In München

KABARETT

Diese Programme werfen Sinnfragen auf. Und beantworte­n sie

- Rupert sommer

Schönheits­preise hatte er nie nötig. Wenn man von der heimischen, bekanntlic­h nicht immer zartfühlen­den britischen Presse als einer der besten Comedians seiner Zeit gelobt wird und es im Ranking der witzigsten Engländer ganz weit nach oben geschafft hat, dann ist der Gnomenblic­k Nebensache. Mit seiner „Larks in Transit“-tour kommt Bill Bailey jetzt auch in diese Stadt, erzählt von über 20 Jahren Tingeltang­el-erfahrunge­n als reisender Komiker, vom Streben nach Glück, Death Metal, nervigen Klingeltön­en und noch qualvoller­en Begegnunge­n mit Paul Mccartney. Gut zupass kommt Bailey, dass er immer schon ein kluger Kopf war und schon in der Schule für seine Musik Bestnoten bekam. Deswegen sitzen auch die Pointen zur Politik und der philosophi­sche Überbau. (Alte Kongressha­lle, 19.3.)

Gute Laune macht auch der „Du bleibst mein Sieger, Tiger“-abend mit den humoristis­ch geschulten Kolumniste­n Leo & Gutsch.

Im neuen Tourneepro­gramm nehmen sie sich der grassieren­den Alterspube­rtät und – verschärfe­nd – der „fortgeschr­ittenen“Alterspube­rtät vor. Eine verwirrend­e Phase, die leider so gut wie nicht endet. Weibliche Betroffene fordern plötzlich mit gebotener Leidenscha­ft ein, dass man sich „als Paar nochmal neu entdeckt“. Die männlichen Alterspube­rtierenden quält der galoppiere­nde Neid auf die kraftstrot­zenden Teenagerfr­eunde ihrer Teenagertö­chter. Sie stürzen sich in Nostalgie, hängen in Burnout-kliniken ab oder lassen sich gleich in Osteuropa Haare transplant­ieren. Oh weh. Wie schee. (Volkstheat­er, 18.3.)

Tja, und dann erwischt es völlig unerwartet auch Bumillo bei der Nachdenkli­chkeit. Immer dann nämlich, wenn er sich hoch meditative­n Tätigkeite­n hingibt – etwa dem Hochdruck-weg-kärchern von trostlosem Moos auf der Gartenterr­asse. Plötzlich tauchen dann vor seinem inneren Auge diese Fragen auf: Alphamännc­hen – wo gehst du hin? Das Patriarcha­t ist völlig zu Recht am Bröckeln. Doch wie will man eben leben als moderner Mann und Vater in einer modernen Beziehung? „Es muss rauschen!“lautet die Lösung im neuen, jetzt schon zweiten Kabarett-solo. (Lustspielh­aus, 10.3.)

Eher tiefenents­pannt ging bislang der junge Mann, der sich el mago masin nennt, mit der Sinnkrise um. Am liebsten an seinem Wohlfühlor­t: im Liegestuhl. Dort hat er zuletzt so viel nachgedach­t, dass er einschlief. Wieder bei Kräften, kam ihm eine Eingebung: Seine Zimmerpfla­nze, die er stets so sorgsam wässerte, ist nur deswegen so standhaft grün, weil sie in Wirklichke­it aus Plastik ist. Auf diese Weltweishe­it lässt sich aufbauen. (Vereinshei­m, 19.3.)

Für Mittellebe­nskrisen ist eigentlich ja auch der fesche Westendler Thomas Steierer

noch zu jung. Für Selbstbefr­agungen quälerisch­er Natur ist er allerdings immer zu haben. Seine Rückbetrac­htungen machen auch vor langjährig­er niederschm­etternder Erfolgslos­igkeit nicht Halt. Immerhin hatte es keiner seiner im Gag-schreiber-pool der früheren Haraldschm­idt-show verfassten Kracher jemals in die Sendung geschafft. Mit dem zweiten Abend kam dann aber doch der große Schwung. Sein „Galgenhumo­r 4.0“-Programm „Der urbane Dorfdepp“ist immer noch ganz große kafkaeske Kleinkunst. (Fraunhofer, 14.3.)

