Mu­si­ka­li­scher Neu­be­ginn

In München - - MEINE PLATTE - Bern­hard Eder

Mit­te Mai er­scheint mein neu­es Al­bum „7“, wel­ches für mich ei­ne Art Neu­an­fang be­deu­tet. Erst­mals ha­be ich die Gi­tar­re völ­lig bei­sei­te­ge­legt und sämt­li­che Songs auf al­ten Heim­or­geln, Syn­thies oder ei­nem „Po­cket Pia­no“(z.b. die ers­te Sin­gle „Hell“) ent­ste­hen las­sen. Auf­grund die­ser Her­an­ge­hens­wei­se ver­än­der­ten sich auch die üb­li­chen Song­struk­tu­ren, man­ches entstand auch im Zu­ge von Thea­ter­pro­duk­tio­nen (u.a. am Münch­ner Volks­thea­ter). Ei­ni­ge mei­ner liebs­ten Bands und Künst­ler gin­gen eben­falls die­sen Weg, ei­ne Hand­voll möch­te ich euch in die­ser Ru­brik vor­stel­len. Wenn es um das The­ma mu­si­ka­li­scher Neu­an­fang und das in Kom­bi­na­ti­on mit Elek­tro­nik geht, darf die­ses Al­bum na­tür­lich auf kei­nen Fall feh­len: Ra­dio­head „Kid A“. En­de 1998 kam Thom Yor­ke an­geb­lich im­mer das Grau­sen, so­bald er zur Gi­tar­re griff. Al­so be­gan­nen er und Jon­ny Gre­en­wood mo­na­te­lang mit di­ver­sen elek­tro­ni­schen Ge­rä­ten am Nach­fol­ger des Meis­ter­werks „OK Com­pu­ter“zu ar­bei­ten, be­ein­flusst von Acts wie Aphex Twin oder Faust. Aus an­geb­lich 60 Song­skiz­zen ent­stan­den die zehn Songs für „Kid A“(und in wei­te­rer Fol­ge wei­te­re zehn für „Amne­si­ac“), dar­un­ter Groß­ta­ten wie „The Na­tio­nal An­them“, „Idio­te­que“oder „Ever­y­thing in it’s right place“. Ne­ben Elek­tro­nik­fri­cke­lei (wie z.b. dem Ti­tel­song) fand man zwi­schen­drin auch Songs wie „Op­ti­mis­tic“, die wohl al­te Fans ver­söh­nen soll­ten. An­geb­lich stand die Band wäh­rend der Pro­duk­ti­ons­pha­se mehr­mals vor ei­ner Tren­nung – um­so schö­ner, dass sie 18 Jah­re spä­ter noch im­mer ak­tiv sind und uns al­le paar Jah­re ein groß­ar­ti­ges Al­bum schen­ken. Nie­mand hät­te dies wohl im Jah­re 2000 er­war­tet.

Be­reits ein Jahr zu­vor wag­te ei­ne an­de­re Band ei­nen ähn­li­chen Schritt. Die bri­ti­sche Kom­bo Blur, laut Ei­gen­aus­sa­ge „Er­fin­der des Brit­pop“, hat­ten sich be­reits mit dem da­vor er­schie­ne­nen selbst­be­ti­tel­ten Al­bum von eben die­sem ver­ab­schie­det. Mit „13“gin­gen sie noch ei­nen Schritt wei­ter. Ge­mein­sam mit Pro­du­zent Wil­li­am Or­bit ver­schanz­ten sie sich wo­chen­lang im Stu­dio um zu ex­pe­ri­men­tie­ren, wor­aus Or­bit wie­der­um spä­ter Song­struk­tu­ren bas­tel­te. Das Er­geb­nis ist ein psy­che­de­li­sches und vor al­lem bun­tes Werk. Wäh­rend die ers­te Al­bum­hälf­te noch ein Misch­masch aus Gos­pel („Ten­der“), Noi­se („Bug­man“, „B.L.U.R.E.M.I.“) und Pop („Cof­fee & TV“) ist (und des­halb auch et­was ori­en­tie­rungs­los wirkt), er­öff­net „Batt­le“Sei­te B – ei­ne ho­mo­ge­ne An­samm­lung von sich größ­ten­teils in lan­gen In­stru­men­tal­pas­sa­gen ver­lie­ren­der Tracks, um­ne­belt von ei­nem Schlei­er aus Sound­col­la­gen und mas­siv ein­ge­setz­tem Ta­pe de­lay. Zeit­los und ihr bes­tes Werk!

In ei­ner Collec­tion wie die­ser hier darf na­tür­lich ein Da­vid Bo­wie nicht feh­len. Bloß für wel­che Neu­er­fin­dung des Cha­mä­le­ons ent­schei­det man sich? Als ehe­ma­li­ger Wahl­ber­li­ner scheint mir das ers­te Al­bum der Ber­li­ner Tri­lo­gie am na­he­lie­gends­ten. „Low“ist, ähn­lich wie eben be­spro­che­nes „13“, auf zwei un­ter­schied­li­che Hälf­ten ge­teilt. Wäh­rend A-Low ei­ne äu­ßerst rhyt­mi­sche An­ge­le­gen­heit ist (vor al­lem zu hö­ren im groß­ar­ti­gen „Sound and Vi­si­on“), und nicht un­be­dingt die ra­di­ka­le Neu­er­fin­dung, sind es vor al­lem die In­stru­men­tals auf Sei­te B, wo Neu­land be­tre­ten wird. Be­ein­flusst von deut­schen Krau­trock­bands wie Kraft­werk und NEU! (aber vor al­lem auch Bri­an Eno, der hier als Co-Pro­du­cer mit­wirk­te), klingt B-Low eher nach ei­nem elek­tro­ni­schen Trip, mit düs­te­ren Tracks wie „Wars­za­wa“und „Sub­ter­ra­ne­ans“.

