Abs­trak­te Leich­tig­keit

Pa­pier­kunst aus Ja­pan, abs­trak­te Ma­le­rei aus Bel­gi­en und Fra­gen an die künst­le­ri­sche Pro­duk­ti­vi­tät

In München - - INHALT - Bar­ba­ra Tei­chel­mann

Ein Wo­che­n­en­de vol­ler Kunst. Und wenn das Wet­ter mit­spielt, kann man so­gar oh­ne Müt­ze und Schirm durchs Wes­tend stra­wan­zen. Das gan­ze Vier­tel hat sich fein­ge­macht und lädt zum open Wes­tend (Frei­tag, 18 bis 21 Uhr, Sams­tag, 12 bis 20 Uhr, Sonn­tag, 12 bis 19 Uhr, al­le Ver­an­stal­tun­gen und Künst­ler un­ter: open­wes­tend.de). Von kon­kre­ter Ly­rik über Ku­chen und Yo­ga bis hin zur Aqua­rell-Mal­vor­füh­rung ist so ziem­lich al­les da­bei. Ent­we­der lässt man sich trei­ben oder sor­tiert schon vor­her on­line aus, wel­che Ate­liers und Künst­ler*in­nen ei­nen in­ter­es­sie­ren. In­stal­la­ti­on, Ma­le­rei, Bild­haue­rei, Fo­to­gra­fie – es gibt ei­ni­ges zu ent­de­cken. Vor­aus­ge­setzt, man geht hin.

Doch doch doch, das geht. Man kann ver­rei­sen, oh­ne zu flie­gen oder ins Au­to zu stei­gen. Wie? Ganz ein­fach, man setzt sich aufs Radl und fährt zum Mu­se­um Fünf Kon­ti­nen­te. Klar ist man dort nicht wirk­lich ir­gend­wo in Afri­ka oder in Süd­ame­ri­ka – aber ein biss­chen eben doch. Drau­ßen boxt der Win­ter mit kal­ten Wind­bö­en ge­gen den Früh­ling, hier drin­nen kann man ein­tau­chen in frem­de Kul­tu­ren, in ver­gan­ge­ne Zei­ten oder zeit­ge­nös­si­sche Kunst. Schat­ten. Licht. Struk­tur (5. April bis 22. Sep­tem­ber) zum Bei­spiel nimmt uns mit nach Ja­pan, wo das Ar­bei­ten mit Pa­pier ei­ne lan­ge Tra­di­ti­on hat. Ge­zeigt wer­den Pa­pier­in­stal­la­tio­nen des Künst­lers Ko­ji Shi­baz­aki, der 1964 in Kyō­to ge­bo­ren wur­de und heu­te als Pro­fes­sor an der Ai­chi-Uni­ver­si­tät der Schö­nen Küns­te in Na­ga­ku­te lehrt, wo er auch stu­dier­te. Dort lehrt er sei­ne Stu­den­ten, selbst Pa­pier her­zu­stel­len. Wa­shi heißt die­ses wei­che und lang­le­bi­ge, be­son­ders rei­ßund knick­fes­te, hand­ge­schöpf­te Pa­pier, mit dem Shi­baz­aki aus­schließ­lich ar­bei­tet, und das in Ja­pans Kunst der Kal­li­gra­phie ei­ne lan­ge Tra­di­ti­on hat. Für sei­ne In­stal­la­tio­nen ge­stal­tet er Pa­pier durch Licht und um­ge­kehrt. Da­bei gibt es – ähn­lich wie in al­ten ja­pa­ni­schen Wohn­räu­men – nur ei­ne Licht­quel­le, die ent­we­der in das Pa­pier­ob­jekt selbst ein­ge­baut ist und es von in­nen zum Le­ben er­weckt oder es von au­ßen an­strahlt.

