Jahr 1851, Charles Lou­is Na­po­lé­on Bo­na­par­te macht sich mit ei­nem Staats­streich zum ab­so­lu­ten Herr­scher und geht ge­gen die An­hän­ger der Re­pu­blik vor, ein Jahr spä­ter wird er sich zum Kai­ser Na­po­lé­on III. krö­nen las­sen. Als die Män­ner nicht zu­rück­keh­ren, sind die Frau­en auf sich al­lein ge­stellt. Ei­ner­seits ei­ne Uto­pie: kei­ne Au­to­ri­tä­ten mehr, we­der Po­li­zei noch Kir­che gibt es in dem ab­ge­schie­de­nen Dorf, an­de­rer­seits müs­sen sich ge­ra­de die jun­gen Frau­en ir­gend­wann Ge­dan­ken über ih­re Zu­kunft ma­chen: jetzt sind sie in ei­nem Al­ter, wo sie ih­re Se­xua­li­tät aus­le­ben könn­ten, jetzt könn­ten sie auch Kin­der be­kom­men ... Ir­gend­wann spre­chen vier Freun­din­nen dar­über, aus dem Ge­dan­ken­spiel wird ein Pakt: der ers­te at­trak­ti­ve Mann, der ins Dorf kommt, soll ih­nen al­len ge­hö­ren. Bis da­hin fällt Vio­let­te, die als ein­zi­ge Frau im Dorf le­sen kann, die Rol­le der Leh­re­rin zu, die die Kin­der des Dor­fes dar­in un­ter­rich­tet. Das Le­sen ist es denn auch, das sie dem Mann, der ei­nes Ta­ges auf­taucht, nä­her­bringt: aus­er­ko­ren, sich um ihn zu küm­mern, ent­wi­ckelt sich über die Lek­tü­re von Vic­tor Hu­go ei­ne ro­man­ti­sche Lie­bes­ge­schich­te, über der al­ler­dings das Da­mokles­schwert des Schwurs der Freun­din­nen hängt. Ir­gend­wann wird Vio­let­te von ih­nen dar­an er­in­nert, dass sie ihm sa­gen muss, was von ihm er­war­tet wird. Wird er die­se Rol­le ak­zep­tie­ren? Wird er flüch­ten? Wird er dann Vio­let­te, die mitt­ler­wei­le von ihm schwan­ger ist, mit­neh­men? Ba­sie­rend auf ei­nem 1919 nie­der­ge­schrie­be­nen Be­richt der Bäue­rin Vio­let­te Ail­haud über ih­re Ju­gend­jah­re, der erst 2006 bei ei­nem fran­zö­si­schen Klein­ver­lag er­schien und sich dank Mund­pro­pa­gan­da zu ei­nem Ver­kaufs­er­folg ent­wi­ckel­te, ist „Das Mäd­chen, das le­sen konn­te“das Re­gie­de­büt der Fil­me­ma­che­rin Ma­ri­ne Fran­cen, die ihr Hand­werk als Re­gie­as­sis­ten­tin, u.a. bei Oli­vier As­sa­yas, er­lernt hat. Ge­dreht im klas­si­schen Bild­for­mat frü­he­rer Jahr­zehn­te, 1:1,33 (wie es in ih­ren letz­ten Fil­men schon von Andrea Ar­nold, Paul Schra­der und Pa­wel Paw­li­kow­ski wie­der­be­lebt wur­de), un­ter­streicht der Film da­mit die Nä­he zu den Kör­pern und die har­te Ar­beit, die die­se ver­rich­ten müs­sen. Da­mit schafft er ei­ne Ge­gen­wär­tig­keit, die auch ein Ge­gen­bild zur ma­le­ri­schen Schön­heit der spät­som­mer­li­chen Land­schaft bil­det. Schön, dass der Film mit dem dop­pel­deu­ti­gen Ori­gi­nal­ti­tel „Le se­meur“(Der Sä­mann), der be­reits im Herbst 2017 bei den Fes­ti­vals von San Se­bas­ti­an (als bes­ter De­büt­film) und Tü­bin­gen (Dreh­buch­preis) aus­ge­zeich­net wur­de, noch in die deut­schen Ki­nos kommt – weil er kein Ko­s­tüm­film mit Aus­stat­tungs­wil­len ist, son­dern ei­ne durch­aus ak­tu­el­le Ge­schich­te er­zählt.

Ei­ner für al­le

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