Blei­ben wir in Ber­lin, aber sprin­gen wir mal vier De­ka­den. So­phie Hun­ger wohnt seit fast fünf Jah­ren in der Haupt­stadt und wid­met ihr mit „Elec­tro­po­lis“so­gar ei­nen Song auf ih­rem ak­tu­el­len Al­bum „Mole­cu­les“. Und auch sie scheint Ge­fal­len ge­fun­den zu ha­ben an elek­tro­ni­schen Ap­pa­ra­ten – mi­ni­ma­lis­ti­sche Drum­pat­terns und zar­te Syn­thies las­sen ih­rer ein­präg­sa­men Stim­me noch mehr Platz als bis­her, und es steht ihr al­les ziem­lich gut. Vom Opener „She Ma­kes Pre­si­dent“über „Oh Lord“bis hin zum ab­schlie­ßen­den Cou­cou“– so ho­mo­gen wie „Mole­cu­les“ist So­phie Hun­ger bis da­to noch kein Al­bum ge­lun­gen. Sehr schön auch die ers­te Sin­gle „Tricks“, un­be­dingt das Vi­deo an­se­hen!

Auch Micha­el Sti­pe von R.E.M. hat der deut­schen Haupt­stadt mit „Über­lin“ei­nen Song ge­wid­met, auf ih­rem letz­ten Al­bum „Col­lap­se in­to now“. Hat aber nichts mit die­ser Ru­brik zu tun. 1998, nach­dem ihr Drum­mer Bill Ber­ry das Hand­tuch ge­schmis­sen hat­te und Sti­pe des­halb die Band mit ei­nem drei­bei­ni­gen Hund ver­glich, er­schien mit „Up“ein für R.E.M.-Ver­hält­nis­se äu­ßerst mu­ti­ges Werk. An­stel­le ei­nes Drum­mers ver­wen­de­ten sie an vie­len Stel­len al­te Drum­com­pu­ter und Heim­or­geln, be­ein­flusst von der ak­tu­el­len Elek­tro­nik­sze­ne, an­geb­lich auch von Ra­dio­head (de­ren Pro­du­zent Ni­gel God­rich wur­de üb­ri­gens mit dem Mix des Al­bums be­auf­tragt). Der Opener „Air­port­man“ist nicht mehr als ei­ne Col­la­ge von Sounds und da­hin­ge­mur­mel­ten Wort­fet­zen, dar­un­ter ein mi­ni­ma­ler Drum­beat der durch­aus von ei­ner Bon­tem­pior­gel stam­men könn­te. Spä­ter wird es auf „Lo­tus“kurz et­was opu­len­ter, das rest­li­che Al­bum bleibt al­ler­dings in ei­nem ver­träum­ten Mo­dus mit wun­der­schö­nen Songs wie „Su­s­pi­ci­on“, „Walk un­afraid“und der Leo­nard-Co­hen-Hom­mage „Ho­pe“. In­ter­es­san­te An­ek­do­te: auch die­ses Al­bum wur­de in zwei Hälf­ten auf­ge­teilt, die „Up“- und „Low“-Sei­te. Ab­schlie­ßend noch zwei Al­ben aus mei­nem mu­si­ka­li­schen Um­feld/Freun­des­kreis:

Pe­ter Piek, oh­ne­hin be­kannt als äu­ßerst viel­sei­ti­ger Künst­ler, hat­te be­reits bei sei­nen letz­ten bei­den Al­ben mit elek­tro­ni­schen Ele­men­ten ex­pe­ri­men­tiert, auf „Electric Ba­by­land“lässt er nun die Gi­tar­ren (fast) voll­stän­dig ru­hen. Das Er­geb­nis ist ei­ne Mi­schung aus Neu­in­ter­pre­ta­tio­nen al­ter Songs und neu­en Stü­cken, wie z.b. die wun­der­schö­ne Sin­gle „Gre­en blue“. Ein High­light auch der Song „We should be high“, für das wir zu­sam­men in Si­zi­li­en ein ver­rück­tes Vi­deo dreh­ten.

Bei Pres­syes wie­der­um von ei­nem Neu­be­ginn zu spre­chen, wä­re et­was ab­we­gig, da es sich ja hier­bei um ein De­büt­al­bum han­delt. Je­doch entstand das Pro­jekt aus den Trüm­mern der groß­ar­ti­gen ös­ter­rei­chi­schen In­die­band VELOJET, die Mas­ter­mind Re­ne Mühl­ber­ger nach vier Al­ben auf­lös­te, da er sich nach ei­nem neu­en Tra­de­marksound sehn­te. Er reis­te um die hal­be Welt, füll­te die Wie­ner Alt­bau­woh­nung mit ana­lo­gen Equip­ment und ei­ner An­zahl al­ter Syn­thies und be­gann her­um­zu­ex­pe­ri­men­tie­ren. Her­aus­ge­kom­men ist ein äu­ßerst pop­pi­ges, als auch psy­che­de­li­sches Al­bum, wel­ches an Ta­me Im­pa­la, Pho­enix und Fla­ming Lips er­in­nert. ... gas­tiert am 7.3. ge­mein­sam mit Pres­syes in der Mil­la

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