Ach, die­se Lü­cke, die­se ent­setz­li­che Lü­cke

Hoch­stap­ler ha­ben erst­mal mehr vom Le­ben. Bis sie dann eben doch wie­der ent­larvt wer­den

In München - - INHALT - Ru­pert Som­mer

Das ist mal schö­nes Ti­ming im La­wi­nen­win­ter: Von Erich Käst­ner höchst­per­sön­lich stammt die Vor­la­ge für die uri­ge Re­vue-Ope­ret­te Drei Män­ner im Schnee, die RTL-Dau­er­glot­zer auch an die „Un­der­co­ver Boss“-Rei­he er­in­nern könn­te. Kon­zern­chef To­bler möch­te selbst ein­mal her­aus­fin­den, wie man im schmu­cken Grand­ho­tel Bruck­beu­ren in den Ber­gen auf ihn re­agie­ren wird – wenn er ver­klei­det als ar­mer Schlu­cker vor der Tür steht. Doch er hat die Rech­nung nicht mit sei­ner Haus­häl­te­rin ge­macht, die das Ho­tel vor ei­nem an­ony­men Mil­lio­närs­be­such warnt. Weil Durch­ein­an­der lus­tig ist, wird dann doch der um­trie­bi­ge Her­um­trei­ber Fritz Ha­ge­dorn mit dem Boss ver­wech­selt. Doch Ha­ge­dorn hat die Rei­se nur im Preis­aus­schrei­ben ge­won­nen. Ver­wick­lun­gen in­klu­si­ve Win­ter-Lie­be­lei blei­ben un­aus­weich­lich. (Gärt­ner­platz­thea­ter, ab 31.1.)

Die höl­li­sche Sei­te der länd­li­chen Ir­run­gen wird im Neo-NoirScho­cker Be­geh­ren durch­ge­spielt: Dort hat sich ein Paar ein schö­nes klei­nes Haus zu­ge­legt, das es nun lie­be­voll zu re­no­vie­ren gilt. Doch dann klin­gelt das Te­le­fon – und nie­mand ist dran. Ver­däch­tig. Und auf der Land­stra­ße steht je­den Tag ein un­durch­sich­ti­ger Mann, der die Frau be­ob­ach­tet, wenn sie zum Ein­kau­fen geht. Stets gibt er vor, ei­ne Au­to­pan­ne zu ha­ben. Su­per merk­wür­dig! Er­zählt wird von der Un­ru­he, wenn die Ge­wiss­heit ei­nes ge­re­gel­ten Le­bens­ent­wurfs zer­brö­selt. (Mar­stall, ab 26.1.)

Wie weit muss man ge­hen, um sich fremd zu wer­den? Die­se Fra­ge stellt sich am sel­ben Ort Azar Mor­ta­za­vi im Stück Stil­le Nach­barn. Manch­mal rei­chen nur ein paar Schrit­te ins ge­mein­sa­me Schlaf­zim­mer oder über den Flur, dann wie­der kann ein Oze­an nicht breit ge­nug sein, um ei­ne en­ge Ver­bun­den­heit ab­zu­schnei­den. Hier dringt die gro­ße in die klei­ne Welt ein. Und das geht nicht oh­ne Schram­men ab. (Mar­stall, 25./29.1.)

Den Tep­pich un­ter den Fü­ßen be­kommt man üb­ri­gens auch im neu­en Tea­tro De­lu­sio-Gast­spiel der zu­recht ge­fei­er­ten Trup­pe Fa­mi­lie Flötz weg­ge­zo­gen. Die Rei­se führt hier in die Thea­ter­welt – in ei­ne ziem­lich un­heim­li­che, be­völ­kert von Per­so­nal mit be­klem­mend le­ben­dig wir­ken­den Mas­ken. An­ge­sie­delt ist das Stück in ei­ner Zwi­schen­welt – im en­gen Über­gang zwi­schen Büh­ne und Hin­ter­büh­ne, zwi­schen Il­lu­si­on und Desil­lu­si­on. Vom tur­bu­len­ten Ge­sche­hen drau­ßen sind die Ku­lis­sen­schie­ber nur durch spär­li­che Auf­bau­ten ge­trennt. Die Sehn­sucht ist groß. (Prinz­re­gen­ten­thea­ter, 5./6.2.)

Ein fins­te­rer Mas­ken­tanz wird das Böhm-Gast­spiel aus Graz, in der Re­gis­seur Ni­ko­laus Hab­jan an ei­nem Denk­mal kratz: Karl Böhm war be­kannt­lich ei­ner der größten Di­ri­gen­ten des 20. Jahr­hun­derts. Er war aber auch ein schwie­ri­ger Mann, ei­ner der sich all­zu schnell mit den Mäch­ti­gen ge­mein mach­te. We­gen sei­ner all­zu gro­ßen Nä­he zum Na­zi-Re­gime, dem er sich zu­vor re­gel­recht an­ge­dient hat­te, ent­fern­ten ihn die al­li­ier­ten Be­sat­zungs­mäch­te kurz nach Kriegs­en­de von sei­nem Pos­ten als Di­rek­tor der Wie­ner Staats­oper. (Re­si­denz­thea­ter, 4./5.2.)

