Kein Thea­ter, gro­ßes Ki­no

Ste­fa­no Nar­del­lo und Vin­cen­co Biz­za­ri er­zäh­len in „Stadt der drei Hei­li­gen“(schrei­ber&le­ser) ein Ma­fia-Dra­ma oh­ne Hol­ly­wood-Schmus.

In München - - LITERATUR - „Wie­so re­den ei­gent­lich al­le im­mer nur über Die­be­rei­en und Schie­ße­rei­en?! – Du weißt ja, wie es ist, Mar­cia­no. Das ist bei uns so Sit­te“.

Mar­cia­no be­treibt ei­nen klei­nen Im­biss­stand mit Tor­ci­nel­li-Pa­ni­ni (Bröt­chen mit In­ne­rei­en-Röll­chen, süd­ita­lie­ni­sche Street­food-Spe­zia­li­tät) seit er nach län­ge­rer Haft­stra­fe aus dem Ge­fäng­nis ent­las­sen wur­de. Ein sau­be­res Le­ben füh­ren und für sei­ne Fa­mi­lie sor­gen, das ist al­les, was er möch­te. Doch das ist nicht so ein­fach: Cirú, der Hand­lan­ger des ört­li­chen Bos­ses Zai­net­to bie­tet ihm Schutz an, doch Mar­cia­no kann und will nicht zah­len. Kin­der mit Waf­fen ma­chen die Stra­ßen un­si­cher, Hun­de­kämp­fe, Raub­über­fäl­le und na­tür­lich Dro­gen spie­len ei­ne Rol­le in der klei­nen süd­ita­lie­ni­schen Stadt San Ni­can­dro Gar­ga­ni­co in der apu­li­schen Pro­vinz Fog­gia am Gar­ga­no – deut­schen Tou­ris­ten ist die Halb­in­sel eher als Cam­per-Pa­ra­dies be­kannt. Nar­del­lo stellt den na­mens­ge­ben­den drei Hei­li­gen San Mar­ci­an, San Mi­che­le und San Ni­can­dro sei­ne Prot­ago­nis­ten, den ar­beits­lo­sen Ex-Bo­xer und Jun­kie Michè, den Klein­dea­ler Nicà und eben Mar­cià ge­gen­über, ein ge­lun­ge­ner Twist, der dem fast 200 Sei­ten star­ken Band durch die par­al­lel lau­fen­den Hand­lungs­strän­ge so­wie den ge­zeich­ne­ten Ka­mer­a­per­spek­ti­ven ci­ne­as­ti­sche Qua­li­tät be­schert. Biz­za­ris Zeich­nun­gen er­in­nern nicht nur vom Su­jet an den fran­zö­si­schen Kol­le­gen Ba­ru, mit de­zen­ter Ko­lo­rie­rung ge­lingt es dem Zeich­ner ein stim­mi­ges Bild ei­nes zer­rüt­te­ten Sü­dita­li­ens zu schaf­fen, das nur we­nig mit gän­gi­gen Ma­fia-Kli­schees ge­mein hat. Star­ke Lek­tü­re, die man mehr­mals le­sen kann, um tie­fer in die­ses Mi­lieu ein­zu­tau­chen, in dem kein Platz für „Mätz­chen und Thea­ter“ist, wie es Kri­mi­au­tor Ni­co­lai Li­lin in sei­nem Vor­wort be­schreibt.

Rai­ner Ger­mann

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