Spitz­bü­bi­scher Mora­list

Die un­bän­di­ge Lust am Pro­vo­zie­ren: Zum Tod des Zeich­ners und Au­tors To­mi Un­ge­rer

Ipf- und Jagst-Zeitung - - KULTUR - Von Wil­helm Roth

(epd) - To­mi Un­ge­rer ge­hör­te zu den we­ni­gen Künst­lern, die so­wohl Er­wach­se­ne als auch Kin­der be­geis­tern konn­ten. 2016 er­schien ein Buch, das die bei­den Li­ni­en durch sein Werk zu­sam­men­führt: „War­um bin ich nicht du?“Da­rin ant­wor­te­te Un­ge­rer auf phi­lo­so­phi­sche Fra­gen von Kin­dern – und fas­zi­nier­te durch sub­ver­si­ven Hu­mor und die Frei­heit des Den­kens. In der Nacht zum Sams­tag ist der el­säs­si­sche Künst­ler ge­stor­ben. Er wur­de 87 Jah­re alt.

Phi­lo­so­phie für Kin­der

Kin­der zwi­schen drei und zwölf Jah­ren fra­gen zum Bei­spiel: „War­um gibt es Geld?“, „Was ist das: Zeit?“oder „Kann man als To­ter noch den­ken?“Un­ge­rers Ant­wor­ten sind meist Ge­schich­ten, sie neh­men die Kin­der ernst, auch auf die Ge­fahr der Über­for­de­rung hin. Vie­le der Ant­wor­ten gel­ten ei­gent­lich den El­tern, die nun auf die Fra­gen ih­rer Kin­der bes­ser ein­ge­hen kön­nen.

Die bei­den Grund­li­ni­en des Phi­lo­so­phie­nuchs prä­gen sein ge­sam­tes, au­ßer­or­dent­lich um­fang­rei­ches Werk: Auf der ei­nen Sei­te schuf er wun­der­bar poe­ti­sche, ko­mi­sche, auch fre­che Bil­der­bü­cher für Kin­der, in de­nen im­mer wie­der auch die Un­heim­lich­keit des Le­bens durch­scheint. An­de­rer­seits zeich­ne­te er Car­toons für Er­wach­se­ne, und selbst in den freund­li­che­ren da­von wird aus dem sa­ti­ri­schen oft ein un­barm­her­zi­ger Blick auf Men­schen, die ein­an­der quä­len. In Bü­chern wie „The Par­ty“oder „Ba­by­lon“stei­gert sich die bis­si­ge Ka­ri­ka­tur zur apo­ka­lyp­ti­schen Vi­si­on.

Trotz­dem ist Un­ge­rer kein Sa­dist. Hin­ter die­sen Zeich­nun­gen steckt Ver­zweif­lung und Trau­er über die Selbst­zer­stö­rung des Men­schen. Doch es fin­den sich auch Ge­gen­bil­der: „Das gro­ße Lie­der­buch“et­wa, an dem er fünf Jah­re ge­ar­bei­tet hat, viel­leicht sein Haupt­werk. Es ist ei­ne von vie­len Zeich­nun­gen be­glei­te­te Samm­lung deut­scher Volks- und Kin­der­lie­der – ei­ne Art rück­wärts­ge­wand­te Uto­pie ei­ner noch hei­len Welt, de­ren Mo­ti­ve er in sei­ner el­säs­si­schen Hei­mat ge­fun­den hat. Un­ge­rer hat aber auch das Lied „Ich hatt' ei­nen Ka­me­ra­den“auf­ge­nom­men und mit Kreu­zen ei­nes Sol­da­ten­fried­hofs il­lus­triert.

Je­an Tho­mas Un­ge­rer, ge­nannt To­mi, wur­de am 28. No­vem­ber 1931 in Straß­burg ge­bo­ren. Er schmiss das Abitur, tramp­te durch Eu­ro­pa, be­gann schließ­lich 1953 ein Kunst­stu­di­um in Straß­burg. Er ar­bei­te­te als Schau­fens­ter­de­ko­ra­teur, mach­te vie­le Rei­sen, die wich­tigs­te 1956 nach New York.