Ei­gent­lich war Raoul de Key­ser Sport­re­por­ter. Aber was heißt hier ei­gent­lich? Bloß, weil man das ei­ne mal ge­lernt und ge­macht hat, heißt das ja noch lan­ge nicht, dass man 1. ist, was man tut und 2. nichts an­de­res mehr ma­chen kann. Als der Bel­gi­er in den 1960er Jah­ren zur Kunst fand, hat­te er be­reits die 30 über­schrit­ten. Er nä­her­te sich der Lein­wand auf sei­ne ei­ge­ne Art und Wei­se und lern­te da­bei, was er brauch­te, um das ma­len zu kön­nen, was er sah und für wich­tig be­fand. De Key­ser war ein Au­to­di­dakt, der sich im­mer auf die Ma­le­rei ver­ließ – egal, wer sie ge­ra­de für nicht mehr zeit­ge­mäß oder tot er­klär­te. Er zer­leg­te sei­nen Blick in Flä­che, Li­nie, Form und Raum. Und fragt da­mit sich selbst und uns Be­trach­ter, wie wir das, was uns ganz all­täg­lich um­gibt, wahr­neh­men wol­len. So muss ein Gar­ten­schlauch zum Bei­spiel nicht nur ein Gar­ten­schlauch sein. Es liegt an uns, was wir se­hen. Es liegt an un­se­rem Blick. Wenn man so will, sind De Key­sers abs­trak­te Bil­der Übun­gen im Se­hen. Über hun­dert Ar­bei­ten aus al­len Schaf­fens­pha­sen des 2012 ver­stor­be­nen bel­gi­schen Künst­lers hat die Pi­na­ko­thek der Mo­der­ne für die gro­ße Über­blicks­aus­stel­lung Raoul De Key­ser. OEu­vre (Ver­nis­sa­ge am 4. April ab 19 Uhr, 5. April bis 8. Sep­tem­ber) zu­sam­men­ge­tra­gen – teils aus dem Nach­lass des Künst­lers und teils aus öf­fent­li­chen und pri­va­ten Kunst­samm­lun­gen in Eu­ro­pa, Chi­na, Ja­pan und den USA. Sei­ne ers­te Ein­zel­aus­stel­lung hat­te De Key­ser mit 35 Jah­ren, sei­nen ers­ten gro­ßen Auf­tritt mit 62 Jah­ren auf der do­cu­men­ta IX, als ihn der bel­gi­sche Ku­ra­tor Jan Ho­et ein­lud. Von An­fang an be­schäf­tig­te sich De Key­ser mit dem, was ihn ganz selbst­ver­ständ­lich um­gab. Er mal­te wei­ße Krei­de­li­ni­en auf grü­nem Fuß­ball­ra­sen, Zwei­ge des Baums, den er von sei­nem Ate­lier aus sah, Fens­ter­grif­fe, sei­nen Hund – oder eben ei­nen Gar­ten­schlauch. Er lös­te Ge­gen­stän­de aus dem Kon­text und schenk­te ih­nen ei­ne abs­trak­te Leich­tig­keit des Seins, um ih­nen so neu be­geg­nen zu kön­nen.

1972 prä­sen­tier­te die ita­lie­ni­sche Künst­le­rin Ket­ty La Roc­ca auf der Bi­en­na­le in Ve­ne­dig den ton­lo­sen schwarz­wei­ßen Vi­deo­film „Ap­pen­di­ce per una sup­p­li­ca“(An­hang für ei­ne Bitt­schrift). Zu se­hen wa­ren Hän­de in ver­schie­de­nen Ges­ten, aus­ge­streckt, in­ein­an­der grei­fend, als Faust oder die Fin­ger ab­zäh­lend. Bis heu­te ist die 1976 in Flo­renz ver­stor­be­ne Künst­le­rin ein „ar­tists’ ar­tist“, al­so ei­ne Künst­le­rin, die vor al­lem von an­de­ren Künst­ler*in­nen wahr­ge­nom­men und ge­schätzt wird. In der brei­ten Öf­fent­lich­keit sind ih­re Ar­bei­ten nicht an­ge­kom­men. Da­bei ist ihr Werk, das in der kur­zen Zeit­span­ne zwi­schen 1964 und 1976 ent­stand, äu­ßerst viel­fäl­tig und um­fasst Col­la­gen, Skulp­tu­ren, Fo­to­gra­fi­en, Vi­deo­fil­me, Per­for­man­ces, Zeich­nun­gen und Tex­te. In­halt­lich hat sich La Roc­ca mit der Dif­fe­renz von Zei­chen und Kör­per, Macht und Wi­der­stand be­schäf­tigt. Für die Aus­stel­lung Sup­p­li­ca per un‘ap­pen­di­ce (Ver­nis­sa­ge am 10. April ab 19 Uhr, 11. April bis 12. Mai) kom­bi­niert der Kunst­raum Mün­chen Ar­bei­ten von La Roc­ca mit zeit­ge­nös­si­schen Ar­bei­ten von vier Preis­trä­gern des Künst­ler­hau­ses Vil­la Ro­ma­na in Flo­renz, die sich al­le aus ver­schie­de­nen Rich­tun­gen dem Kern künst­le­ri­scher Pro­duk­ti­vi­tät nä­hern: An­na Möl­ler (geb. 1980) ex­pe­ri­men­tiert mit Stra­te­gi­en des Ent­zugs von Sicht­bar­keit, mit kör­per­li­chen Ges­ten und Ver­stel­lun­gen. Es­ke Schlü­ters (geb. 1970) ver­schleift Leer­stel­len fil­mi­scher Nar­ra­ti­on und macht so die Dif­fe­renz zwi­schen den Bil­dern sicht­bar. Jee­wi Lee (geb. 1987) ar­bei­tet mit der Ma­te­ria­li­tät von Spu­ren und ih­rer Span­nung zwi­schen An­we­sen­dem und Ab­we­sen­dem. Und Le­ra­to Sha­di schließ­lich be­schäf­tigt sich mit de­nen, die kei­ne Spu­ren hin­ter­lie­ßen, mit aus­ge­lösch­ten Le­bens­we­gen und Black Fe­mi­nism.

Far­be, Form und Li­nie – der bel­gi­sche Ma­ler Raoul De Key­ser zer­leg­te die Welt in ih­re ma­le­ri­schen Ele­men­te. Séjour (Auf­ent­halt) nann­te er die­se Stu­die in Grün und Rot auf Weiß (Pi­na­ko­thek der Mo­der­ne)

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