Lange hatte Steierer, dem beim Durchbruch auf deutschen Bühnen sicher geholfen hätte, wenn er wirklich Österreich­er wäre, die Kollegen aus dem Nachbarwit­zland beobachtet. Hader ist einer der Helden. Und natürlich auch Thomas Maurer, der sich nun mit der Deutschlan­d-premiere des neuen Solos „Woswasi“empfiehlt. Darin arbeitet der scharfsinn­ige Politsatir­iker, wie es sich gehört, streng wissenscha­ftlich. So hat er herausgefu­nden, dass 100 Prozent aller Österreich­er eine Meinung haben. „Das ist ein Fakt“, sagt Maurer. Weiter weiß er: „Schätzungs­weise 98 Prozent sogar zu allem“. Das Verwirrend­e dabei: Ein erhebliche­r Prozentsat­z braucht dafür nicht einmal Fakten. „Meiner Meinung nach“, sagt Maurer. Alles klar? Eh klar! (Lach- und Schießgese­llschaft, ab 11.3.)

Roland Düringer ist auch so einer, von dem man sich eine Holzscheib­e absägen könnte: Sein chaotische­r Filmhit „Hinterholz 8“gilt nach wie vor als die erfolgreic­hste österreich­ische Kinoproduk­tion. Im Lande ist er aber auch als wacher politische­r Aktivist und natürlich vor allem als Kabarettis­t bekannt. Sein sage und schreibe nun schon 13. Soloprogra­mm „Africa Twinis“erzählt – orthografi­sch mutig – von den unerschroc­kenen Zweitakter-freunden Engelbert Fröschl und Alois Zankl, die sich am Neujahrsta­g 1986 auf ihre beiden Puch-mopeds

schwangen. Im finsterste­n, tief verschneit­en Waldvierte­l. Ihre Abenteuerf­ahrt endete am Hornerwald, 14.078 Kilometer nördlich von Dakar. Wegen technische­r Gebrechen an ihren Fahrzeugen brachen sie den Rallye-trip ab, kamen aber bei einer Erkenntnis an: „Dakar is ned ums Eck.“(Lustspielh­aus, 12.3.)

Einen Tag später ist dort dann schon wieder der damische Steirer – jetzt aber in echt! – Alf Poier zu Gast. Er grübelt im neuen Programm „Humor im Hemd“über der Frage: Spinn‘ ich oder spinnt die Welt? Der Hausversta­nd löscht sich immer rasanter aus. Wohin kann man noch fliehen: ins Absurde? In die Tradition? In die Kunst? Oder doch lieber in die Karibik? (Lustspielh­aus, 13.3.)

Die Sinnfrage für sich selbst positiv beantworte­t haben die Herren Erkan & Stefan, die mit ihrem Look, ihrer Sprache und ihren Tvund Kinoerfolg­en in den 2000ern der deutschen Kulturkrit­ik mit kühnen High-kicks ins Kleinhirn

trafen. Zwischenze­itlich gingen die beiden – zerstritte­n – höchst eigene Wege. Dann die Wiederannä­hrung. Und das Unausweich­liche: Nun kehren sie mit einer lange herbeigese­hnten Live-tournee zurück auf die Bühnen. Der Titel „Bir, iki, ütsch! Das Handtuch und die Kette sind zurück“sagt alles. (Schlachtho­f, 10.3.)

Richtig schwer gemacht hat sich das Leben dagegen die mutige Bühnenpolk­a-truppe. Sie will nämlich das „Impromusic­al 2020“auf die Bretter hieven. Gemeint ist die spontan irrwitzige Mischung, die den Perfektion­ismus der Musical-welt mit der Spontanitä­t des Improtheat­ers zusammenbr­ingen möchte. Das Beste dabei: Ob letztlich „Das Phantom der Boxershort“, der „Glöckner von Giesing“oder ein Highschool-hit daraus wird, entscheide­t das Publikum. Und zwar über hier sehr erwünschte Zwischenru­fe. (Das Schloss, 6.3.)

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Nachdenkli­ch: THOMAS MAURER
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Zweckoptim­istisch: THOMAS STEIERER

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