Bud­dy Hol­ly, an des­sen mu­si­ka­li­scher und ge­samt­künst­le­ri­scher Strahl­kraft kein Zwei­fel be­stand, ist eben­falls ein Mann, des­sen En­de sehr fins­ter blieb: Auf dem Weg zu ih­rem nächs­ten Auf­tritt ka­men im Fe­bru­ar 1959 Hol­ly, Rit­chie Va­lens und The Big Bop­per bei ei­nem Flug­zeug­ab­sturz ums Le­ben. Nun ver­neigt sich der Münch­ner Mu­si­ker Chris Aron mit sei­ner Band The Croa­kers vor der Le­gen­de – im Tri­bu­te to Bud­dy Hol­ly. (Deut­sches Thea­ter, 3.2.)

Wo wird schon bei den Ehr­er­bie­tun­gen sind: Na­tür­lich kann man dann auch die Kon­zert­show ABBA Gold mit­neh­men, die nicht nur gla­mou­rö­se Welt­hits prä­sen­tiert, son­dern min­des­tens auch ei­nen neu­en Schwe­den­kra­cher. (Ga­s­teig Carl-Orff-Saal, 6.2.)

Auf­merk­sam hin­hö­ren soll­te man auch in der ori­gi­nel­len Schau­spiel-In­ter­ak­ti­on-Klang-Per­for­mance Re­cord play stop rewind, in de­ren Zen­trum ei­ne „Ton­trä­ge­rin“steht. Sie will in der Be­we­gung ei­nes Ton­bands oder ei­ner Plat­te die ge­spei­cher­te Zeit hör­bar ma­chen. Ohr­mu­scheln auf! (Ein­stein Kul­tur, 7./8.2.)

Die ei­ge­ne Ge­schich­te hat der ehe­ma­li­ge Ot­to-Fal­cken­berg-Schü­ler Joa­chim Mey­er­hoff in sei­nen au­to­bio­gra­fi­schen Schau­spiel­er­ro­ma­nen, die er durch um­ju­bel­te Le­se­rei­hen vor­stell­te, er­leb­bar ge­macht. Re­gis­seur Gil Meh­mert bringt mit Ach, die­se Lü­cke, die­se ent­setz­li­che Lü­cke sei­ne teil­wei­se haar­sträu­bend ko­mi­schen Mün­chen-Er­in­ne­run­gen auf die Büh­ne. Mey­er­hoff leb­te da­mals bei sei­nen Groß­el­tern in ei­ner de­ka­den­ten Edel­säu­fer­vil­la in Nym­phen­burg und ließ sei­nen eher sper­ri­gen Kör­per auf Ent­span­nungs­übun­gen, aufs Fech­ten, auf die Lie­be und all die an­de­ren Her­aus­for­de­run­gen ei­ner Thea­ter­aus­bil­dung ein. Groß­ar­tig! (Me­tro­pol­thea­ter, ab 31.1.)

Gleich meh­re­re Le­bens­ge­schich­ten be­kommt man vom Thea­ter Apro­pos vor­ge­setzt: Ich bin an­ders bringt prä­gen­de Mo­ment­auf­nah­men aus den Er­in­ne­run­gen der Mit­glie­der des En­sem­bles zur Auf­füh­rung. Et­wa den nächt­li­chen Kampf ge­gen die Angst, den man als klei­nes Kind nur mit Frit­ta­ten­sup­pe an­ge­hen konn­te. Oder über die Er­leb­nis­se zwei­er Clowns, die doch einst tat­säch­lich be­schlos­sen, sich in die Welt der Öko­no­mie zu wa­gen. Über die Tü­cken des An­ders­seins darf ge­lacht wer­den. (TamS, ab 25.1.)

Nichts zu la­chen hat schließ­lich der an­ti­ke Halb­gott He­ra­kles, der zwi­schen al­len Stüh­len sitzt und der sich we­gen sei­ner il­le­gi­ti­men Ge­burt den le­bens­lan­gen Hass von Göt­ter­gat­tin He­ra zu­ge­zo­gen hat. Er ist der Mann fürs Gro­be, fürs Kämp­fen, für die har­ten Prü­fun­gen. Und er ist da­zu ver­dammt, wei­ter zu ackern – über die Gren­zen der be­kann­ten Welt so­wie na­tür­lich sei­ne ei­ge­nen hin­aus. Ein Spek­ta­kel! (Volks­thea­ter, ab 7.2.)

Durch­grei­fen: BÖHM

Durch­la­vie­ren: DREI MÄN­NER IM SCHNEE

Durch­star­ten: ACH, DIE­SE LÜ­CKE, DIE­SE ENT­SETZ­LI­CHE LÜ­CKE

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.