Schwe­den­rät­sel

In München - - LITERATUR - Ru­pert Som­mer

Für den Bor­ken­kä­fer mag das ti­tel­ge­ben­de Jahr ein so­li­des, wo­mög­lich pa­ra­die­si­sches ge­we­sen sein – für die gro­ße Mehr­heit der Men­schen in Schwe­den war es ein Kloa­ken­tauch­gang. Ein All­tag im XXL-Sur­vi­val­mo­dus. Un­er­träg­lich, selbst im Aqua­vit­ko­ma. Ge­rech­tig­keit ist ei­ne Uto­pie, die sich noch nicht ein­mal in den Träu­men rea­li­siert. Da ist nur Platz für das nächs­te Stück Brot. Der 13-jäh­ri­ge Kro­nen­stän­der Gus­tav Nr. 4 Adolf spielt lie­ber mit sei­ner ul­tra­fu­tu­ris­ti­schen Holz­märk­lin und schmö­kert in der Brä­vö, an­statt sich den ge­füt­ter­ten Hin­tern zu stra­pa­zie­ren, da­mit das Fuß­volk was zu Kau­en hat. Aus Frank­reich weht ein schar­fer Wind of Chan­ge her­über. Gustls Thron­kol­leg­as wer­den volks­be­lus­ti­gend scha­fot­tiert. Hät­te Bri­an Adams da­mals in Schwe­den ge­lebt, wä­re sein Sum­mer of ‘93 wohl kaum in der Bar­den­hit­pa­ra­de ge­lan­det. Ein Jahr al­so, an das sich in Schwe­den nie­mand ger­ne er­in­nert. Nur die­ser Au­tor mit dem kon­trast­rei­chen Na­men Nacht und Tag. Treib­stoff sei­ner Ge­schich­te ist ein schwer ver­dau­li­cher Lei­chen­fund. Zwei ver­sehr­te Jungs odys­su­chen in und um Stock­holm nach dem Mör­der und be­kom­men da­bei – sonst wä­re es kein Thril­ler – deut­lich mehr zu­ge­mu­tet als ein biss­chen XY-Ede-Kon­fe­renz­schal­tung. Die drei Haupt­lau­schar­gu­men­te lie­gen jen­seits des Ekel­con­tents, den der Au­tor in Shop­ping-Mall-sat­ter Üp­pig­keit aus­brei­tet: Ers­tens die fi­li­gra­ne und hoch­span­nen­de Ver­net­zung der Plot­bah­nen. Zwei­tens kom­ple­xe Fi­gu­ren, die oft ganz an­ders agie­ren als er­war­tet. Drit­tens die Be­leuch­tung des täg­li­chen Über­le­bens­kamp­fes von Björn und As­trid Müs­ter­mann, et­wa im Spinn­haus, wo – meist we­gen Lap­pa­li­en ver­ur­teil­te – Frau­en qua­si um ihr Le­ben spin­nen. Der Au­tor häm­mert ei­nem Bil­der in den Kopf wie aus Fried­rich En­gels’ Stu­die über die ka­pi­ta­lis­ti­sche Aus­beu­ter­höl­le Mit­te des 19. Jahr­hun­derts, Die La­ge der ar­bei­ten­den Klas­se in En­g­land, und aus Vic­tor Hu­gos 1862er-Ro­man Die Elen­den. Das Hör­werk ist bei In­ter­pret Phil­ipp Schep­mann in gu­tem Mun­de. Schep­mann ist ei­ner für die Langstre­cke. Selbst nach stun­den­lan­gem Kn­ab­bern sind die Oh­ren noch dran, wach­sen gar auf Sa­tel­li­ten­schüs­sel­grö­ße, um ja nichts zu ver­pas­sen. Jon­ny Rie­der Ni­k­las Natt och Dag: 1793. Ge­le­sen von Phil­ipp Schep­mann und Si­mon Ro­den, 2 mp3-CDs, knapp 13 Std., www.ho­er­buch-ham­burg.de sind un­ter an­de­rem Wil­ly Brandt so­wie die bei­den Hel­muts – Schmidt und Kohl. Vom herz­lo­sen Wü­ten von Mag­gie That­cher, aber auch von To­ny Blair und dem Br­ex­it-Ver­schul­der Da­vid Ca­me­ron war er schwer ent­täuscht. Das sind An­sich­ten, mit de­nen er sich in sei­ner Hei­mat nicht un­be­dingt Freun­de macht. (Li­te­ra­tur­haus, 11.4.)

Bleibt dann noch der gro­ße Dich­terPhi­lo­soph Tho­mas Gsel­la, des­sen Reim­ko­lum­nen noch im­mer die „Ti­ta­nic“ver­edeln. Er hat her­aus­ge­fun­den, dass Ul­rich Mat­thes na­tür­lich ei­ner der größt­mög­li­chen Schau­spie­ler über­haupt ist. Al­so freun­de­ten sich die bei­den an. Denn Gsel­la schau­spie­lert sehr schlecht, Mat­thes liest aber sehr gut. Manch­mal muss man ein­fach sei­ne Kräf­te ge­schickt ein­tei­len. (Volks­thea­ter, 12.4.)

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