De­tail­ver­spielt

Opu­lent, skur­ril, gro­tesk – das Münch­ner Stadt­mu­se­um fei­ert den Ju­gend­stil­künst­ler Carl Strath­mann

In München - - ANSICHTSSACHE - Bar­ba­ra Tei­chel­mann

So recht kann man nicht nach­voll­zie­hen, was an dem Ge­mäl­de „Sa­l­am­bo“skan­da­lös ge­we­sen sein soll. Okay, da liegt ei­ne Frau auf dem Bo­den, um de­ren voll­stän­dig be­deck­ten Leib sich ei­ne di­cke schwar­ze Schlan­ge win­det. Und okay, die Schlan­ge zün­gelt ver­däch­tig nah an ih­rem Mund, so dass man mei­nen könn­te, hier wird ge­küsst. Aber hey, selbst wenn dem so wä­re – es han­delt sich um ein Bild. Ge­nau­er: um die künst­le­ri­sche Um­set­zung ei­ner li­te­ra­ri­schen Vor­la­ge. Al­so qua­si Fik­ti­on hoch zwei. Als Carl Strath­mann En­de des 19. Jahr­hun­derts das groß­for­ma­ti­ge und reich ver­zier­te Ge­mäl­de der Münch­ner Öf­fent­lich­keit prä­sen­tier­te, sprach man von „sa­dis­ti­scher Phan­ta­sie“und Mon­stro­si­tät der Darstel­lung“. Ei­nem Künst­ler sei­ne Krea­ti­vi­tät vor­zu­wer­fen ist ja schon pa­ra­dox ge­nug. Vor al­lem, weil man Strath­mann spä­ter da­für kri­ti­sier­te, zu we­nig krea­tiv, son­dern vor al­lem de­ko­ra­tiv zu ar­bei­ten. So ist das eben, passt ei­ner nicht ein­deu­tig in ei­ne Schub­la­de, dann wird’s schwie­rig. Und zwar vor al­lem für die­je­ni­gen, die sich be­ru­fen füh­len, an­de­re zu be­wer­ten und ein­zu­ord­nen. Im Na­men der Kunst­ge­schich­te, ver­steht sich. Mitt­ler­wei­le ist sich die Kunst­ge­schich­te ei­nig, dass Strath­manns Werk in kei­ne Schub­la­de passt. Und schätzt ihn ge­nau da­für, für sei­nen ori­gi­nell, bi­zar­ren Stil, der bis ins Hu­mo­ris­ti­sche reicht. Die Aus­stel­lung „Ju­gend­stil skur­ril“im Stadt­mu­se­um zeigt al­le Fa­cet­ten des 1866 in Düs­sel­dorf ge­bo­re­nen Künst­lers, der 1890 nach Mün­chen kam und bis zu sei­nem Tod 1939 blieb. Zeich­nun­gen aus der Stu­di­en­zeit an der Kunst­aka­de­mie Düs­sel­dorf, Blu­men­stil­le­ben, Ar­bei­ten für das Ber­li­ner Kunst- und Li­te­ra­tur­ma­ga­zin „Pan“, or­na­men­ta­le Mus­ter für Flie­sen und Ta­pe­ten, be­mal­te Wand­be­hän­ge, groß­for­ma­ti­ge His­to­ri­en­ge­mäl­de, Ent­wür­fe für Post­kar­ten ... Ku­ra­tor der Aus­stel­lung Dr. Ni­co Kirch­ber­ger konn­te aber auch aus dem Vol­len schöp­fen. An­fang der 1960er Jah­re ver­mach­te Strath­manns ein­zi­ge Toch­ter den ge­sam­ten Nach­lass ih­res Va­ters dem Münch­ner Stadt­mu­se­um. Ein Glücks­fall. Aus den ins­ge­samt 447 Ob­jek­ten hat Kirch­ber­ger 144 Ar­bei­ten aus­ge­wählt und da­zu zwölf Leih­ga­ben or­ga­ni­siert. Ein re­prä­sen­ta­ti­ves Strath­mann-Pa­n­op­ti­kum tut sich da auf, das chro­no­lo­gisch be­ginnt, um in­halt­lich sor­tiert im­mer tie­fer ins Le­bens­werk vor­zu­drin­gen, dort­hin, wo die Gren­zen zwi­schen Ma­le­rei, Kunst­ge­wer­be und Ka­ri­ka­tur völ­lig ver­schwim­men. Auch Strath­manns sym­bo­lis­ti­sche Aqua­rel­le und Öl­ge­mäl­de ha­ben meist ei­ne hu­mo­ris­ti­sche Ebe­ne und hal­ten so ei­ne ge­sun­de Dis­tanz zu sich selbst und dem Su­jet, das sie dar­stel­len. So trägt der Hei­li­ge An­to­ni­us bei sei­ner Fisch­pre­digt ei­ne knub­be­li­ge Na­se, brau­ne Haus­schlap­pen, und de­kla­miert reich­lich über­trie­ben in Wind und Gischt. Und der Sa­tan selbst ist ein drol­li­ges Tier­chen, das sich zwar mit ei­nem schlan­gen­ar­ti­gen Schwanz am Baum fest­hält, mit sei­nen gro­ßen Oh­ren aber eher wirkt wie der klei­ne Bru­der vom Wol­per­tin­ger. Es gibt schö­ne Meer­jung­frau­en, je­de Men­ge mun­te­re Bac­chan­ten-Um­zü­ge, Clowns, fei­ne Da­men, die Sekt trin­ken, ein Kro­ko­dil, das ei­nen Tu­ba spie­len­den Mu­si­ker beißt, dümm­li­che Bur­schen­schaft­ler, eit­le Gig­gerl, exo­ti­sche Sze­ne­ri­en und his­to­ri­sche Sze­nen – im­mer präch­tig aus­ge­ar­bei­tet, so dass man ganz nah her­an­tritt und sich nicht satt se­hen kann an die­ser über­bor­den­den De­tail­ver­spielt­heit. Kleins­te Farb­tup­fer, auf­ge­kleb­te Edel­stei­ne, dun­kel schim­mern­des Gold, or­na­men­ta­le Blu­men­ran­ken­rah­men, fei­xen­de Ge­sich­ter ... das passt wirk­lich in kei­ne Schub­la­de.

Der will nur spie­len: 1896 aqua­rel­lier­te Carl Strath­mann die­ses rei­zen­de Teu­fel­chen und nann­te es groß­spu­rig „Sa­tan“.

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