On­ce Upon a Ti­me in St. Pau­li

In München - - LITERATUR - Jon­ny Rie­der

Patri­cia Fran­chi­ni: „What is your grea­test am­bi­ti­on in li­fe?“Par­vu­les­co: „To be­co­me im­mor­tal ... and then die.“

Jean-Luc Go­dard: Au­ßer Atem 1960. Ger­ma­ny braucht Ent­wick­lungs­hil­fe. Cul­tu­re? „Düt düt düt. Kein An­schluss un­ter die­ser Num­mer. Düt düt düt ...“Da ist das Spie­ßer­land so tot wie Ade­nau­ers Hirn. Eb­be. Wüs­te. Fucking Nir­va­na. Noch nicht mal das Wort „cool“steckt in der Um­lauf­map­pe. En­g­land schickt net­ter­wei­se den bes­ten Sup­port, den es hat. Die Beat­les. Von Li­ver­pool ins Re­bel­len­und Bo­he­mi­en-Asyl St. Pau­li. Dort lan­den und stran­den Gau­ner, Dich­ter, Trans­ves­ti­ten, Glücks­spie­ler, Pimps und Fick­mich­bun­nys – al­le, de­nen das bür­ger­li­che Le­ben zu eng ist, zu fahr­plan­mä­ßig, zu ma­rio­net­tig. An­ge­lockt von ei­nem Ver­spre­chen, das sie durch die lan­gen Näch­te lotst wie ein Na­vi in Leucht­re­klame­buch­sta­ben: Gro­ße Frei­heit. Bei al­ler Sym­pa­thie für sei­ne win­di­gen Fi­gu­ren ver­wei­gert Rocko Scha­mo­ni Zu­cker­wat­te­ver­pa­ckung und Ja­mes-De­an-Aro­ma. St. Pau­li hat sei­ne ei­ge­nen Ge­set­ze. Sei­ne ei­ge­ne Ge­walt, sei­nen ei­ge­nen Nepp, sei­ne ei­ge­ne Rück­sicht­lo­sig­keit. Der Au­tor pflanzt sich in den Kopf von Wol­li Köh­ler, ei­ner von meh­re­ren Re­al­fi­gu­ren, die St. Pau­lis gro­ße Zeit er­leb­ten und ge­stal­te­ten – ne­ben Star-Club-Grün­der Man­fred Weiss­le­der, Box-Prinz von Hom­burg, Trans­ves­tit Carta­ca­la und Amt­mann Kurt Falck, der „Ei­ser­ne Be­sen“, laut Spie­gel-Ar­ti­kel von 1963 fast ein Held we­gen der „Aus­trei­bung je­ner Wir­te, Kell­ner und Por­tiers von Ree­per­bahn und Gro­ßer Frei­heit, die ihr Ge­schäft mit Be­trug und Prü­geln zu be­trei­ben pfle­gen“. Bei Scha­mo­ni ist Falck die Ham­bur­ger Chef­spaß­brem­se, fa­na­tisch und powe­r­ed by „this ti­me it’s per­so­nal“. Rocko Scha­mo­ni liest selbst aus sei­nem klei­nen Kraft­werk. Nicht so voll­endet wie bei den Edel­stimm­bän­dern Chris­ti­an Brück­ner und So­phie Rois, was okay ist. So­gar ziem­lich cool. Scha­mo­nis rot­zig-ma­ri­ti­me Im­pro passt pri­ma zu Wol­li – der hat was von Wes­tern­ha­gen in Theo ge­gen den Rest der Welt – und zu all den an­de­ren ab­ge­ris­se­nen Ty­pen, die hier her­umei­ern nach der Tri­al-and-Er­ror-Me­tho­de. Grü­ße von Heinz Strunks Fleisch ist mei­ne Ge­mü­se. Gro­ße Frei­heit geht acht St­un­den. So lang wie ei­ne Nacht auf St. Pau­li. Open End.

Rocko Scha­mo­ni: Gro­ße Frei­heit. Kom­plett ge­le­sen vom Au­tor, 7 CDs, ca. 8 Std. www.ran­dom­hou­se­au­dio.de Rocko Scha­mo­ni liest am 24. Mai um 20 Uhr im Münch­ner Volks­thea­ter.

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