Zeit­näh­ma­schi­ne

In München - - LITERATUR - Jon­ny Rie­der

Mit zu­neh­men­dem Al­ter re­du­ziert sich das Le­ben auf ein Bün­del un­struk­tu­rier­ter Er­in­ne­run­gen, die für im­mer ver­schwin­den, wenn die Hirn­strö­me ver­sie­gen. Er­in­ne­run­gen sind der Tem­pel un­se­res Le­bens. Ein Tem­pel, den nur wir selbst be­tre­ten kön­nen. Bei al­ler Nost­al­gie, mit der wir die Wän­de die­ses Tem­pels ta­pe­zie­ren, funk­tio­niert er we­ni­ger wie ein alt­mo­di­sches Fo­to­al­bum. Er äh­nelt mehr ei­ner Da­tei, in der ge­löscht wur­de, fo­to­ge­shoppt und sor­tiert nach emo­tio­na­len An­kern. Un­ter­wegs zu ih­rem En­de hat die 1940 ge­bo­re­ne An­nie Ernaux ih­ren Tem­pel auf den Kopf ge­stellt, ge­schüt­telt, durch­lüf­tet mit dem Orts­zeit­geist der Epo­chen und ei­ne Au­to­bio­gra­fie ih­rer Zeit col­la­giert. Da ist 1968, das die Men­schen in Freun­de und Fein­de teilt wie kaum ein an­de­res Er­eig­nis, der all­täg­li­che Ras­sis­mus, die Al­ge­ri­en­kri­se, die fast Bir­ne-Kohl-lan­ge Amts­zeit Mit­ter­rands, der 11. Sep­tem­ber und die an Spie­ßig­keit und mo­ra­li­scher An­ma­ßung kaum zu über­bie­ten­den 50er Jah­re: „... Wie man sich klei­de­te und schmink­te, war im­mer zu ir­gend­was. Zu kurz, zu lang, zu tief aus­ge­schnit­ten, zu eng, zu durch­sich­tig etc. Nichts – we­der In­tel­li­genz noch Bil­dung noch Schön­heit – zähl­te so viel wie An­stand. An­ders ge­sagt, wie der Wert ei­nes Mäd­chens auf dem Hei­rats­markt, über den die Müt­ter nach dem Vor­bild ih­rer ei­ge­nen Müt­ter streng wach­ten.“Da ist das Al­ter- und Alt­wer­den, das Be­trach­ten des Ü-50-Kör­pers im Spie­gel, der ei­nen so lan­ge und in­ten­siv be­glei­tet wie kein an­de­rer Kör­per. Und da sind die zwang­haf­ten Ver­su­che, über die Er­in­ne­run­gen an das ei­ge­ne Le­ben zu ver­fü­gen: „Wenn sie nachts wach liegt, ver­sucht sie sich de­tail­liert al­le Zim­mer in Er­in­ne­rung zu ru­fen, in de­nen sie je ge­wohnt hat.“Da­zwi­schen im­mer wie­der Ob­jek­te, Na­men und Be­grif­fe, die ei­nen be­stimm­ten Le­bens­ab­schnitt oder ei­ne Epo­che mar­kie­ren wie ver­schie­de­ne Früch­te und Ge­mü­se­sor­ten ei­ne be­stimm­te Jah­res­zeit. Aus ih­ren ge­sam­mel­ten Zeit­fli­cken näht Ernaux ein fas­zi­nie­ren­des Memo­patch­work. Ge­trie­ben vom mi­ni­ma­lis­tisch ti­cken­den Sound ent­ste­hen Bil­der von un­heim­li­cher Sog­kraft, ähn­lich den Zei­t­raf­fer­se­quen­zen in Koyaa­nis­qatsi.

An­nie Ernaux: Die Jah­re. Hör­spiel von Lui­se Voigt mit Con­stan­ze Be­cker, Co­rin­na Har­fouch, Ni­co­le Hee­sters und Bir­te Schnöink; Sound: Björn SC Deig­ner, 1 CD, ca. 80 Min., hr 2018, www.der­au­dio-ver­lag.de

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