1957 wur­de das für ihn ent­schei­den­de Jahr: Er setz­te sich als Zeich­ner durch, wur­de in „Es­qui­re“, „Li­fe“und der „New York Ti­mes“ge­druckt. Auch sein ers­tes Kin­der­buch „The Mel­lops Go Fly­ing“er­schien 1957. Im sel­ben Jahr lern­te er den jun­gen Ver­le­ger Da­ni­el Keel ken­nen, al­le sei­ne Bü­cher ka­men seit­dem in Keels Dio­ge­nes Ver­lag in Zü­rich her­aus. Keel starb 2011, da­mit en­de­te ei­ne jahr­zehn­te­lan­ge Freund­schaft.

Un­ge­rers künst­le­ri­sche Lauf­bahn ging steil nach oben, mit zahl­rei­chen er­folg­rei­chen Bü­chern, Aus­stel­lun­gen, Prei­sen. 1993 er­hielt er das Bun­des­ver­dienst­kreuz, 1995 den Gro­ßen Na­tio­nal­preis Frank­reichs. 2007 wur­de das Mu­sée To­mi Un­ge­rer in Straß­burg er­öff­net.

2018 ver­lieh ihm das Land Ba­denWürt­tem­berg die Eh­ren­pro­fes­sor­wür­de. Mi­nis­ter­prä­si­dent Win­fried Kret­sch­mann (Grü­ne) lobt sei­nen Ein­satz für die Freund­schaft zwi­schen Deut­schen und Fran­zo­sen. Zugleich zeig­te er sich be­ein­druckt von der un­er­schöpf­li­chen Schaf­fens­kraft Un­ge­rers und sei­ner Uner­schro­cken­heit an­zu­ecken. Un­ge­rer sei „im­mer ein Laus­bub ge­blie­ben, dem die Lust am Pro­vo­zie­ren nie ab­han­den­ge­kom­men ist“, sag­te Kret­sch­mann.

Wäh­rend Un­ge­rers Ruhm im­mer grö­ßer wur­de, zog er sich aus den Me­tro­po­len in die Pro­vinz zu­rück. 1970 ging er nach No­va Sco­tia in Ka­na­da, 1976 in den Süd­wes­ten Ir­lands, wo er seit­dem im Wech­sel mit Straß­burg leb­te. Er un­ter­stütz­te auch so­zia­le Ak­ti­vi­tä­ten, den Kampf ge­gen Aids, das Ro­te Kreuz, Initia­ti­ven für Tier­schutz. Als über­zeug­ter Pa­zi­fist hat er im­mer wie­der ge­gen den Krieg Stel­lung ge­nom­men. Ei­nes sei­ner Pla­ka­te zeigt ei­nen to­ten US-Sol­da­ten, dar­un­ter die Fra­ge: „What Now?“.

Zu Un­ge­rers schöns­ten Ver­öf­fent­li­chun­gen ge­hör­ten drei au­to­bio­gra­fi­sche Bü­cher, in de­nen vor al­lem das In­ein­an­der von Text und Bild fas­zi­niert. In dem Band „Es war ein­mal mein Va­ter“re­kon­stru­ier­te er das Le­ben sei­nes jung ge­stor­be­nen Va­ters Théo Un­ge­rer, der ein be­rühm­ter Uhr­ma­cher­meis­ter war. In „Die Ge­dan­ken sind frei – Mei­ne Kind­heit im El­sass“er­zähl­te er von den Jah­ren des Zwei­ten Welt­kriegs un­ter deut­scher Be­sat­zung und der ers­ten Zeit da­nach.

Und „Heu­te hier, mor­gen fort“be­schwört das ka­na­di­sche No­va Sco­tia, wo Un­ge­rer und sei­ne Fa­mi­lie un­ter Bau­ern und Fi­schern leb­ten. Die Bil­der aus die­ser fast ar­chai­schen Welt hal­ten die Ba­lan­ce zwi­schen Ma­gie und Rea­lis­mus.

FO­TO: GAETAN BALLY

To­mi Un­ge­rer 1931 – 2019.

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